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Kuba: Fidel Castro:Der ewige Revolutionär

Die Reden beim kubanischen Revolutionsfeiertag klangen kryptisch und nicht nach Veränderung. Ex-Staatspräsident Fidel Castro sprach nicht. Trotzdem rätselt Kuba, warum El Comandante plötzlich wieder in Militärkluft auftritt.

Peter Burghardt

Am Samstag vor dem Fest war am Rande von Havanna ein älterer Mann mit grauweißem Bart und olivgrünem Armeehemd zu sehen. Fidel Castro ehrte in der Ortschaft Artemisa gefallene Genossen von einst. Erstmals seit seinem Rücktritt von den meisten Ämtern wegen seines schweren Darmleidens vor vier Jahren trug Kubas ehemaliger Chefkommandant eine Art Uniform und zeigte sich jenseits der Hauptstadt.

Ehrte den Nationalhelden und traf Intellektuelle: Fidel Castro will offenbar nicht von der Macht lassen.

(Foto: afp)

Der Termin in Militärkluft galt als modischer und symbolischer Höhepunkt seiner Genesung, nachdem er erst sehr vereinzelt in Krankengewand und Trainingsanzug und zuletzt immer öfter und offenbar gesünder aufgetreten war. Danach fragten sich Kubaner und ausländische Interessenten, ob der Máximo Líder von einst womöglich sogar beim Revolutionsfeiertag am Montag erscheinen und sprechen würde. Doch Fidel Castro, bald 84, kam nicht. Und es gab trotzdem eine Überraschung: Auch Raúl Castro sprach nicht.

Seit dem Triumph der Revolution von 1959 wird an jedem 26. Juli der Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne von Santiago de Cuba begangen, der Beginn des Aufstandes gegen den Diktator Fulgencio Batista. Bis 2006 hielt bei diesem Gipfeltreffen des kubanischen Kalenders der eine Castro die Hauptrede, nach 2006 der andere, diesmal erhob keiner der beiden Brüder das Wort.

Das gab es noch nie. Dabei fand die Veranstaltung im heroischen Santa Clara statt, an Gruft und Denkmal des verstorbenen Kumpanen Che Guevara. Präsident Raúl Castro stand im Dress des Oberkommandierenden bloß auf der Ehrentribüne und verteilte nachher Auszeichnungen. Ans Pult trat der ebenfalls 79-jährige Vizepräsident José Ramón Machado, ein spröder Vertreter der alten Garde. Damit zerstoben sehr schnell die Hoffnungen auf einen Beitrag aus neuen Zeiten.

Hatte wirklich jemand mit einer Wende gerechnet unter den Zehntausenden Zuschauern auf dem Platz und denen vor den Fernsehern? Einerseits durften in den vergangenen Wochen mehrere verurteilte Dissidenten die Gefängnisse verlassen, manche von ihnen flogen nach Spanien. Der Oppositionelle Guillermo Fariñas unterbrach in Santa Clara seinen Hungerstreik, mehr als 80 Tage lang hatte er für die Freilassung kranker Gefangener demonstriert. Andererseits ist bislang wenig zu spüren von einem Kurswechsel, den manche in der Ära Raúl Castro vermuteten. Die Wirtschaftslage wird immer schlechter, Kuba braucht dringend Unterstützung. Die Engpässe betreffen auch die Erziehung und Gesundheitsversorgung, revolutionäre Kernressorts.

Die Regierung findet, schuld seien die globale Finanzkrise, Hurrikans und der ewige US-Boykott. Ihre Gegner halten außerdem die kommunistische Planung für verfehlt und warten auf Reformen, die angeblich im Herbst beginnen. Es heißt, dass dann vermehrt selbständige Arbeit und Kooperativen geduldet, einige Subventionen abgeschafft und aufgeblasene Belegschaften verkleinert werden könnten.

Machado sagte diffuse Sätze wie diesen: "Wir werden die Studien und Analysen fortsetzen und weiterhin jene Entscheidungen treffen, die dazu führen, die Mängel zu überwinden und die Gesellschaft zu perfektionieren. Aber diese werden nicht populistisch sein und demagogisch, sondern im Sinne der Verantwortung, Schritt für Schritt, ohne Improvisationen und Übereilungen." Im Übrigen werde man sich "nicht von den Kampagnen der ausländischen Presse leiten lassen".

Das klang eher kryptisch bis stur als nach Veränderung. Außerhalb der Staatsmedien waren die meisten Beobachter ratlos. Und viele rätseln, ob Fidel Castros Rückkehr in die Öffentlichkeit die Bewahrer stärken soll. Ein Machtkampf? Machado verkündete, "die sichtbare Erholung" des vormaligen Comandante en Jefe sei Grund zur "tiefen Freude". Fidel Castro sei "präsent und kämpft an diesem Tag, der ihm und den Kubanern so viel bedeutet". Dazu schimpfte er auf die US-Kriege in Irak und Afghanistan und schickte Grüße an Venezuelas Staatschef Hugo Chávez. Der hatte seine Teilnahme an Kubas Nationalfeier abgesagt und blieb in Caracas, die Gefahr eines kolumbianischen Angriffs auf seine Heimat sei so groß "wie seit 100 Jahren nicht". Machado assistierte mit dem Hinweis, "angesichts der Drohungen und Provokationen hat Venezuela alles Recht, sich zu verteidigen, und kann mit dem festen Rückhalt des kubanischen Volkes rechnen".

Im kubanischen Volk sind viele ratlos und warten auf das, was da kommen mag. Veränderungen? Stillstand? Die KP-Führung vertraut auf die erprobte Geduld der Landsleute. Fidel Castro grüßte zum 26. Juli in der KP-Zeitung Granma, für die er Kolumnen schreibt, und lobte "57 Jahre pausenlosen Kampf für die Unabhängigkeit unseres Vaterlandes. Einige von uns haben das Privileg zu leben". Am Wochenbeginn machte er dann dem Nationalhelden José Martí auf dem Revolutionsplatz von Havanna seine Aufwartung. Zur Feier des Tages wieder in Uniform.

© SZ vom 28.07.2010

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