Reportage Im Schattenreich der Krake

Doch dann fügt er hinzu: "Natürlich gibt es hier viele Mitglieder der 'Ndrangheta und einen unerklärlichen Reichtum. Man muss hier leben, um ihn zu sehen." Etliche unscheinbare Häuser seien innen voller Marmor und teurer Möbel.

In den Garagen stünden nagelneue Autos deutscher Fabrikate. Und mancher Dörfler errichte sich eine sündhaft teure Villa. "Woher nimmt ein Waldarbeiter oder Schafhirte das Geld dafür?", fragt Don Emanuele. Dann schimpft er: "Die Justizbeamten laufen herum und erzählen, in Plati herrsche die 'Ndrangheta. Warum gehen sie nicht hin und überprüfen die Herkunft dieser Reichtümer?"

Doch die Justiz hat es schwer in Kalabrien. Sie operiert in einem feindseligen Umfeld, wird vom Staat schlecht ausgestattet und von den Bürgern kaum unterstützt. Den Menschen fehlt das Vertrauen, sich den Behörden zu offenbaren.

Schweigen und gehorchen

Wer garantiert ihnen, dass in den Amtsstuben nicht auch Mafiosi sitzen? Und wer schützt sie vor der Rache der Krake? Also heißt es: schweigen und gehorchen. "70 Prozent der Kaufleute zahlen Schutzgeld", gab gerade der Präsident des Gewerbeverbandes von Reggio Calabria bekannt.

"Die restlichen 30 Prozent der Geschäfte gehören ohnehin der Mafia." Die Hilfetelefone, die der Verband eingerichtet habe, blieben still. So kann sich das Verbrechen weiter im Schatten der Angst verbergen.

"Die 'Ndrangheta ist so unsichtbar wie die Rückseite des Mondes", hat ein amerikanischer Ermittler einmal gesagt.

Die Wurzeln der Organisation reichen weit zurück. Im 19.Jahrhundert entstand sie aus Briganten und Rebellen. Das Wort "'Ndrangheta" soll sich vom griechischen "andragathos" - "tapferer Mann" - ableiten. Früher machten diese "Tapferen" ihr Geld mit Erpressung und Kidnapping. In Höhlen um Plati und San Luca wurden entführte Norditaliener versteckt.

Mächtig wurde die Mafia aber ausgerechnet durch die Hilfe des Staates für den Mezzogiorno, den Süden Italiens. Sie mästete sich am Eisenbahn- und Autobahnbau sowie an gigantischen Industrieprojekten.

Heute liegt der Jahresumsatz der 'Ndrangheta nach offiziellen Schätzungen bei 35 Milliarden Euro - das ist mehr als die legale Wirtschaftsleistung Kalabriens. Das Hauptgeschäft machen die hundert Clans mit ihren 7000 Mitgliedern nach Erkenntnissen italienischer Ermittler mit dem Drogenhandel.

Nachdem die sizilianischen Mafiosi massiv unter Ermittlungsdruck gerieten, zogen die Vettern vom Festland das Geschäft an sich. So kontrolliert die 'Ndrangheta nunmehr den weltweiten Kokainhandel. Dabei sticht sie sogar die mächtigen kolumbianischen Kartelle aus und kauft die Ernten direkt bei den Koka-Bauern.

Carabinieri ohne Benzin

Staatsanwälte, die den Machtanspruch der "Ehrenmänner" zurückweisen, schweben in Lebensgefahr. Luigi De Magistris ist ein solcher Mann. Mit schnellen Schritten läuft der Anti-Mafia-Staatsanwalt durchs neoklassizistische Treppenhaus des Justizpalastes von Catanzaro, der Hauptstadt Kalabriens.

Rasch stellt er sich vor und eilt dann, von einem Bodyguard begleitet, durch die Fußgängerzone der hässlichen Stadt zu einem unscheinbar wirkenden Lokal. Wie in einem Gangster-Film wählt der elegante, kraushaarige Neapolitaner die hinterste Ecke des Saales.

Dort setzt er sich mit dem Rücken zur Wand. Dann bestellt er Spaghetti al Pomodoro und Mineralwasser, ohne Kohlensäure.

De Magistris schätzt einfache Mahlzeiten und schnörkellose Gespräche. Über Plati sagt er: "Es ist leider wahr, der Staat kontrolliert einige Gebiete Kalabriens nicht mehr." An seiner Stelle herrsche ein Geflecht aus korrupten Politikern, Beamten, Geschäftsleuten und Mafiosi.

"Wer die 'Ndrangheta besiegen will, muss diesen Knoten durchschlagen." Doch das sei kaum möglich. "Wir sind viel zu wenige, zu wenige Staatsanwälte, zu wenige Polizisten. Und wir sind schlecht ausgestattet. Unsere Computer sind nicht auf der Höhe der Zeit. Manchmal fehlt den Carabinieri sogar das Benzin, um auf Kontrollfahrten zu gehen."

Und die Regierung in Rom, hilft sie nicht? De Magistris runzelt die Stirn: "Alle sagen, die 'Ndrangheta sei die mächtigste Verbrecherbande Europas. Doch was passiert? Nichts. Im Gegenteil. Wir Justizbeamten, die unser Leben riskieren, werden täglich von der Politik attackiert. Und die Gesetze, die diese Regierung macht, erschweren uns die Arbeit."

Natürlich habe es immer Attacken auf die Justiz gegeben. "Aber unter (Premier) Berlusconi ist es etwas Besonderes." Hinzu komme die Mentalität der Kalabresen. Sie warteten darauf, dass das Heil von oben komme. "Es fehlt an einer Anti-Mafia-Bewegung wie in Sizilien."

Ein Staatsanwalt stehe da schnell isoliert da. Das aber sei im Kampf gegen die Mafia tödlich. Doch bleibt den Ermittlern nicht wenigstens die verschworene Gemeinschaft des Justizpalastes? De Magistris lacht herzhaft: "Dort muss ich ganz besonders aufpassen."

Der Feind dagegen steht kompakt. "Anders als in Sizilien werden in Kalabrien die Mitglieder der Clans nur unter Blutsverwandten rekrutiert."

Daher gebe es praktisch keine Pentiti, keine reuigen Kronzeugen. Niemand wolle seine Verwandten verpfeifen. Wer gefasst werde, der schweige und lasse die Ermittler im Dunkeln tappen.