Reportage:Zur Einführung eine Entführung

"Und täglich grüßt das Murmeltier": Nach der Entführung von Susanne Osthoff und der Chrobog-Familie sind nun zwei deutsche Ingenieure im Irak verschleppt werden. Der neue Alarm aus Bagdad ist in eine BND-Feier geplatzt.

Annette Ramelsberger

Berlin, 24. Januar - Es muss dem neuen BND-Präsidenten Ernst Uhrlau allmählich vorkommen, als spiele er die Hauptrolle in einem Film, der sich stark an den Kinohit "Und täglich grüßt das Murmeltier" anlehnt. Jenen Film, in dem ein Mann immer wieder am gleichen Tag aufwacht und immer wieder die gleichen Dinge erlebt, unentrinnbar.

Ernst Uhrlau, dpa

"Und täglich grüßt das Murmeltier": Der neue BND-Präsident Ernst Uhrlau.

(Foto: Foto: dpa)

Uhrlau ist seit dem 1. Dezember im Amt des BND-Präsidenten, und seitdem hat das Murmeltier ihn schon oft gegrüßt: Den Advent verbrachte er mit der Entführung von Susanne Osthoff, die Weihnachtsfeiertage mit der Entführung des pensionierten Diplomaten Jürgen Chrobog und am Dienstag, am Tag seiner Amtseinführung, klingelte morgens erneut das Telefon.

Klaus Scharioth, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, musste leider den Empfang zur Amtseinführung Uhrlaus absagen. Denn er richtete gerade einen Krisenstab ein, schon wieder waren zwei Deutsche entführt worden.

Die irakische Polizei hatte die Deutschen am Morgen über die Entführung der beiden Ingenieure aus Leipzig informiert. Und zwei Stunden später kam noch ein Anruf. Ein Anruf, der möglicherweise mehr bedeutet.

Da meldete sich, wie die Süddeutsche Zeitung aus hohen Sicherheitskreisen erfuhr, ein Mann im Irak direkt bei der deutschen Botschaft in Bagdad und berichtete von der Entführung. Es könnte, so mutmaßt man in Berlin, ein Anruf der Entführer gewesen sein.

Noch ist nichts von Forderungen in die Öffentlichkeit gedrungen, doch schon sitzen die Mitarbeiter des Auswärtigen Amt wieder im Keller, wo der Krisenstab tagt.

Erst drei Tage im Irak

Drei Tage erst sollen die deutschen Ingenieure im Irak gewesen sein, als die Entführer morgens um neun Uhr irakischer Zeit auf dem Weg zur Arbeit nördlich von Bagdad auf sie warteten. Die Kidnapper hätten den Deutschen, die in einer irakischen Kaserne übernachteten, aufgelauert, berichtete ein Firmensprecher.

Sie hätten sie gefesselt und die beiden Ingenieure in den Kofferraum ihrer Autos geworfen, ganz ähnlich, wie es auch Susanne Osthoff ergangen war.

Gerade noch hatte BND-Präsident Uhrlau einen Mann begrüßt, der sich ganz still und ein wenig seitlich in den holzgetäfelten Saal in der Berliner Zentrale des BND in Lichterfelde gesetzt hatte. Ein Mann, der seit Neuestem einen sehr persönlichen Grund hat, dem BND seine Ehre zu erweisen - Jürgen Chrobog, das Entführungsopfer aus dem Jemen.

Auch mit Hilfe des BND kamen er und seine Familie frei. "Es gehört sich doch, hier zu sein", sagt er.

Nun steht Uhrlau vor der Versammlung all jener grauen Herren, die für die Sicherheit in Deutschland zuständig sind, Präsidenten von Bundeskriminalamt und Bundesverfassungsschutz, Staatssekretäre, ehemalige BND-Präsidenten, Kanzleramtsvertreter - man würde gern wenigstens einen Bruchteil dessen kennen, was die Herren Geheimnisträger hier wissen.

"Es war nicht bestellt für heute morgen, was man uns aus Bagdad mitgeteilt hat", sagt der weißhaarige Uhrlau. Er lächelt nicht dabei. Er lächelt nie, wenn er über seinen Job redet. Damit macht man keine Faxen, auch nicht an einem solchen Tag.

Aber es könne mal wieder ruhiger werden, sagt er später, am Buffet.

Damit ist nicht zu rechnen. Die Sicherheitsexperten hier gehen davon aus, dass die Zahl der Entführungen von deutschen Bürgern steigen wird. "Wir wissen, dass die deutschen Medienberichte im Irak genau verfolgt werden", sagt Kanzleramtsminister Thomas de Maizière beim Hinausgehen - er eilt schon zurück ins Kanzleramt, die Nachrichten aus dem Irak erfordern das.

Ein Preisschild für jeden Deutschen

Vor allem die Berichte über mögliche Lösegeldzahlungen im Fall Osthoff würden gelesen, sagt de Maizière. Gerade war berichtet worden, bei Osthoff seien 3000 Dollar aus der Lösegeldsumme gefunden worden. Es war die Bestätigung dafür, dass Lösegeld gezahlt worden war.

"Ich halte den zeitlichen Zusammenhang zwischen diesen Berichten und der Entführung für deutlich", sagt de Maizière. Für ihn sei das verantwortungslos. Die Gefahr für Deutsche, entführt zu werden, habe sich in den vergangenen Jahren "enorm erhöht", sagte Uhrlaus Vorgänger im Amt, August Hanning.

Andere gehen weiter: "Demnächst", sagt einer der grauen Männer, "können wir auf jeden Deutschen im Ausland ein Preisschild kleben."

© SZ vom 25.1.2006
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