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Porträtserie "Sie sind das Volk":Warum Sebastian Hanisch Soldat wurde

Er merkt auch häufig, dass Leute gar nicht mehr wissen, was die Bundeswehr macht und warum. "Sie fragen zum Beispiel: Warum müsst Ihr so oft auf den Truppenübungsplatz? Das kostet doch Steuergelder!" Er findet solche Fragen aber nicht schlimm. Der Soldat sei inzwischen eben ein Beruf für Spezialisten, wie die meisten anderen auch. "Die Gesellschaft weiß ja auch nicht, warum ein KFZ-Mechatroniker dreimal prüft, ob auf einer Leitung Strom ist."

Warum er nach dem Grundwehrdienst weiter machte, erklärt er heute so: "Wenn ich als Koch jemandem ein leckeres Essen koche, dann stelle ich es hin, er isst es und ...", er führt die Hand zum Mund und schnipst mit den Fingern, "es ist weg". Die Bundeswehr hingegen hat das Langfristige im Blick: "Es ist wichtig, was sie macht. Es ist nachhaltig. Und ich bin ein Teil davon."´

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Für Hanischs Verhältnisse ist das viel Pathos. Eigentlich meidet er Überhöhungen seines Berufs. Er ist keiner, der sich über den Job definiert. "Wenn ich meine Uniform ausziehe, dann bin ich auch kein Hauptfeldwebel mehr", sagt er. "Aber wenn ich sie anhabe, bin ich immer noch Sebastian Hanisch." Und so spiegelt sich in ihm ein Spannungsverhältnis, das die Bundeswehr bis in die höchsten Führungsebenen beschäftigt: Denn einerseits will sie ja ein ganz normaler, moderner Arbeitgeber sein, andererseits steckt in ihr so viel Politik, dass sie immer mehr sein wird als ein Unternehmen.

"Haltungsproblem" oder "Querschnitt der Gesellschaft"

Wäre die Bundeswehr ein normales Unternehmen, dann müsste man wohl auch die nächste Sache nicht erwähnen: "Wenn Sie die 180 000 Soldaten in der Bundeswehr nach ihrer Motivation fragen, bekommen Sie 180 000 unterschiedliche Antworten", sagt Hanisch. Unter diesen 180 000 sind, das zeigen die Vorfälle der vergangenen Monate, auch welche mit zweifelhaften bis bösen Absichten.

Wie viele das tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Und auch darüber, wie viel das große System Bundeswehr dafür kann, wenn einzelne Räder oder ganze Subsysteme nicht funktionieren wie erwünscht. Hanisch glaubt nicht, dass man von den aufgedeckten Fällen gleich auf ein grundsätzliches "Haltungsproblem" schließen kann. "Wir sind ein Querschnitt der Gesellschaft", sagt er, "nur ganz selten begegnen einem Leute, die sich an den Rändern bewegen."

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Bei der Truppe häufen sich Meldungen über Fehlverhalten von Vorgesetzten, sexuelle Belästigungen und Rechtsextremismus.

Die Art, wie die Debatte läuft, findet Hanisch ungerecht. "Wenn - Gott bewahre! - ein LKW-Fahrer irgendwo einen Hitlergruß zeigt, dann wird er verhaftet und verurteilt. Aber niemand würde auf den Gedanken kommen zu sagen: Die Spedition X hat ein Nazi-Problem", sagt Hanisch. Aus einem oder zwei rechten Soldaten hingegen würde schnell "die rechte Bundeswehr".

Der Vergleich zu einer Spedition ist allerdings schief, das gibt er zu. Allein, weil ein radikaler Soldat schneller gefährlich werden kann als ein radikaler LKW-Fahrer: "Immerhin haben wir Zugang zu Waffen." Und ja, Soldaten seien Staatsbedienstete, so ähnlich wie Lehrer oder andere Beamte. Die Bundeswehr habe deswegen strenge Einstellungskriterien: "Rechte oder andere radikale Ansichten haben bei uns keinen Platz." Im Fall von Franco A. hat das System offenbar versagt. Und das, obwohl er seine rechtsradikale Einstellung nicht einmal versteckt hat. Seine Vorgesetzten und Kameraden duldeten seine Ansichten. Mindestens.

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Wann füge ich mich in die Struktur?

"Wenn ich merke, dass jemand komische Musik hört, radikale Ansichten vertritt, dann muss ich das melden", sagt dazu Sebastian Hanisch. Nun schildern im Zuge der Diskussion aber einige, die die Bundeswehr von innen kennen, Strukturen und Gruppendynamiken, die genau das verhindern. Falsch verstandene Kameradschaft, Angst vor dem Vorgesetzten oder einfach das Gefühl: Da bin ich nicht zuständig, da halte ich mich lieber raus.

"Wir müssen schon in der Ausbildung den jungen Männern und Frauen vermitteln: Wenn du so etwas meldest, dann bist du nicht die Petze. Im Gegenteil, du wirst belohnt. Aber eben auch: Wenn du es nicht meldest, bist du mitschuldig und wirst bestraft", sagt Hanisch. Wann füge ich mich in die Struktur, wann widerspreche ich? Das beurteilen zu können, gehört für ihn zu den Eigenschaften eines guten Soldaten, der in Deutschland schließlich ein verantwortungsvoller "Staatsbürger in Uniform" sein soll. Nicht alle erfüllen diese Anforderung.

Hanisch gefällt auch nicht alles, was in der Bundeswehr passiert und das sagt er auch. Er nennt es zum Beispiel "unbegreiflich", dass Materialien und Ausrüstung oft veraltet sind, es ewig dauert, bis neue Stiefel oder neue Gewehre bewilligt und dann auch noch geliefert werden. Als Quasi-Gewerkschaftler findet er es auch schlecht, dass viele Soldaten nur Zeitverträge haben, teilweise nach 25 Jahren bei der Bundeswehr noch einmal von vorne anfangen müssen.