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Republikaner-Parteitag:Der düstere Vater und die strahlenden Trump-Kinder

The 2016 Republican National Convention

Ex-Model Ivanka Trump lächelt auf dem Parteitag der Republikaner in Cleveland was ihr Strahlemund hergibt.

(Foto: Bloomberg)

Donald Trump will nur mit den Stimmen der verängstigten Weißen US-Präsident werden. Um Kritiker kümmert sich - wenn überhaupt - die jüngere Trump-Generation. Fünf Lehren des Republikaner-Parteitags.

Von Matthias Kolb, Cleveland

80 Minuten lang hat Donald Trump zum Ende des Parteitags in Cleveland geredet (nachzulesen im SZ-Liveblog) und mit seinem bombastischen, düsteren Auftritt das diesjährige Treffen der Konservativen geprägt. Obwohl seine Fans ihn gerne mit dem legendären Ronald Reagan vergleichen, hat der brüllende Auftritt des 70-Jährigen mit dem positiven Kalifornier Reagan wenig zu tun - alles erinnert an den paranoiden Richard Nixon, der sich wie nun Trump als "Kandidat für Gesetz und Ordnung" inszenierte, ehe ihn der Watergate-Skandal 1974 zu Fall brachte.

Die meisten Pannen (aufmüpfige Delegierte, Michelle-Obama-Zitate in Melania Trumps Rede oder kaputte Video-Leinwände) sind heute schon vergessen. Es sind diese fünf Beobachtungen, die weit über das Treffen in Cleveland hinaus Bestand haben werden:

Trumps Motto: "Make America Afraid Again". Diverse Medien bilanzierten Trumps Rede auf diese Weise als Angstmacherei. So düster wie der 70-Jährige kann man die Lage Amerikas nur zeichnen, wenn man auf Kontext verzichtet, Zahlen verdreht und alle positiven Entwicklungen (etwa deutlich geringere Arbeitslosigkeit) ignoriert. Trump ist offenbar überzeugt, mit dieser Taktik genug enttäuschte und frustrierte Amerikaner in Midwest-Staaten wie Ohio, Pennsylvania oder Michigan für sich gewinnen zu können.

Die Ankündigung, Amerika wieder großartig zu machen, beeindruckt vor allem die weiße Mittelschicht - nicht aber Schwarze, berufstätige Frauen, Homosexuelle oder Latinos. Dass Trump kein Interesse hat, die Grand Old Party für Latinos zu öffnen, zeigte sich auf dem Parteitag immer wieder: Abgesehen von sorgfältig ausgewählten spanisch-stämmigen Rednern wurden Migranten als illegale Einwanderer beschrieben, die das Sozialsystem ausnehmen und "unsere wunderschönen Frauen" vergewaltigen oder ermorden wollen. Trumps Image in der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe ist historisch schlecht - und dürfte sich nach diesem Auftritt noch verschlechtern.

In der Halle kommt Trump gut an; auch weil viele der trump-kritischen Delegierten ihre Plätze anderen überlassen haben. Dass er verspricht, das Recht auf Waffenbesitz ebenso zu schützen wie Israel, wird bejubelt, doch die Bedenken, dass es Trump vor allem um sein Ego und nicht um konservative Werte geht, dürften nicht ausgeräumt sein. Selbstbewusstsein und Entschlossenheit kann Trump vermitteln, aber im Vergleich zu Reagan, Obama oder auch Bill Clinton hat er nichts Leichtes oder Optimistisches - und er versucht es auch nicht. "Ich bin die Lösung" muss als Angebot reichen.

"Sperrt sie ein": Die bösen Attacken gegen Hillary wirken. Jeder Abend stand unter einem Motto, das Trumps von Reagan geklauten Slogan "Make America Great Again" variierte. Doch erinnern wird man sich weniger an "Macht Amerika wieder sicher/funktionierend/zur Nummer Eins", als an die Sprechchöre mit den Worten "Lock Her Up." Darauf, dass Hillary Clinton nie ins Weiße Haus kommen darf, können sich alle Republikaner einigen. Ansonsten hat Trump die Partei nicht wirklich zusammenführen können - auch wenn der letzte Abend mit "Make America One Again" überschrieben war.

Der Clinton-Hass erlaubt allen, die den Immobilien-Mogul nur widerwillig unterstützen, eine Rede zu halten, ohne Trump loben zu müssen. Bis zum 8. November wird es ständig um den Angriff aufs US-Konsulat in Bengasi 2012 gehen, bei dem vier Amerikaner starben, sowie um die E-Mail-Affäre. Beide Themen sind ungemütlich für die unpopuläre Ex-Außenministerin, denn sie erinnern an die alten Vorurteile: Clinton wirke gefühlskalt, entschuldige sich nie und sei wie Ehemann Bill überzeugt, dass Regeln nur für andere gelten (mehr in diesem SZ-Text).

Dass ihr Parteifreund, FBI-Chef James Comey, nicht empfohlen hat, Clinton in der E-Mail-Affäre anzuklagen, versteht in Cleveland kein Republikaner: "Hillary for Prison" steht auf vielen T-Shirts. Buttons, die die 68-Jährige hinter Gitterstäben zeigen, sind besonders beliebt.

Der rechte Rand ist die neue Mitte. Dass es für Dutzende Redner völlig normal ist, den Gegner als "kriminell" zu bezeichnen, ist selbst für den rauen US-Politbetrieb etwas ganz Neues. Mit jedem Tag suchen die Republikaner nach neuen Superlativen. Die harschesten Anschuldigungen ("Clinton persönlich hat meinen Sohn auf dem Gewissen") und Sprüche ("sie soll einen orangenen Hosenanzug tragen, wie im Gefängnis") werden am längsten bejubelt.

Die Allgegenwart des "Lock her up"-Spruchs zeigt, wie sehr Trump das Erscheinungsbild der Republikaner prägt. Noch vor einem halben Jahr waren es nur Figuren vom rechten Rand wie der Verschwörungstheoretiker Alex Jones oder Talkradio-Moderatoren, die "Hillary in den Knast" riefen.

Dass diese Thesen nun in der Mitte der Partei angekommen sind, wodurch die gesamte Veranstaltung schrill, bösartig und substanzlos wirkt, hat noch einen anderen Grund. Viele jener Senatoren, Abgeordneten und Parteimitglieder, die die Grand Old Party für Latinos öffnen oder über konkrete Ideen diskutieren wollen, haben die Trump-Krönungsmesse boykottiert - und können wie Jeff Flake aus Arizona nur via Twitter zur Vernunft rufen.

Für Trump ist nichts wichtiger als seine Familie und sein engster Kreis. Der Superstar-Auftritt von Ivanka, der Lieblingstochter von Donald Trump, hat es endgültig bewiesen: Die vier erwachsenen Kinder sind ein großes Plus für ihren wahlkämpfenden Vater. Ivanka und Donald junior, der am zweiten Tag sprach, wirken moderner, weniger ausgrenzend und angriffslustig. Und das Argument, dass sich an den Kindern auch der Charakter und die Werte der Eltern ablesen lassen, könnte auch Wechselwähler überzeugen.

Die quälend lange Diskussion über das Plagiat in der Rede von Melania Trump verpatzte den Auftritt der Milliardärsgattin (Details hier). Dass die verantwortliche Mitarbeiterin Meredith McIvers nicht gefeuert wurde, offenbart etwas Interessantes: Die Redenschreiberin gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zum engsten Kreis des Geschäftsmanns und diese Gruppe ist ihm langfristig mehr Wert als kurzfristig politisch zu punkten. Loyalität ist also das Wichtigste - McIvers gehört zu jener "us and blood"-Gruppe aus langjährigen Vertrauten und der Familie. Neben den erwachsenen Kindern sind sie offenbar die Einzigen, die Trump etwas bedeuten (Hintergründe bei der Washington Post).

Ted Cruz und Donald Trump werden nie mehr Freunde. Trumps Auftritt überdeckt viele Pannen der ersten drei Parteitag-Tage. Die Reaktionen auf seine Rede (von "Präsident Paranoia" über "Ich habe erstmals Angst vor einem Politiker" bis zu Lobeshymnen im konservativen Talkradio) sind so eindeutig, dass seine "Habt Angst, aber ich allein bin die Lösung"-Botschaft fast alles überschattet. In Erinnerung bleiben wird daneben nur jener Auftritt von Ted Cruz, der zur besten Sendezeit keine Wahlempfehlung für Trump abgab, sondern den Delegierten empfahl, ihrem "Gewissen" zu folgen.

Der Texaner, der seine Zurückhaltung auch mit Trumps üblen Beleidigungen gegen seine Frau und seinen Vater begründet hat, dokumentiert damit, wie groß die Vorbehalte in der konservativen Bewegung sind - und die Reaktion des Milliardärs zeigt, dass er Kritiker einfach ignoriert oder niederwalzt. Fest steht: In diesem Leben werden der Texaner und der New Yorker Baulöwe keine Freunde mehr - und dass Cruz für dieses Statement seine Karriere riskiert, verdient Respekt (auch wenn man seine ultrakonservativen, hochideologischen Ansichten nicht teilt).

© SZ.de/ghe/feko
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