Renate Schmidt:Niemandes Mädchen

Renate Schmidt bei der Premiere des Dokumentarfilms Die Unbeugsamen im Delphi Filmpalast. Berlin, 16.08.2021 *** Renate

Renate Schmidt bei der Premiere des Dokumentarfilms "Die Unbeugsamen".

(Foto: Frederic Kern/imago images/Future Image)

Die SPD-Politikerin Renate Schmidt als Zeitzeugin im Film "Die Unbeugsamen": ein Rückblick auf die Bonner Männerrepublik.

Von Kia Vahland

"Es muss geschmeidig wirken, aber hart erkämpft werden", so beschreibt die CDU-Politikerin Rita Süssmuth die Doppelrolle, welche Politikerinnen in der alten Bundesrepublik abverlangt wurde - sie sollten bitteschön nicht anecken, mussten aber gleichzeitig darum ringen, überhaupt mitmachen zu dürfen. Torsten Körners Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen", der am Donnerstag in die Kinos kommt, erzählt aus Sicht von früheren Spitzenpolitikerinnen die frauenfeindliche Stimmung in der Bonner Republik, besonders in den Parteien und im Parlament.

Eine ist dabei, die auf Geschmeidigkeit nie Wert legte: die bayerische SPD-Politikerin Renate Schmidt. Ihr Markenzeichen war und ist Unverblümtheit. Mit handfesten Vorschlägen und klaren Worten brachte die heute 77-Jährige die SPD in Bayern zwar nie bis an die Regierung, aber immerhin zu 30 Prozent Zustimmung bei den Landtagswahlen 1994. Da war sie schon vier Jahre lang Vizepräsidentin des Bundestages gewesen. Die noch im ausgehenden 20. Jahrhundert gängige Idee, Macht und Weiblichkeit widersprächen sich, habe sie immer befremdet, sagt Schmidt: Gerade eine Frau müsse doch Situationen der Ohnmacht meiden.

Schmidt hat Familienpolitik erst zum gesamtgesellschaftlichen Reformprojekt gemacht

Und das hat sie. Als Politikerin war sie niemandes Mädchen, musste nicht wie anfangs Süssmuth und dann auch Angela Merkel einem Mann wie Helmut Kohl erst einmal aufzeigen, dass sie nicht alles mitzumachen gedenke. Nicht einmal Gerhard Schröder, der Familienpolitik für "Gedöns" hielt, unterschätzte Schmidt, als er sie 2002 wegen ihrer Popularität und sozialpolitischen Expertise zur Bundesfamilienministerin machte. In dem Job stritt sie für mehr Kitaplätze und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Vieles wie die Einführung des Elterngeldes konnte erst Schmidts Nachfolgerin Ursula von der Leyen durchsetzen. Schmidts frauenpolitische Offensive hatte aber Familienpolitik überhaupt erst zum gesamtgesellschaftspolitischen Reformprojekt gemacht. "Stinksauer" war Schmidt darüber, wie leichtfertig die SPD 2005 das Familienministerium abgegeben hatte, erkannte dann aber als Pragmatikerin an, dass eine CDU-Kollegin am Ende besser die Traditionalisten in der Union überzeugen konnte als eine Genossin.

Ihre eigene Glaubwürdigkeit hat viel mit ihrer Biografie zu tun, die sie selbst immer gerne ins Spiel bringt. Kurz vor dem Abitur flog sie vom Gymnasium in Fürth, weil sie unverheiratet schwanger war und das um 1960 als Schande galt. Dann brachte sie ihre Familie als Programmiererin und Systemanalytikerin beim Großversand Quelle durch, zeigte als Betriebsrätin Format. Als sie 1980 für die SPD in den Bundestag einzog, war sie eine gestandene Frau, unterstützt von einem Ehemann, der sich gerne um den jüngsten Sohn kümmerte. Schmidt musste sich trotzdem erst mal fragen lassen, wie sie als Mutter denn die Aufgaben einer Abgeordneten bewältigen wolle.

Sie moniert, Frauen verdienten immer noch weniger im Schnitt als Männer

Was sie heute, im selbst gewählten Ruhestand, noch so an der Frauenfrage beschäftige? "Diese Ungerechtigkeit", sagt sie der SZ, "und diese Unvernunft". Ja, Politikerinnen würden nicht mehr so offen sexistisch angegangen, wie das in den Filmszenen aus Bonn zu sehen ist. Auch die Vorwürfe gegen Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erscheinen Schmidt nicht härter als die gegen CDU-Mann Armin Laschet, zudem habe die bedächtige Angela Merkel einen neuen Politikstil etabliert, wenn der Kanzlerin auch leider der Sinn für Frauenpolitik abgehe. Renate Schmidt aber wollte immer mehr als ein etwas besseres Leben für weibliche Abgeordnete. Sie moniert, Frauen verdienten immer noch weniger im Schnitt als Männer, seien immer noch weniger im Parlament vertreten, stünden immer noch öfter für die Familie zurück.

Im Film bringt sie die Lage für ihre Verhältnisse geradezu diplomatisch auf den Punkt: "Ich finde, dass man auch männliche Erfahrungen im Leben braucht. Nur nicht in diesem Übermaß."

© SZ/fzg
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