Rezension Ist der Islam grundsätzlich nicht mit Moderne und Demokratisierung vereinbar?

Schlüsseljahr 1979: In Afghanistan sammelten sich die unzufriedenen Islamisten, um gegen die Sowjets und ihre modernen Waffen zu kämpfen.

(Foto: AFP)

Der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta analysiert klug und nüchtern den Fundamentalismus in der arabischen Welt - und entwirft ein apokalyptisches Zukunftsszenario.

Rezension von Moritz Behrendt

Wenn ein Sachbuch fast wie ein Gruselthriller daherkommt, dann kann das am Thema liegen, an der Fähigkeit des Autors, Spannung aufzubauen oder daran, dass er den Boden der Tatsachen verlässt. Auf Wilfried Buchtas neues Buch "Die Strenggläubigen" treffen alle drei zu.

Klug und nüchtern analysiert der Publizist, wie der Fundamentalismus in der heutigen islamischen Welt zur dominanten, ja beinahe hegemonialen Denkrichtung wurde. Nicht weil die meisten Muslime Islamisten sind, das keineswegs, aber weil die Islamisten aggressiver und trotz ihrer vermeintlichen Rückwärtsgewandtheit vor allem innovativer sind als die Kaste der geistig verkrusteten "Hoftheologen", die etwa an der Kairoer Azhar-Universität das Sagen haben, so Buchta.

Wenn sunnitische Autoritäten nach jedem Terroranschlag gebetsmühlenartig verkünden, so etwas habe nichts mit dem Islam zu tun, sie gleichzeitig am wörtlichen Verständnis des Korans festhalten und jede zeitgemäßere Lesart verdammen, dann reicht ihre intellektuelle Strahlkraft tatsächlich nicht aus, um radikaleren Strömungen etwas entgegenzusetzen.

Schlüsseljahr 1979

Für Buchta ist das Jahr 1979 mit drei einschneidenden Ereignissen das Schlüsseljahr für das Verständnis des modernen Islamismus. Nach islamischem Kalender schrieb man damals übrigens das Jahr 1399, eine Zeitenwende also auch mit kalendarischer Symbolkraft.

Neben die Revolution in Iran stellt Buchta die Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch saudische Fundamentalisten, denen selbst das wahhabitische Regime nicht streng genug war. Das saudische Königshaus reagierte hilflos und war auf französische Militärhilfe angewiesen, um die Lage zu befrieden. Das dritte Großereignis, die sowjetische Invasion in Afghanistan, kam den Saudis daher sehr zupass. Es bot ihnen die Gelegenheit, unzufriedene Islamisten - unter ihnen Osama bin Laden - loszuwerden.

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Diese konnten mit Unterstützung aus den USA und Pakistan nun einen angeblich Heiligen Krieg gegen die ungläubigen Kommunisten am Hindukusch ausfechten. Der globalisierte Dschihadismus war geboren.

Die Gegenüberstellung des schiitischen und des sunnitischen Fundamentalismus gehört zu den stärksten Kapiteln des Buches. Der Autor ist Islamwissenschafter, er hat sich ausgiebig mit Iran befasst und jahrelang für die Vereinten Nationen im Irak gearbeitet. Anschaulich schildert er den seit Saddam Husseins Sturz kontinuierlich gewachsenen Einfluss der Iraner im Nachbarland Irak.

Buchta lässt keinen Zweifel daran, dass er die schiitischen Fundamentalisten strukturell gegenüber den Sunniten im Vorteil sieht. Dank Geschick, Khomeinis Charisma und erheblicher Repressionen gelang es ihnen, einen funktionierenden Staat aufzubauen, auf dessen Agenda es bis heute steht, seine revolutionäre schiitische Ideologie zu exportieren.