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Reporter Bob Woodward im Interview:"Ich mache mir schon Sorgen um den Journalismus"

Bob Woodward hat einst den Watergate-Skandal mit enthüllt. Der 64-Jährige über die Zukunft des Journalismus und seine Begegnungen mit Ex-US-Präsident Bush.

Bob Woodward wohnt im Haus mit dem höchsten Türmchen in einer an Erkern und Türmchen reichen Straße in Washingtons Stadtteil Georgetown. Drinnen stellt eine Haushälterin Kaffee auf einen antiken Tisch in einem Salon. Alles steht bereit, wenn Amerikas berühmtester Journalist erscheint. Er steht jeden Morgen um fünf Uhr auf und verliert ungern Zeit. Zunächst vergewissert er sich, dass das Aufnahmegerät funktioniert, dann antwortert er mit sonorer Stimme. Fragen zu Carl Bernstein scheinen ihn zu langweilen.

Bob Woodward; AP

Der Journalist Bob Woodward trug in den 70ern maßgeblich zum Rücktritt Richard Nixons bei.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Mister Woodward, Sie hatten den größtmöglichen Erfolg mit 29. Was auch immer Sie in Zukunft tun werden, in Ihrem Nachruf wird der erste Satz sein: Bob Woodward war der Mann, der maßgeblich den Watergate-Skandal mit enthüllt hat. Seitdem haben Sie dennoch zahlreiche Bestseller veröffentlicht. Was treibt Sie?

Bob Woodward: Journalismus ist ein großartiger Beruf. Wenn Menschen von einem anderen Planeten kämen, um ein Jahr auf der Erde zu bleiben, und fragen würden: Was ist der beste Beruf? Dann müsste man ihnen sagen: der des Journalisten. Als Journalist tritt man vorübergehend in die Leben von Menschen, wenn sie interessant sind, und dann geht man wieder raus. Von einem Newsroom geht eine eigene Energie aus. Es geht immer darum: Was passiert, was ist überraschend, was ist unbekannt? Niemand bekommt den Auftrag, rauszugehen und etwas Langweiliges zu finden.

SZ: Aber war nach Watergate nicht alles irgendwie langweilig?

Woodward: Nachdem Nixon zurückgetreten war, winkte mich Howard Simons, der damals Nachrichtenchef war, durch ein Glasfenster in sein Büro. Er sagte, ich solle mich setzen und mir die Nachrufseite der New York Times anschauen. Da stand so etwas wie: Roger Smith, der 1947 einen Pulitzer-Preis gewonnen hat, ist mit 87 Jahren gestorben. Simons sagte: Das bist du. Der hat 1947 etwas geleistet, nun haben wir 1974, und man hat seitdem nie wieder etwas von ihm gehört. Er sagte mir, dass es auf den Teil des Tages ankommt, den man von innen heraus motiviert verbringt.

SZ: Wie ist es Ihnen gelungen, sich das zu bewahren?

Woodward: Jede Geschichte, auch die routinierteste, ist jedes Mal wieder ein neues Geheimnis. Es geht immer wieder darum, die Leute und Orte zu finden, die die schnellsten Antworten auf Fragen geben. Nach unserem Gespräch sagte mein Chef, nimm deinen Arsch hier raus und gehe zurück an die Arbeit. Ich denke, das war ein guter Rat. Mach dir keine Sorgen über die Vergangenheit oder deinen Nachruf. Was zählt, ist die Geschichte.

SZ: War es denn möglich, einfach auf die Straße zu gehen? Als jemand, der in einem Blockbuster von Robert Redford gespielt wurde, und als jemand, den jeder kennt? Sie und Bernstein waren die bekanntesten Journalisten der Welt...

Woodward: Sie dürfen das nicht ernst nehmen! Was heißt das schon? Ein bestimmter Prozentsatz der Leute mag das wahrgenommen haben, ein anderer nicht. Das Einzige, worauf es ankam, war: Woran arbeitest du und was hast du? Weißt du, worüber du sprichst? Bist du ernsthaft daran interessiert, etwas zu verstehen? Ich habe vier Bücher über George W. Bush geschrieben, weil ich Leute davon überzeugt habe, dass ich Menschen so ernst nehme wie sie sich selbst. Die wussten: Da kommt jemand, der rausfinden will, was passiert ist, der nicht parteiisch ist, der nichts politisieren will.

SZ: Sie denken nicht, dass Ihr Name Ihnen den Zugang erleichtert hat?

Woodward: Ich denke, die Macht im Journalismus liegt nicht darin, wer man ist oder für welche Institution man arbeitet. Es geht um die Information, die man hat. Wirkliche Macht kommt mit der Information. Verifizierte, wichtige, neue, etwas offenbarende, detaillierte Information. Selbst wenn der unbedeutendste Reporter der Welt im Weißen Haus anruft und sagt: Ich weiß, dass es gestern ein Treffen gegeben hat um 14.30 Uhr, in dem der Präsident eine verdeckte Aktion autorisiert hat für ein bestimmtes Land, dann kann man damit arbeiten.

SZ: Sie haben dennoch einen sehr privilegierten Zugang. Für Ihr Buch über den Supreme Court haben Sie einen Richter 16 Mal getroffen. Die Frau eines Mannes, über den Sie schrieben, sahen Sie über 30 Mal. Selbst Präsident Bush durften Sie mehrmals besuchen...

Woodward: ...bei Bush waren es elf Stunden!

SZ: Wir indes haben ein sehr enges Zeitfenster für dieses Interview. Wenn ich versuchte, Sie 30 Mal zu treffen, würde Ihnen das wahrscheinlich ziemlich auf die Nerven gehen. Wie vermeiden Sie das?

Woodward: Indem ich den Leuten nicht auf die Nerven gehe. Indem ich sie davon überzeuge, dass ich es ernst meine, ernsthaft bin und neue Informationen habe. Sie haben Ihre Hausaufgaben ja auch gemacht und wissen, wie oft ich mit wem gesprochen habe. Wenn ich schon einmal mit jemandem gesprochen habe, dann melde ich mich und sage, ich habe noch Fragen und ich habe noch Informationen. Das Thema ist, dass Sie Leute ernst nehmen müssen.

SZ: Wie haben Sie zum Beispiel Zugang zu Bush bekommen?

Woodward: Ich habe Leute um ihn herum interviewt, in den unteren, mittleren und oberen Ebenen. Sie wussten, dass ich daran arbeite. Dann habe ich beispielsweise bei meinem zweiten Buch "Plan of Attack" ein 21-seitiges Memo geschickt, in dem Dinge standen, von denen ich wusste, dass sie passiert waren.

SZ: Und Bush liest das?

Woodward: Kollegen sagten mir: Bist du wahnsinnig? Der liest so etwas Langes nie!

SZ: Hat er es gelesen?

Woodward: Ich habe es an einem Mittwoch abgeschickt und am Donnerstag rief mich Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin des Präsidenten, an und sagte, ich solle vorbeikommen. Sie sagte: Sie haben viele Details. Sie können das schreiben, ob Sie nun mit dem Präsidenten sprechen oder nicht. Ich sagte, natürlich kann ich. Dann sagte sie: Wir sehen uns morgen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, über wen Woodward sein nächstes Buch schreiben will.