Süddeutsche Zeitung

Reportage:Narben der Nachbarn

Die Norwegerin Erika Fatland bereist die Anrainerstaaten Russlands. Sie erlebt Gastfreundschaft und Ablehung. Über den Umgang mit den "Ruinen" eines Imperiums.

Nach Osten zieht es Erika Fatland sogar im Schlaf: Da wanderte sie vor ein paar Jahren über eine große Landkarte, entlang eines roten Strichs, von Land zu Land, das gewaltige Russland im Blick. Ihren Traum hat die norwegische Journalistin und Autorin des erfolgreichen Reisebuches "Sowjetistan" sogleich umgesetzt: Mehr als zwei Jahre lang umrundete sie das flächenmäßig größte Land der Welt. "Die Grenze", so der Titel ihres neuen Buches, porträtiert nun die 14 Anlieger - und damit auch Russland selber.

"Was heißt es, Russland als Nachbarn zu haben?" Mit dieser Frage im Kopf begegnete Fatland zwischen dem nordkoreanischen Pjöngjang und dem norwegischen Treriksrøysa Taxifahrern, Aktivisten, Geschichtsprofessoren, Soldaten, Globetrottern, Rentierhirten, Goldgräbern, staatlichen Guides und einem ehemaligen Staatsoberhaupt mit Mindestrente, dem Weißrussen Stanislau Schuschkewitsch. Er erzählte, wie damals bei einem Jagdausflug die Sowjetunion aufgelöst wurde.

Meist war Fatland allein unterwegs, auf allen erdenklichen Wegen: Unter mottenlöchriger Decke übers Kaspische Meer mit einer Fähre, die erst nach tagelangem Warten auf genügend Passagiere ablegt, mit der blitzblanken Schwarzmeerfähre nach Odessa, mit chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen und der verdreckten kasachischen Bummelbahn, zu Pferde, zu Fuß, per Bus und Taxi.

14 Staaten grenzen an Russland - nur Norwegen lag nie im Krieg mit Moskau

Die Menschen, denen sie begegnete, hatten ihre jeweils ganz eigenen Antworten, denn: "Alle haben ihre einzigartige Geschichte." Doch "ohne Wunden oder Narben infolge der Nachbarschaft", so fand die Autorin, sei über die Jahrhunderte keines des Länder davongekommen, außer Norwegen. "Wie viel Opfer, wie viel Blut und Schmerzen," zitiert Fatland ihren berühmten polnischen Reporterkollegen Ryszard Kapuściński, "sind mit den Grenzen verbunden."

Als einziges Land lag Norwegen nie im Krieg mit Russland. Wie es beinahe doch dazu gekommen wäre, erfuhr sie von einem norwegischen Leutnant der Grenzstation am Jakobsfluss: Am 7. Juni 1968 sahen sich die norwegischen Posten dort plötzlich russischen Panzern und Hunderten Fahrzeugen gegenüber, die Gewehrläufe folgten den Bewegungen der Norweger. Eine ganze russische Infanteriedivision war an die relativ kurze norwegische Grenze verlegt worden. Die Norweger hatten den Befehl, das Feuer zu eröffnen, sobald der Feind die Grenze überschritt. Am 10. Juni zogen sich die Russen ebenso plötzlich zurück. Eine Demonstration der Stärke angesichts des damaligen Nato-Manövers in der norwegischen Provinz Troms? Eine Übung zur Invasion der Tschechoslowakei? Mehr als 30 Jahre wurde dieses dramatische Ereignis geheimgehalten; die Situation eskalierte damals nur dank kühler Köpfe nicht.

Geschichte durch Geschichten erlebbar zu machen, das ist die Stärke auch von Fatlands zweitem Reisebuch. Die studierte Sozialanthropologin, die für ihren Master Feldstudien über die Folgen der Terrorattacke auf die Schule im russisch-nordossetischen Beslan machte und Russisch spricht, bringt Schreckliches und Erschütterndes nahe, aber auch Skurriles und Amüsantes.

"In den Ruinen des Sowjetimperiums" (Fatland) fand die 36-Jährige überall Menschen, die von jener Zeit höchst unterschiedlich geprägt sind - in der Ukraine beispielsweise Maria, in Aserbaidschan Rena. Als Nachfahrin einer Schar von Schweden, die einst von Katharina der Großen umgesiedelt wurde, erzählte die 1937 geborene Maria in altertümlichem Schwedisch von den Grauen des Krieges und der Stalinzeit: Vom dreiwöchigen Warten am Bahnhof auf einen Zug, als die Deutschen sie 1943 nach Westen jagten. Von Panzern, die vor ihren Augen Menschen zermalmten. Vom Koffer, in den damals eine Familie ihren Säugling gelegt hatte und der gestohlen wurde. Von der Zwangsrücksiedlung aus Deutschland, die in Sibirien bei minus 50 Grad endete, vom Hungerjahr 1947 nach der Heimkehr ins heute ukrainische Dorf Staroschwedske, wo noch etwa 200 Nachfahren der Altschweden leben. Damals fiel die ausgehungerte Tante auf der Straße tot um: "Wir aßen Mäuse, wir kochten Gras."

Geweint, aber auch gelacht wurde in Marias ärmlichem Häuschen. Überbordende Gastfreundschaft war hier ebenso selbstverständlich wie bei Rena im topmodernen Baku: Die energische Mittvierzigerin sollte "die Touristin" eigentlich nur abholen, "stattdessen adoptierte sie mich", so Fatland. Zu Hause bei Rena, wo gegessen und gesungen wurde und Fatland sich unter Freunden fühlte, kam die Sprache immer wieder auf die Verbrechen der Armenier: Jedes Mal brach dabei der Hass aufs Nachbarvolk auf - und die Hoffnung auf einen Krieg, mit dem Präsident Ilham Aliyew endlich Bergkarabach zurückerobern würde. De jure gehört Bergkarabach noch immer zu Aserbaidschan, de facto ist die Region ein Teil Armeniens. Kein Land hat je die abtrünnige Republik anerkannt, die sich 1981 für unabhängig erklärte. Ende der 1980er-Jahre waren im Konflikt um Bergkarabach Zehntausende Aserbaidschaner aus Armenien geflüchtet - und umgekehrt. Auf beiden Seiten kam es 1992 zu Kriegsverbrechen. Das Massaker an Bewohnern des aserbaidschanischen Dorfes Chodschali, blutigstes Ereignis zu Zeiten von Michail Gorbatschows Herrschaft, war Thema des reich illustrierten Buches, das Rena ihrer neuen Freundin zum Abschied schenkte.

"Hier gibt es keine Homos. Wir haben alle erschossen", sagt ein Mann in Donezk

Auch in den abtrünnigen Republiken, die internationale Parias geblieben sind, hat sich die Autorin umgesehen: In Bergkarabach, Südossetien und Abchasien, das sich von Georgien abspaltete und nur von Russland, Nicaragua und Venezuela anerkannt ist, überdies vom Pazifikstaat Nauru, der dafür von Russland 50 Millionen Dollar erhielt. "Stalin liebte Abchasien, er hatte zwölf Datschen, fünf davon standen in Abchasien", leierte die Führerin im Ferienhaus herunter: "Diese Datscha wurde von deutschen Kriegsgefangenen gebaut. Dies ist also solides deutsches Handwerk."

In Donezk, der jüngsten dieser Republiken, fuhr Wladimir, einst Geschichtsprofessor, nun Panzerkommandeur, den Besuch stolz zum Schießstand einer neuen Kriegsschule für Jungen und Mädchen. Dort kam einer der Lehrer auf sie zu: "Sie sind aus Norwegen?", fragte er: "Ich habe gehört, da gibt's viele Homos. Hier gibt es keine! Wir haben alle erschossen."

Kenntnisreich, genau, klug in der Zurückhaltung, unterhaltsam, ausgewogen und nicht ohne gelegentliche leise Ironie - jedes Kapitel dieser Grenzgängerin, die keine Strapaze gescheut hat, ist fesselnde Lektüre. Nicht überall war sie willkommen. Selten habe sie sich so "allein, ausgeschlossen und anders" gefühlt wie im chinesischen Yining, nahe Kasachstan, einer Stadt, die wegen eines Massenprozesses gegen terrorverdächtige Uiguren bekannt wurde. Kohle und Abgas brannten im Hals und "alle, ausnahmslos alle, starrten mich an," schreibt Fatland: "Ich war vermutlich die einzige westliche Ausländerin in der ganzen Stadt."

Gemeinsam mit ihrem sportlichen Vater erwanderte die Autorin schließlich das Ende der Umrundung: Auf einem Höhenzug bei Treriksrøysa , wo die norwegische, die russische und die finnische Grenze aufeinandertreffen, setzten sie den Fuß auf norwegischen Boden. Am Lagerfeuer neben einer kleinen weißen Pyramide grillten zwei freundliche junge Soldaten Würstchen, einer fragte: "Habt ihr Hunger?"

Renate Nimtz-Köster hat Romanistik und Slawistik studiert. Sie ist freie Wissenschaftsjournalistin.

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SZ vom 02.09.2019
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