bedeckt München 30°

Rettungspläne:Die etwas andere Mitarbeiterbeteiligung

Piloten und Kabinenpersonal sollen mehr als eine Milliarde Euro zur Sanierung der Lufthansa beitragen.

Von Jens Flottau

Am Ende deutete vieles daraufhin, dass doch noch alles gut werden würde. Großaktionär Heinz Hermann Thiele stellte zwar zahlreiche detaillierte Fragen, hatte aber schon angekündigt, bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Lufthansa nach einer Woche des Abwägens dem staatlichen Rettungspaket zuzustimmen. Damit zeichnete sich mit Hilfe der übrigen angemeldeten Anteilseigner, insgesamt 39 Prozent des Gesamtkapitals, eine Mehrheit dafür ab, obwohl sie in einer langen Liste ihre Kritik an den Staatshilfen hinterlegten. Selbst der sonst nicht zu Gefühligem neigende Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley vermeldete in seiner Eröffnungsrede: "Wir packen das."

Mit "das" meinte er die Corona-Krise, deren Bewältigung bei der Fluggesellschaft Milliarden verschlingen wird. Neun Milliarden Euro wird es den Konzern nach eigenen Berechnungen kosten, die unmittelbaren Folgen zu beherrschen und den Status als eines der führenden Luftfahrtunternehmen der Welt zu verteidigen. Kein privater Investor und keine Bank war bereit, der Airline auch nur annähernd so viel Geld zu leihen, also musste der Staat einspringen: Eine stille Beteiligung von 5,7 Milliarden Euro, ein direkter Anteil von 20 Prozent für 306 Millionen Euro und Kredite der KfW und eines privaten Bankenkonsortiums in Höhe von drei Milliarden Euro sind die Kernpunkte der Rettungsaktion.

Thiele, der gut 15 Prozent der Lufthansa-Aktien besitzt, hatte die Bedingungen der Staatshilfen kritisiert. Kley und Vorstandschef Carsten Spohr versuchten, Thiele und den restlichen Aktionären deutlich zu machen, dass sie ihre Bedenken zwar teilten, aber keine Alternative hätten, als den Bedingungen doch zuzustimmen. "Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer", sagte Kley. Der Einstieg des Staates "dient nur der Stabilisierung" und solle so schnell wie möglich beendet werden, idealerweise bis Ende 2023. Es sei vereinbart, dass es "keine politischen Eingriffe in das Geschäft" geben werde.

Lufthansa steht nun nach den Worten von Spohr vor einer "umfassenden Restrukturierung". Sie muss an allen Ecken und Enden sparen, um das Geld zurückzahlen, das Geschäft wieder aufbauen und weiter in neue Flugzeuge investieren zu können. Bei den Personalkosten zeichnen sich bereits Änderungen ab. Spohr hatte gewarnt, rechnerisch seien langfristig 22 000 Mitarbeiter zu viel an Bord, 138 000 sind bei Lufthansa insgesamt beschäftigt. Ausgerechnet mit der sonst so hartnäckigen Flugbegleitergewerkschaft UFO hat sich das Unternehmen in der Nacht auf Donnerstag als Erstes auf ein Krisenpaket geeinigt. Demnach sinken die "Personalstückkosten", wie Spohr es formulierte, in der Kabine erst einmal um 17 Prozent. Gleichzeitig wird es bei den Flugbegleitern keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Möglich ist das durch Teilzeit, durch sinkende Gehälter, reduzierte Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung, freiwillige Abfindungen und unbezahlten Urlaub. Insgesamt spart Lufthansa dadurch nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Milliarde Euro ein.

Laut Spohr sind zudem die Verhandlungen mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) "auf gutem Weg" und würden niedrigere Kosten in ähnlicher Größenordnung bringen, wenn sich beide Seiten einigen können. Die Piloten wollen versuchen, über Teilzeit Entlassungen zu verhindern. Alle müssten demnach rund 20 Prozent weniger fliegen, zumindest so lange, bis der Verkehr wieder auf das alte Niveau zurückkehrt. Problematisch ist die Lage allerdings bei Verdi, die Gewerkschaft vertritt die Bodenmitarbeiter. Sie will erst nach der Hauptversammlung weiterverhandeln. Spohr machte deutlich, dass ohne ein Entgegenkommen weiterhin betriebsbedingte Kündigungen drohten.

Noch bevor die Aktionäre abstimmten, hatte die EU-Kommission die Hilfen der Bundesregierung für die Lufthansa genehmigt, allerdings unter Auflagen. So muss Lufthansa Slots an den beiden Drehkreuzen in Frankfurt und München abgeben, damit Konkurrenten dort leichter und zu attraktiven Tageszeiten Flüge anbieten können. Zusätzlich verbietet die Kommission der Lufthansa bis auf Weiteres, sich mit mehr als zehn Prozent an anderen Unternehmen in der Branche zu beteiligen.

Vor der Corona-Krise hatte die Lufthansa noch erwogen, Konkurrenten wie Alitalia oder Norwegian ganz zu übernehmen oder sich an Partnern wie TAP Portugal zu beteiligen. Sie wird gut damit leben können, diese Pläne nun bis auf Weiteres erst einmal auf Eis legen zu müssen. Sie braucht in den nächsten Jahren sowieso jeden Euro selbst.

© SZ vom 26.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite