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Remdesivir:Apotheker Trump

FILE PHOTO: The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Hamburg

Großeinkauf mit begrenzter Wirkung: Die USA haben sich für drei Monate die Produktion des Medikaments Remdesivir gesichert.

(Foto: Ulrich Perrey/REUTERS)

Die USA sichern sich die Arznei, die zumindest bei einigen Krankheitsverläufen hilft. Andere Länder gehen leer aus.

Von Kathrin Zinkant

Deals einzufädeln, gehört zu den wenigen Dingen, die Donald Trump angeblich wirklich beherrscht. Dass diese Deals als mindestens "amazing", also großartig, zu gelten haben, ist klar. Das soll auch beim jüngsten Coup des US-Präsidenten so sein: Seine Regierung hat fast die komplette globale Dreimonatsproduktion eines mutmaßlich wirksamen Corona-Medikaments aufgekauft. "Wir wollen sicherstellen, dass jeder Amerikaner, der Remdesivir braucht, es bekommen kann", sagte US-Gesundheitsminister Alex Azar dem Guardian. Es sei ein "großartiger Deal".

Vor allem ist die Angelegenheit aber wohl ein populistischer Schachzug mitten im Wahlkampf, eine weitere Demonstration von Trumps Slogan "America First" - selbst bei Corona. Gerüchtehalber hatte Trump in den vergangenen Monaten schon mehrere Exklusivmanöver dieser Art versucht. Im Mai hieß es, der Pharmariese Sanofi habe den USA seinen Corona-Impfstoff zugesichert, falls er funktioniere. Und Trumps Administration soll bereits im März versucht haben, sich künftige Impfstoffkontingente des deutschen Unternehmens Curevac für die USA zu sichern. Der Ansatz der Tübinger Firma gilt als aussichtsreich, erste Studien an Patienten laufen inzwischen. Curevac ließ als Reaktion auf die Gerüchte damals jedoch mitteilen, man entwickle Impfstoffe für die ganze Welt, nicht für ein einzelnes Land.

Diese Philosophie teilt der amerikanische Entwickler und Hersteller von Remdesivir, das Biotechunternehmen Gilead, offenkundig nicht. Es bleibt den Pharmafirmen selbst überlassen, an wen sie ihre Arzneien verkaufen, solange diese patentgeschützt sind. Und dass Regierungen Vorräte an Impfstoffen und Medikamenten anlegen, um Notlagen vorzubeugen, ist seinerseits keine Besonderheit. Besonders ist im aktuellen Fall jedoch, dass dabei gleich eine gesamte Produktion exklusiv nur einem Land zugeschanzt wird. Bis einschließlich September wird Gilead sein Mittel ausschließlich in den USA veräußern, das entspricht rund 500 000 Behandlungen mit jeweils sechs Dosen des Medikaments. Der Preis ist festgelegt und stattlich, insgesamt kostet das Medikament die US-Regierung wohl fast 1,2 Milliarden Dollar. Der Rest der Welt soll bis zum Herbst weitestgehend leer ausgehen.

Die Empörung darüber ist nun groß, nicht zuletzt im coronagebeutelten Großbritannien. Dem Guardian sagte der Pharmakologe Andrew Hill von der Universität in Liverpool, für den europäischen Kontinent bleibe dank des amerikanischen Deals "nichts übrig". Christdemokratische Abgeordnete des EU-Parlaments riefen am Mittwoch dazu auf, alles zu tun, um den Zugang zu Remdesivir für europäische Patienten sicherzustellen. Allerdings haben sich einige Länder bereits vorab Kontingente des Medikaments gesichert - unter anderem die Bundesrepublik. "Im Moment existieren ausreichende Reserven", teilte das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch mit. Wie groß diese Reserven sind, beantwortete das Ministerium auf SZ-Anfrage allerdings nicht.

In Europa soll Remdesivir in den kommenden Tagen offiziell zugelassen werden, benutzt wird es in schweren Fällen und für Studien auch in der Bundesrepublik schon seit Monaten. Es ist ein Strohhalm, an den sich Mediziner in einem frühen Stadium schwerer Verläufe von Covid-19 klammern können, dann, wenn das Virus sich noch stark vermehrt. Später, wenn in den besonders schlimmen Fällen das Immunsystem verrücktspielt und den eigenen Körper attackiert, richtet auch Remdesivir wohl nicht mehr viel aus.

Die Arznei kann die Krankheitsdauer offenbar verkürzen

Ob das Mittel den USA dennoch hilft, die rasche Ausbreitung des neuen Erregers in den Griff zu bekommen? Das ist eher unwahrscheinlich. Zumal, wenn Tests und vorbeugende Maßnahmen weiter als nachrangig betrachtet werden und die Zahl der Neuinfektionen wächst wie bisher. Denn Remdesivir ist zwar einer von zwei Wirkstoffen, die in vorläufigen Studien an Covid-19-Patienten Effekte auf den Krankheitsverlauf gezeigt haben. Die Daten legen nahe, dass das Medikament die Krankheitsdauer verkürzen kann. Einige Erkrankte müssen weniger lange intensivmedizinisch behandelt und auch weniger lange beatmet werden, was bleibende Schäden womöglich reduziert. Was Remdesivir aber wohl nur in seltenen Fällen tut, ist, Leben zu retten. Durch die teure Behandlung sinkt die Sterblichkeit den ersten Erkenntnissen zufolge nur geringfügig - wenn überhaupt.

Und so wird die US-Regierung mit ihrem Großeinkauf im besten Fall einige wenige der überfüllten Intensivstationen im Land entlasten und für einzelne Patienten die Spätfolgen einer künstlichen Beatmung begrenzen. Das ist nicht nichts, aber angesichts der Lage zu wenig. An der Wucht, mit der sich das Virus in den USA derzeit ausbreitet und Menschenleben fordert, ändert der "großartige Deal" jedenfalls nichts.

© SZ vom 02.07.2020

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