Süddeutsche Zeitung

Ruhestand:Das Leben danach

Vor allem Männer, erst recht solche in Spitzenjobs, trifft die Rente oft unerwartet. Wer im Job alles gegeben hat, steht plötzlich vor dem Ungewissen. Wie gelingt ein guter Start in eine völlig neue Lebensphase?

Von Nina von Hardenberg

Es war nicht so, dass Heinrich Kunz den Ruhestand nicht hatte kommen sehen. Er hätte sich auch gern vorbereitet darauf. Das Problem war nur: Heinrich Kunz, Vorstandsvorsitzender einer Dienstleistungsfirma, Berufspendler und dreifacher Vater, fand dafür in seinem 37. und damit letzten und zugleich beglückend intensiven Berufsjahr schlicht keine Zeit.

Wenn sich montagmorgens vor Sonnenaufgang der Münchner Flughafen mit Pendlern füllte, dann war Kunz einer von ihnen. Freitagabends sah er sie wieder. Sie nickten sich zu, mit der Zeit kannte er die Gesichter. Zu seinem 60. Geburtstag verlieh ihm die Lufthansa den "Senator"-Status, ihren Vielflieger-Orden. Samstags ordnete er Post und Finanzen. Sonntags brütete er über den Akten der nächsten Woche. Fuhr die Familie in ihr Haus in den Bergen, zog er sich stundenweise in sein Arbeitszimmer zurück. Sein Leben: "Es war nicht nur, aber doch vor allem Arbeit."

Eine anstrengende, aber schöne Arbeit: Mit 59 Jahren schaffte er es beruflich nach ganz oben, übernahm noch mal neue Themen und vor allem Verantwortung für ein Unternehmen mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz und 4000 Mitarbeitern.

"Die Blätter", da draußen im Garten. "Ich sehe immer irgendwo Arbeit", sagt er

Heinrich Kunz sitzt in seinem großen, stillen Esszimmer. Seine Frau ist noch berufstätig, die Kinder arbeiten und studieren in verschiedenen Städten Europas. Er schaut in den Garten auf den ersten Winter seines Rentnerlebens. "Man zieht einen Großteil seines Selbstwertgefühls aus der beruflichen Tätigkeit", sagt er. "Das von heute auf morgen zu missen, ist nicht leicht." Das Frühjahr war er noch mit Abschiedsfeiern beschäftigt, im Sommer kamen die Kinder nach Hause. Sein Ruhestand hat erst im Herbst so richtig begonnen; wobei er sich eigentlich gar nicht ausruhen will. "Die Blätter", sagt er und zeigt nach draußen. "Ich sehe immer irgendwo Arbeit." Seine Frau zieht ihn damit auf. Er kann nicht nichts tun, macht sich immer einen Plan für den Tag. Für die Zeit nach dem Arbeitsleben aber hat er keinen Plan.

Sein echter Name soll nicht in der Zeitung stehen, das wäre ihm unangenehm. Es geht ja auch nicht nur ihm so. Als der langjährige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, im Oktober mit immerhin 72 Jahren abtrat, gab er vor Journalisten zu, noch nicht zu wissen, was er künftig mit sich anfangen werde: "Fragen Sie meine Frau. Sie hat einen Plan. Zumindest hoffe ich, dass sie einen hat." Derselbe Mensch, der bei der Euro-Rettung entschlossen handelte, blieb hier völlig unentschieden. Es kümmerte auch niemanden. Während auf dem EZB-Chef Draghi riesige Erwartungen lasteten, sind die Erwartungen an den Rentner Draghi äußerst vage. Oder noch schlimmer: Es erwartet vermutlich auch kaum jemand etwas von ihm.

Die Ruheständler sollen sich ausruhen und Zeit haben, stapelweise Krimis zu lesen - wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem scheidenden Verdi-Chef Frank Bsirske bei dessen Verabschiedung im September empfahl. Dabei macht Ruhe allein selten glücklich. Der Mensch will gebraucht werden. "Wir haben ein Bedürfnis nach Anerkennung", sagt Herb Stumpf aus Nürnberg. Er betreibt eine Firma, die Arbeitnehmer auf den Ruhestand vorbereitet. "Nur reisen und auf der Couch sitzen, reicht auf Dauer nicht aus." Stumpf weiß, wovon er spricht. Mit 55 bot ihm sein damaliger Arbeitgeber Hewlett Packard die Frührente an. Er zählte sein Geld und sagte frohen Mutes zu, plante eine Weltreise und merkte dann erst, wie allein er plötzlich war. Es gab niemanden, der mit ihm reisen wollte. Alle Freunde arbeiteten ja. Heute weiß er: Nach dem letzten Arbeitstag folgt kein fröhlicher Urlaub, sondern ein Lebensabschnitt, für den man sich rüsten sollte. Man verliert viel von dem, was bis dahin Halt gegeben hat: Struktur im Alltag, soziale Kontakte, vielleicht auch eine sinnstiftende Aufgabe.

Für Psychologen ist die Rente ein "kritisches Lebensereignis", ähnlich einschneidend wie ein Umzug in eine neue Stadt. Ob man damit zurechtkommt, hängt davon ab, wie gut man sich auf neue Lebensumstände einstellen kann und was für ein Typ jemand ist, sagt Frieder Lang, der Leiter des Instituts für Psychogerontologie der Uni Nürnberg-Erlangen: So könne Menschen, zu deren Selbstbild es gehört, immer geschäftig zu sein, ihr Leben angesichts der vielen unverplanten Stunden plötzlich wertlos vorkommen. Wer in Spitzenpositionen gearbeitet und kaum Kontrolle über seinen Kalender hatte, muss sich mitunter auch erst wieder allein im Alltag zurechtfinden. Männer scheint der Übergang insgesamt mehr zuzusetzen als Frauen, was Lang damit erklärt, dass sich die Männer vor allem der jetzigen Rentnergeneration noch häufiger als Frauen über ihren Beruf definieren.

Herb Stumpf hat sich vor inzwischen 18 Jahren selbst aus dem Sumpf seiner trüben Gedanken gezogen, in dem er ein Buch über diese schwerste Zeit seines Lebens schrieb. Heute fragt er Pensionäre, was ihnen der Job gegeben hat und wie sie das kompensieren wollen. Manchmal findet sich dann direkt ein Segelteam zusammen oder eine Wandergruppe. Oft wird aber klar, dass im Ruhestand mehr fehlt als nur ein Hobby. Es fehlt eine Aufgabe. Das kann ein Ehrenamt sein. Immer öfter ist es auch einfach ein neuer Job.

Die Zahl der Menschen, die im Rentenalter noch weiterarbeiten, steigt. Arbeiteten 2008 nur 4,1 Prozent aller über 65-Jährigen, so waren es 2018 schon 7,6 Prozent. Das zeigte eine Auswertung von Laura Naegele und Moritz Heß aus Daten des "Labour Force Survey" der EU, also eines statistischen Überblicks über alle Erwerbsfähigen. "Einige Arbeitnehmer arbeiten aus finanzieller Not. Andere aber machen freiwillig weiter, weil sie den Kontakt zu anderen Menschen schätzen, sich geistig fit halten oder der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen", sagt Laura Naegele, die an der Universität Vechta zu Alter und Arbeit forscht.

Die Rentner und Rentnerinnen reagieren damit auch auf eine veränderte gesellschaftliche Erwartungshaltung. Wurde älteren Mitarbeitern noch bis in die Neunziger Jahre vermittelt, dass sie Frühverrentungsprogramme nutzen und jüngeren Kollegen Platz machen sollen, so versucht die Politik seit einigen Jahren, Menschen länger im Arbeitsleben zu halten. "Das herkömmliche Bild des Rentners, der sich 'zur Ruhe setzt', weicht zunehmend dem Bild des aktiven Rentners", sagt Naegele. Das sei gut für Menschen, die aktiv bleiben wollen. Es grenze aber alle aus, die dieser Erwartungshaltung nicht gerecht werden können, etwa weil sie krank seien.

VW vermittelt Rentner zurück in die Firma, auch in Ehrenämter

Heinrich Kunz gehört zu denen, die wollen. Er isst gesund und hält sich mit Fahrradtouren fit, steht jeden Tag um 7.15 Uhr auf, "weil er den Tag nicht verkürzen will". Da muss noch was kommen in seinem Leben. "Man baut schneller ab, wenn man nichts tut", sagt er. Kunz kann sich gut vorstellen wieder zu arbeiten, zwei Tage die Woche vielleicht. Nur weiß er noch nicht genau, wie. Viele Betriebe und Personalmanager wissen es auch nicht, sagt Forscherin Naegele. Die älteren Arbeitnehmer wünschten sich flexiblere Arbeitszeiten und mehr Projektarbeit. Viele Firmen bieten deshalb Altersteilzeitmodelle an, so kann man gegen Ende der Karriere die Arbeitszeit reduzieren und vielleicht schon neue Hobbys aufbauen. Große Unternehmen wie VW und Daimler haben auch Agenturen, die ehemalige Facharbeiter projektweise zurück in die Firma vermitteln, und bei VW auch in Ehrenämter. Gerade dem Mittelstand aber fehle es an Strukturen für den Übergang, sagt Naegele. Auch der Gesellschaft insgesamt mangelt es an positiven Bildern, was sie von aktiven Rentnern erwartet, was diese beitragen sollen - sei es nun im Job oder im Ehrenamt.

Dafür müsste sich zunächst die allgemeine Vorstellung davon ändern, was ein wertvoller Beitrag ist, sagt Psychologe Lang: "Unser Maßstab für Erfolg ist meist der 25-jährige Mann - seine Jugend, Kraft und Durchsetzungsfähigkeit." Dabei würden Qualitäten wie Ruhe, Sicherheit, Fürsorge und Empathie übersehen; Qualitäten also, die mit dem Alter wachsen.

Heinrich Kunz findet nicht, dass die Gesellschaft seine Probleme lösen muss. Er will selbst etwas finden, das ihn noch einmal packt. Unterdessen hat er 25 Kurzreisen hinter sich gebracht, Ausstellungen besucht und Bücher gelesen, und zwar die dicken. Er kommt zurecht. Und trotzdem: Es wäre schön, wenn es in der Gesellschaft mehr Angebote gäbe, sagt er.

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SZ vom 02.01.2020
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