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Religionsfreiheit:Warum bedrohte Christen jetzt Hilfe brauchen

Christliche Flüchtlinge Erbil Irak

Christliche Flüchtlinge im Irak haben auf dem Gelände der Erzdiözese von Erbil vorerst Schutz gefunden.

(Foto: dpa)

Heute wird das Bundeskabinett wohl Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak beschließen. Den Schrecken selber aber werden die Waffen nicht vertreiben - die Christen in der Region fürchten, dass sich die Gewehre am Ende auch gegen sie richten. Deshalb zählt zur Hilfe auch, verfolgte Christen großzügig in Deutschland aufzunehmen.

Ein arabisches "N" malen sie den Christen auf die Hauswand, die Männer, die da angeblich im Namen Gottes das Land heimsuchen. Nasrani, Nazarener, so heißen die Christen im Koran. Und wen die Killer des Islamischen Staates als Nazarener brandmarken, der muss seinem Glauben abschwören oder eine Kopfsteuer zahlen. Oder er stirbt. Oft genug helfen weder Schwur noch Geld, oft genug machen die muslimischen Nachbarn von gestern mit, in dieser Mischung aus Angst und Gier, die auch die Nazis nutzten, um die Juden auszurauben und zu ermorden.

Im Irak, aber auch in Syrien findet eine mörderische religiöse Säuberung furchtbaren Ausmaßes statt. Sie zerstört die Kultur der Region, zu der auch die vielen uralten christlichen Gemeinschaften gehörten. Sie wird weitere Gewalt gebären, Glaubenskriege und Glaubenskrieger. Sie wird weltweit Christen und Muslime weiter auseinandertreiben. Am Sonntag wird das Bundeskabinett wohl Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak beschließen. Vielleicht stoppt das den Vormarsch der Terroristen, weil die Kurden so ein Gleichgewicht des Schreckens aufbauen können. Den Schrecken selber aber werden diese Waffen nicht vertreiben. Schon fürchten Jesiden wie Christen, dass sich die deutschen Gewehre am Ende auch gegen sie richten könnten. Das "N" an den Häusern ist ein Menetekel, ein Feuerzeichen an der Wand.

Christen sind in 111 Ländern der Erde benachteiligt

Es ist das Zeichen der zunehmend religiös aufgeladenen Konflikte - und das Zeichen einer zunehmenden weltweiten Christenverfolgung. Man muss dazu gar nicht das makabere Ranking der Organisation "Open Doors" bemühen, bei der Nordkorea auf Platz eins der Verfolger steht, gefolgt von Somalia, Syrien, Irak. 2013 legten die großen christlichen Kirchen in Deutschland eine Untersuchung vor: Ihr zufolge sind die Christen in 111 Ländern der Erde besonderer Benachteiligung und Verfolgung ausgesetzt. Sie sind es in Nordkorea und China, sie sind es auch in Lateinamerika, wo Priester bedrängt werden, die auf der Seite der Armen stehen. Sie sind es aber vor allem dort, wo sie als Minderheiten in muslimischen Ländern leben, in Asien, in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten, dort also, wo Fanatismus und Gewalt im Namen des Islams dramatisch zugenommen haben.

Die Christen dort wollen keine Märtyrer sein, anders als viele ihrer Vorgänger im alten Rom, die sich in heiligem Eifer vor hungrige Löwen knieten. Sie wollen schlicht leben, ohne beraubt zu werden, ohne Todesangst zu haben um ihre Kinder und sich. Doch sie werden nun Opfer der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in der Region und der Welt. Auch sie zahlen den Preis dafür, dass aus dem Konflikt zwischen säkularer PLO und säkularen Zionisten der Kampf der radikalislamischen Hamas gegen die religiöse Rechte in Israel geworden ist. Sie zahlen den Preis, dass seit der iranischen Revolution 1979 und den Anschlägen von 2001 Auseinandersetzungen als heilige Kriege und Kreuzzüge überhöht werden. Die Christen zahlen für George W. Bushs Messianismus, mit dem er den Irak per Invasion zu einem besseren Land machen wollte. Den Ex-Präsidenten kriegen die IS-Terroristen nicht, also halten sie sich an jene, die in ihren Augen die Agenten des Westens sind - und ihnen wehrlos ausgeliefert.

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Gastbeitrag

Christen im Irak

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Mehr als hunderttausend Christen im Irak sind mit brachialer Gewalt von der Terrormiliz Islamischer Staat vertrieben worden. Sie sind von der Vernichtung bedroht, und mit ihnen stirbt die Kultur eines Landes. Hilfe ist nötiger denn je.   Von Louis Raphael Sako

Niemand schützt die religiösen Minderheiten in der Region, auch das ist die bittere Erkenntnis der vergangenen Wochen. Es gibt dort keine Zivilkultur, in der die muslimischen Nachbarn für die Christen oder Jesiden nebenan einstehen würden. Nicht nur die Waffen machen die verschiedenen Terrorgruppen stark. Eine jahrelange Indoktrination hat ihr den Boden bereitet, verbreitet von Propagandasendern, finanziert mit Petrodollars von der arabischen Halbinsel: Der böse jüdisch-christliche Westen unterdrückt die Muslime. Das wirkt bis in die muslimischen Gemeinden in Deutschland hinein.