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Arm im Alter:Wie ein Rentner in München von 150 Euro lebt

Altersarmut, 2015

Im Dezember 2017 haben in Deutschland 544 000 Menschen Grundsicherung erhalten.

(Foto: Catherina Hess)
  • Im Dezember 2017 erhielten 544 000 Menschen Grundsicherung im Alter. Das sind 90 Prozent mehr als 2003, aber insgesamt nur drei Prozent der Menschen ab 65 Jahren.
  • Mehr als 70 Prozent derjenigen, die die staatliche Hilfe bekommen könnten, beantragen sie gar nicht erst. Das liegt nicht nur an Unwissenheit.
  • Auch wenn die Grundrente eingeführt werden sollte, wird vielen, die von der Grundsicherung leben, der Gang zum Sozialamt nicht erspart bleiben. Ihre Rentenansprüche sind zu gering.

Was von Hermann Blums Arbeitsleben übrig ist? Ein paar Kollegen, die er noch jedes Jahr trifft. Erinnerungen und Anekdoten, von seiner Zeit bei LTU und Neckermann. Und 150 Euro, die ihm im Monat zum Leben bleiben, wenn Miete, Strom, Internet und Versicherungen von der Rente abgezogen sind. 150 Euro zum Leben in einer Großstadt wie München. "Tja, es muss ja gehen", sagt Blum, "es muss ja."

Gerne spricht der 79-Jährige nicht darüber, dass er für eine neue Hose mehrere Monate sparen muss und dass er mittags zur Caritas geht, wo das Essen für Rentner wie ihn umsonst ist. Er will nicht, dass seine Nachbarn das wissen, Hermann Blum heißt also in Wirklichkeit anders. Jammern aber würde er nie. "Man muss sich einfach mehr bemühen als andere", sagt er. Blum weiß, wo er kostenlose Tickets für den Circus Krone bekommt oder fürs Theater, im Frühjahr kauft er reduzierte Winterkleidung und im Supermarkt nur Sonderangebote. Er hat sich arrangiert mit seinem Leben, einem Leben in Armut.

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Aber wie viele Menschen wie Hermann Blum gibt es hierzulande? Wie verbreitet sind solche Schicksale in Deutschland?

Die Statistik liefert ein trügerisches Bild: Im Dezember 2017 erhielten 544 000 Menschen Grundsicherung im Alter, sozusagen das Hartz IV für Rentner. Die staatliche Hilfe fließt, wenn das eigene Einkommen plus Wohngeld nicht zum Überleben reicht. Bezahlt werden damit der Lebensunterhalt, die Miete und der Krankenversicherungsbeitrag abzüglich des eigenen Einkommens. Je nach Wohnkosten gibt es aber große Unterschiede: In Regionen wie Brandenburg oder Sachsen-Anhalt liegt die Grundsicherung unter 700 Euro monatlich, in teuren Großstädten wie München oder Düsseldorf bei mehr als 900 Euro.

544 000 arme alte Menschen, das sind 90 Prozent mehr als noch 2003 - aber nur gut drei Prozent der heute 65-Jährigen und Älteren. Tatsächlich hätten allerdings mehr als eine Million Menschen im Rentenalter Anspruch auf die staatliche Leistung, schätzt Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Experte für Altersvorsorge hat mit einem Fachkollegen hochgerechnet, dass mehr als 70 Prozent derjenigen, die die staatliche Hilfe bekommen könnten, diese erst gar nicht beantragen. "Das liegt nicht nur an der Unwissenheit der Betroffenen", sagt er. "Die Menschen fürchten auch, dass ihre Kinder in Regress genommen werden." Außerdem gebe es viele, die den Staat nicht um Hilfe bitten möchten. Gerade Ältere wollten sich "dieser Situation auf dem Amt nicht aussetzen", vermutet Geyer.

Auch Hermann Blum hat nie Grundsicherung beantragt: "Das lohnt sich nicht", sagt er. Aber genau weiß er es selbst nicht. Wohngeld bekommt er, wie zunehmend mehr Rentner in Deutschland: 140 Euro im Monat. "Wenn ich Anspruch auf eine Grundrente hätte und so mehr Rente kriegen könnte", sagt Blum, "dann wäre ich einer der Ersten, der sich das holen würde."

Aber bekäme er sie auch? Der Rentner gehört auf jeden Fall zu den "Fleißigen", und die will Arbeitsminister Hubertus Heil ja belohnen. Als Jugendlicher musste Blum während seiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann täglich schwere Kartoffelsäcke in den Keller schleppen. Später ging er zur Post und dann in den Tourismus. Viel war in dieser Branche nicht zu verdienen, aber er mochte seinen Job, verkaufte Badeurlaube auf Korsika und Flugreisen in die USA. "Wir kamen früh morgens ins Büro und gingen erst um acht oder neun nach Hause", sagt Blum. Die Anforderung, mindestens 35 Jahre gearbeitet zu haben, hätte er erfüllt. Seine Rente liegt mit etwa 830 Euro unter der Obergrenze von knapp 900 Euro für den Bezug einer Grundrente, mit der das vorhandene Altersgeld je nach Einzelfall um bis zu gut 400 Euro aufgestockt werden soll. Blum würde also, würde Heils Modell kommen, wohl ein paar Euro mehr Rente erhalten.

Viele Alte, die von der Grundsicherung leben, hätten davon aber nichts. Zu viele Katastrophen sind in ihrem Leben passiert, zu häufig waren sie arbeitslos oder krank. Im Durchschnitt kommen diese bedürftigen alten Menschen auf nicht einmal 15 Jahre Erwerbsarbeit. Entsprechend gering sind ihre Rentenansprüche. 87 Prozent von ihnen erhielten 2014 laut einer Studie des Ökonomen Bruno Kaltenborn für die Deutsche Rentenversicherung gar keine oder eine Rente von unter 600 Euro.

Auch wenn die Grundrente eingeführt werden sollte, wird ihnen deshalb der Gang zum Sozialamt nicht erspart bleiben, und dieser Kreis, darunter in Zukunft viele frühere Langzeitarbeitslose, Solo-Selbständige mit geringem Einkommen oder Ostdeutsche mit vielen Brüchen im Arbeitsleben, wird eher größer werden. In 15 Jahren dürften bereits sieben Prozent der Neurentner auf die Grundsicherung angewiesen sein, prognostiziert das DIW. Geyer sieht in Heils Vorschlag daher "keine Maßnahme, die nur auf die Armutsvermeidung abzielt". Der Arbeitsminister wolle vielmehr umverteilen, "zugunsten von Menschen mit Niedriglohnkarrieren".

Immerhin, bis zu vier Millionen Menschen könnten nach Angaben des Arbeitsministeriums von der Grundrente profitieren. Vor allem Frauen, die Teilzeit gearbeitet haben und oft noch Kindererziehungszeiten vorweisen können, erhielten mehr im Alter, sagt Geyer. Die 35 Jahre als Messlatte seien dabei nicht zu hoch gehängt, bedenke man, dass es hier meist nicht um Akademiker mit langem Studium geht, sondern um Menschen, die nach einer Ausbildung mit Anfang 20 ins Berufsleben starteten.

Eine Mini-Rente bedeutet nicht unbedingt finanzielle Not

Die 35 Beitragsjahre gelten auch als notwendig, soll die Grundrente nicht zu allzu großen Streuverlusten führen. Denn eine Mini-Rente zu bekommen, heißt nicht automatisch, dass diese Rentner in finanzieller Not sind. Wer nur wenige 100 Euro Altersgeld bezieht, war vielleicht erst Angestellter und ist später selbständig oder Beamter geworden. Viele leben mit einem Partner zusammen, haben womöglich hohe andere Einkünfte und sind dadurch abgesichert. Ob solche Rentner mit mindestens 35 Beitragsjahren trotzdem die Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung bekommen sollen, ist deshalb umstritten.

Blum jedenfalls kann hoffen. Von seiner Zeit im Tourismus hat er Bekannte in Italien, Hotelbesitzer auf der Ferieninsel Ischia im Golf von Neapel. Jedes zweite Jahr fährt er mit dem Bus dorthin, nimmt die Fähre und kann ein paar Tage umsonst bei ihnen wohnen. "Mein Luxus", sagt Blum. Was er mit mehr Geld machen würde? "Vielleicht ein bisschen besser essen."

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