Süddeutsche Zeitung

Rex Tillerson und die Katar-Krise:Erfolgreicher Diplomat im Schatten Donald Trumps

  • US-Außenminister Rex Tillerson ist in der Katar-Krise tatsächlich zum obersten Diplomaten der Vereinigten Staaten aufgestiegen.
  • Seit die Krise ausgebrochen ist, arbeitet er hinter den Kulissen, um Schlimmeres zu verhindern.
  • Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich zu einer Art begleitendem Botschafter machen lassen, während er durch die Golf-Staaten tourt.

Er könnte hinschmeißen. Dem Ärger um die täglichen Trump-Tweets Adieu sagen. Einfach die Sachen packen, das stolze State Departement in andere Hände geben und nach Texas aufbrechen, ab auf die eigene große Ranch. Mit 65 Jahren endlich Zeit haben und die ganz große Freiheit genießen.

Doch obwohl Rex Tillerson das heimlich vielleicht schon erwogen hat, ist er zurzeit weiter davon entfernt denn je. Denn der US-Außenminister hat nach Monaten, in denen er kaum in Erscheinung trat, so etwas wie seine erste Berufung gefunden. In der Katar-Krise ist er tatsächlich zum obersten Diplomaten der Vereinigten Staaten aufgestiegen.

Seit vor gut vier Wochen die Krise am Golf ausbrach, ist Tillerson zum Telefonisten geworden. Das ist alles andere als despektierlich gemeint. Im Gegenteil, wenn man seinem deutschen Kollegen Sigmar Gabriel ('SPD) glauben kann, dann zieht Tillerson seit den ersten Tagen hinter den Kulissen an allen möglichen Strippen, um Schlimmeres zu verhindern. Und das "in einer zurückhaltenden, vertrauensbildenden Art und Weise", wie es ein westlicher Diplomat ausdrückt.

Er redet, argumentiert, liefert sogar Formulierungshilfen für den Antwort-Brief der Katarer. Weil er vermitteln, helfen, Brücken bauen möchte. Das hätte man unter einem Donald Trump schon fast nicht mehr für möglich gehalten.

Und nun? Ist Gabriel voll des Lobes, während er in diesen Tagen durch die Golf-Staaten tourt. Ja, er hat sich sogar zu einer Art begleitendem Botschafter machen lassen, der auch im Namen Tillersons Argumente überbringt, Mahnungen ausspricht, für mehr Gesprächsbereitschaft wirbt.

Ein wichtiger, wenn nicht entscheidender Grund dafür ist das Selbstverständnis, dass Gabriel auch dann nichts verliert, wenn er ohne Ergebnis nach Hause zurückkehrt. Er ist kein Vermittler und weiß ganz genau, dass am Ende allein die Amerikaner genügend Druck machen könnten, um die Streithähne zur Vernunft zu bringen.

Eine Art professionelle Freundschaft

Tillerson dagegen würde sich schnell schwächen, wenn er jetzt selbst käme und dann keine Erfolge erzielte. Also gibt Gabriel die Vorgruppe, damit beim Hauptstück hoffentlich alles gut geht. Und weil fürs Erste nicht viel erreicht ist, werden sich die beiden am Rande des G20-Gipfels in Hamburg weiter beratschlagen.

Hinter der neuen Nähe steckt natürlich ureigenes deutsches Interesse. Nicht zuletzt zum Schutze der deutschen und europäischen Wirtschaft sucht Berlin viele Wege, um die Folgen der Krise zu begrenzen. Aber es hat sich im Schatten der immer wieder scharfen Kontroverse mit dem amerikanischen Präsidenten zwischen Tillerson und Gabriel eine Arbeitsbeziehung, gar eine Art professioneller Freundschaft entwickelt, die beiden gefällt und die beide immer mehr nutzen, Tillerson wie Gabriel. Quasi täglich sprechen sich die beiden ab und haben darüber gelernt, wie nah sie sich sind beim Blick auf die Katar-Krise.

Ja, auch sie halten es nicht mehr für hinnehmbar, wie sehr Katar bislang Extremisten und Terror-Milizen unterstützt hat. Und ja, deshalb ist es bitter nötig, dass Katar sein Verhalten ändert. Aber sie halten nicht alle Forderungen des Anti-Katar-Quartetts für angemessen. Und sie setzen beide große Hoffnungen auf den Vorschlag, dass sich am Ende alle Golfstaaten gemeinsam an der Nase fassen - und das dunkle, versteckte Unterstützen von religiösen Extremisten und religiös getriebenen Terror-Milizen zu beenden - sei es in Syrien, in Libyen, im Jemen oder sonst wo.

Tillerson kennt sich in der Region aus

Am Rande der Gabriel-Reise hieß es, die Sicht auf die Lage sei im State Department und im Auswärtigen Amt "präzise die Gleiche". Wie anders das plötzlich klingt im Vergleich zum täglichen Trump-Tweet.

Wie das kam? Zuallererst dürfte es damit zu tun haben, dass Tillerson, der Ex-Exxon-Chef, sich in dieser Region auskennt. Er kennt über seinen alten Job des Ölmanagers die Leute, er kennt die Sitten, er genießt eine Autorität, die sich nicht aus dem neuen Amt, sondern aus seiner eigenen Geschichte ableitet.

Und warum hat er selbst sich plötzlich derart in seine Rolle gestürzt? Wenige Tage nach Ausbruch der Krise hat er einem Außenministerkollegen darauf eine Antwort gegeben. So bestürzt wie erleichtert erklärte er, er glaube, dass "wir gerade einen Krieg verhindert haben". Nicht mehr und nicht weniger hat ihn noch einmal neu zum US-Außenminister werden lassen.

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