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Revolution:Solidarität mit den Kämpfern

Michael Frey zeigt eindrucksvoll, wie und warum sich die Neue Linke formierte - lange vor 1968. Ein lehrreicher Weitblick auf den transnationalen Protestzusammenhang der Fünfziger und Sechziger.

Von Isabell Trommer

Spätestens seit der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht 1961 hielten viele linke Amerikaner zu Che Guevara und dem Regime in Havanna. Der bildliche Nachruhm in Form von Revolutions-Romantik hält bis heute an.

(Foto: imago)

In den Fünfzigerjahren führten die Vereinigten Staaten auf dem Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean zahlreiche Kernwaffentests durch; am 1. März 1954 wurde die Wasserstoffbombe "Bravo" gezündet. Sie hatte eine enorme Sprengkraft, zerstörte mehrere Inseln und erfasste ein japanisches Fischerboot. In der Bundesrepublik Deutschland verkündete Kanzler Konrad Adenauer drei Jahre später, taktische Atomwaffen seien bloß eine "Weiterentwicklung der Artillerie", und im März 1958 stimmte das Parlament für die atomare Ausrüstung der Bundeswehr im Rahmen der Nato.

Ereignisse wie diese verliehen einer globalen Friedensbewegung Aufwind. Neben der 1957 entstandenen Kampagne "Kampf dem Atomtod" bildeten sich in der Bundesrepublik im Sommersemester 1958 zahlreiche Studentenausschüsse. Zu einer großen Sache wurden die Achtundfünfziger jedoch nicht, das blieb, eine Dekade später, einer anderen Bewegung vorbehalten.

Mit dem Jahr 1968 wiederum verknüpften sich dann vielfältige Veränderungen der Republik und ebenso viele Deutungen: Generationenkonflikt, politische Protestbewegung, kulturelle Revolte, Wertewandel, globale Rebellion oder reines Medienereignis. Neben 1968 werden dabei entweder die langen Sechzigerjahre in den Blick genommen oder aber die Jahre 1966 und 1967 als formative Phase.

Der Widerstand gegen den Krieg in Vietnam reicht nicht zur Erklärung weltweiter Proteste

Der Historiker Michael Frey setzt in seinem Buch "Vor Achtundsechzig" früh und anders an: Bei ihm wird die Vorgeschichte zur Geschichte. Er untersucht die kommunistischen und sozialistischen Bewegungen der Nachkriegszeit sowie die sich seit 1956 neu konstituierende Linke. Die Weichen sind eben überall, wie Hans-Ulrich Wehler schrieb, vor 1968 gestellt worden. Frey nimmt dabei sowohl die jeweiligen nationalen Entstehungsbedingungen in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten als auch internationale Protestzusammenhänge und Wechselwirkungen in den Blick. Der Widerstand gegen den Vietnamkrieg sei jedenfalls keine hinreichende Erklärung für die zeitgleichen Proteste in vielen Ländern der Welt.

Ohne den Kalten Krieg, diese Überlegung steht bei Frey im Mittelpunkt, hätte es die Neue Linke nicht gegeben. Sie ist für ihn weder feste politische Identität noch generationelle Einheit, er versteht sie als Teil einer globalen Gesellschaftsgeschichte. Die Entwicklung linker Bewegungen vollzieht der Historiker nicht nur anhand der Falken, der Jungsozialisten, der Naturfreundejugend oder der Gruppen des Civil Rights Movement nach, sondern auch anhand der Gründung und Entwicklung von Zeitschriften. Das sind die gelungensten und spannendsten Passagen in diesem Buch. 1954 entsteht in den Vereinigten Staaten die (noch heute lesenswerte) Dissent, die American Socialist folgt, 1956 die Liberation; in der Bundesrepublik sind es beispielsweise 1954 die Sozialistische Politik, 1955 die Andere Zeitung oder 1957 Konkret.

Michael Frey: Vor Achtundsechzig. Der Kalte Krieg und die Neue Linke in der Bundesrepublik und in den USA. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020. 471 Seiten, 42 Euro. E-Book: 33,99 Euro.

Als bestimmend für die Linke in den Vereinigten Staaten - verzögert auch in der Bundesrepublik - sieht Frey die Abgrenzung von der Sowjetunion seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dissent etwa wollte undogmatisch links sein und richtete sich sowohl gegen den Stalinismus als auch gegen den McCarthyismus. Ansonsten habe der linke Konsensliberalismus dieser Tage so ausgesehen: Eine progressive Gesellschaftspolitik verband sich mit antitotalitären Positionen, wenn es um außenpolitische Fragen oder die Bewertung von Regimen ging. Der XX. Parteitag der KPdSU und der Entstalinisierungsprozess in Osteuropa weichten die antikommunistische Haltung mancher Gruppierungen auf. (Ähnliches gilt für die Phase der Entspannungspolitik ab den Sechzigerjahren.) So knüpfte die Neue Linke etwa Kontakte zu osteuropäischen Jugendorganisationen. Doch es blieb ein Zick und ein Zack: Die geopolitischen Einschnitte des Jahres 1956, die Suezkrise und die Niederschlagung des Ungarnaufstands, sollten nicht nur Kommunisten und Sozialisten in aller Welt desillusionieren, sondern die gesamte politische Linke durchrütteln und neue Formen und Bündnisse anstoßen.

Bald wurde die sogenannte Dritte Welt als globale Kraft entdeckt und irritierte die bipolare Ordnung: In den Vereinigten Staaten solidarisierten sich viele Linke ab 1961 mit Kuba, in der Bundesrepublik ab Ende 1960 mit der algerischen Befreiungsbewegung. Der Algerienkrieg war da schon sechs Jahre in Gang. In der Entwicklungsgeschichte der bundesdeutschen Neuen Linken markiert die Verschmelzung des Atomrüstungsthemas mit der Kolonialproblematik laut Frey einen Wendepunkt; als sich die studentische Antiatombewegung Anfang 1959 auflöste (wenig später entstand die Ostermarschbewegung), hätten die Strukturen überlebt.

In den USA war die Revolution in Kuba, in Deutschland der Algerienkrieg ein Auslöser

Wo sich 1967 und 1968 Protest regte, habe es bereits aktive Universitätsmilieus und außeruniversitäre, durch die Achtundfünfzigerbewegung und die Algeriensolidarität gefestigte Netzwerke gegeben. Ältere und jüngere Intellektuelle sowie Aktivisten seien über persönliche Kontakte und Zeitschriften miteinander verbunden gewesen. Die Solidarisierung mit Algerien oder Kuba habe einen transnationalen Raum eröffnet, so der an der Universität Duisburg-Essen lehrende Historiker, und letztlich dafür gesorgt, dass auch die Normen der jeweils eigenen Gesellschaft infrage gestellt wurden: In den Vereinigten Staaten von Amerika geriet zusehends die rassistische Segregation in den Blick, in der Bundesrepublik die NS-Vergangenheit. Für den Vietnamkrieg und die Proteste gelte diese innenpolitische Rückbindung einmal mehr.

In der Beschäftigung mit der Studentenbewegung stünden häufig eher ikonische Ereignisse wie der Tod Benno Ohnesorgs im Mittelpunkt als die sich über eineinhalb Jahrzehnte vollziehende Anbahnung. Doch die Neue Linke gab es schon, bevor Rudi Dutschke auf den Plan trat. Ein Problem dieses "Eruptionsparadigmas" sei, dass Aktivisten wie Wolfgang Abendroth, Helmut Gollwitzer oder Fritz Lamm sowie der Einfluss kommunistischer und trotzkistischer traditioneller Linken unterschätzt würden.

Freys Buch besticht durch die differenzierte und unaufgeregte Darstellung. Gelegentlich fordert der Autor seine Leser mit langen Zitaten heraus, das tut der Lektüre letztlich jedoch keinen Abbruch. Es ist eine lehrreiche und überaus geglückte Studie, die den transnationalen Protestzusammenhang der Fünfziger und Sechziger erhellt, etablierte Deutungen wie Periodisierungen irritiert und den Blick weitet, ohne die Bedeutung von 1968 völlig abzuschatten.

Isabell Trommer ist Politikwissenschaftlerin.

© SZ vom 13.07.2020

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