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Religionsmonitor:Grenzen der Glaubensfreiheit

Die Europäer verhalten sich zur Religion insgesamt recht tolerant - außer bei einem Thema.

Wie hältst du's mit der Religionsfreiheit? Anlässlich des 70. Grundgesetz-Geburtstags haben die Macher des Bertelsmann-Religionsmonitors das im Februar die Menschen in Deutschland gefragt, außerdem in Österreich und der Schweiz, in Frankreich, Großbritannien und der Türkei. Die Antwort lautet: Insgesamt steht es sehr gut in Europa um die Freiheit, seinen Glauben zu leben oder unbehelligt von einem Glauben zu bleiben. Ein paar bemerkenswerte Entwicklungen aber gibt es doch. Und schwierig kann es werden, wenn einem der Glaube oder Nichtglaube des anderen nahe kommt, weil der in die Familie einheiraten möchte.

"Jeder sollte die Freiheit haben, seinen Glauben zu wechseln" - dieser Satz findet bei fast allen Befragten Zustimmung. Nur in der Türkei liegt die Quote mit 73 Prozent deutlich niedriger als in den anderen Ländern. In diesen Ländern befürworten jedoch fast alle Muslime das Recht auf Religionswechsel; von 88 Prozent in Frankreich bis zu 96 Prozent in der Schweiz. Für die Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El Menouar, die das Projekt leitet, ist dies ein Beleg dafür, "dass sich die Werte und Einstellungen der muslimischen Einwanderer zunehmend denen der Gesamtgesellschaft annähern." Muslime fänden "eigenständige, pragmatische Wege, ihren Glauben mit dem Leben in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft in Einklang zu bringen."

Umstrittener ist bei den Befragten der Satz: "Der Staat sollte das öffentliche Tragen religiöser Symbole einschränken." In Deutschland finden 40 Prozent diesen Satz gut, in Frankreich mit seiner strikten Trennung von Religion und Staat sogar 57 Prozent - in Großbritannien und der Schweiz haben dagegen weniger als ein Drittel etwas dagegen, wenn jemand in der Öffentlichkeit Kopftuch, Kippa oder Ordenskleidung trägt. In der laizistisch verfassten Türkei stimmen 38 Prozent diesem Satz zu. In Deutschland gibt es einen deutlichen Ost-West-Unterschied bei der Frage, ob die positive Religionsfreiheit begrenzt werden soll, die Freiheit also, sich ungehindert und auch öffentlich zu einer Religion zu bekennen. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stimmen 42 Prozent dem Satz zu: "Öffentlich für seinen Glauben zu werben, sollte verboten sein" - im Westen sind es 28 Prozent. Auch das ist eine hohe Zustimmung zu einem Satz, der dem Grundgesetz klar widerspricht.

Eine echte Prüfung für die religiöse Toleranz ist es, wenn jemand in die Familie einheiratet. Da ist bei vielen Muslimen das Verständnis für Nicht- und Andersgläubige vorbei: Jedem Zweiten wäre die Einheirat eines Atheisten "unangenehm", 43 Prozent hätten schlechte Gefühle, käme ein Jude in die Familie, 24 Prozent sagen das bei einem Christen. Den Christen wiederum ist es zu 49 Prozent nicht recht, wenn ein Muslim in die Familie kommt; eine Minderheit mag auch nicht mit einem Juden (22 Prozent) oder Atheisten (25 Prozent) verschwägert sein. Am tolerantesten sind die religiös Ungebundenen: Fünf Prozent hätten was gegen einen Christen, 15 Prozent gegen einen Juden, 34 Prozent Schwierigkeiten mit einem Muslim.

Yasemin El-Menouar möchte in den Zahlen auch Positives sehen: Jeder zweite Christ stehe demnach der Einheirat eines Muslims, jeder zweite Muslim der Einheirat eines Atheisten offen gegenüber. Und wie schnell "religiöse Toleranz selbst im Bereich intimer Nähe Normalität werden" könne, zeige ein Blick zurück: Noch in den 60er-Jahren seien "Mischehen" zwischen Katholiken und Protestanten "alles andere als selbstverständlich" gewesen.