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Religion und Politik in Syrien:Die Suche nach Freunden unter all den Feinden

In Syrien regiert die Minderheit der Alawiten, zu denen Diktator Assad gehört. Mit ihnen haben sich andere Religionsgruppen arrangiert - sie fürchten die Vormacht der sunnitischen Mehrheit. Wer also sind die bewaffneten Regimegegner, die auf die Sicherheitskräfte feuern?

Rudolph Chimelli

Es gibt sie tatsächlich - jene "bewaffneten Gruppen" von Regimegegnern, deren Auftreten Syriens Regierung zum Vorwand für die brutale Unterdrückung der Demonstrationen nimmt. Viele Syrer bestätigen das im Gespräch. Immer wieder seien friedliche Kundgebungsteilnehmer ins Kreuzfeuer zwischen diese bewaffneten Gruppen und den von ihnen beschossenen Sicherheitskräften geraten. Wer aber hinter den namenlosen Terroristen steht, das weiß niemand.

Syria unrest

Syrische Staatsmedien verbreiten Bilder von einem Begräbnis mehrerer Soldaten, die während der Proteste starben. Das Regime macht "bewaffnete Gruppen" für ihren Tod verantwortlich.

(Foto: dpa)

Spekulationen indes gibt es so viele, wie es Feinde von Präsident Baschar al-Assad gibt. Syrern fallen sofort zwei ehemalige Größen des Regimes ein: Da ist Abd al-Halim Chaddam, erst Vizepräsident unter Assad senior, dann auch unter dem jetzigen Staatschef. Er brach vor sechs Jahren mit dem Regime, ging nach Paris, gründete eine Exilregierung sowie eine "Nationale Rettungsfront" und beschuldigte Baschar al-Assad, den Mord am ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri angestiftet zu haben.

Von seinem Hauptquartier im Londoner Viertel Mayfair aus befehligt zudem der Präsidenten-Onkel Rifaat al-Assad ein Geflecht von Exilgruppen. Er behauptet, der rechtmäßige Präsident zu sein und nennt seinen Neffen einen "Usurpator". Im Jahr 1982 kommandierte er die Elitetruppen, die bei der Niederschlagung einer Revolte der Muslimbrüder die Altstadt von Hama einebnen und mindestens 20.000 Menschen hatten massakrieren lassen. "Jeder von ihnen hat verdient, tausendmal zu sterben", sagte damals der amtierende Präsident Hafis al-Assad, der Bruder Rifaats. Nur wenige glauben aber, dass dieser oder auch Chaddam heute noch über einen schlagkräftigen Apparat in der Heimat verfügen.

Nach dem Massaker schien es so zu sein, als gebe es keine Muslimbrüder mehr. Aber die 20.000 Ermordeten haben Hunderttausende Sympathisanten und Verwandte, deren langes Gedächtnis bei einer Schwäche des Regimes sofort nach Vergeltung ruft. Führende Muslimbrüder fanden dereinst bei König Hussein von Jordanien Zuflucht. Aus dem Exil begannen die Brüder vor zwei Jahren bei Assad zu sondieren, ob er ihre Bewegung tolerieren würde. Doch der Präsident lehnte ab. Nach wie vor ist es laut Verfassung bei Todesstrafe verboten, Muslimbruder zu sein.

Gleichwohl genießen die Brüder unter den Frommen in der sunnitischen Mehrheit latente Sympathien. Assad und sein Clan stützen sich nämlich auf die schiitischen Alawiten, eine früher arme, von den Sunniten verachtete Minderheit in den Bergen des Nordwestens. Armee, Geheimdienste und sonstige Schaltstellen des Apparats sind fest in der Hand von Alawiten. Chaddam war einer der wenigen Sunniten, die es im Assad-Staat zu etwas gebracht haben.

Reste der Kommunisten und der panarabischen Nationalisten, die einst in Konkurrenz zur syrischen Baath-Partei standen, sind jetzt unter den Organisatoren des gewaltlosen Widerstands. Eine Neigung zu extremistischem Verhalten ist schon eher der "Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei" zuzutrauen. Diese Partei, die früher einmal großes Gewicht hatte, beansprucht zusätzlich zum heutigen Staatsgebiet ein "Groß-Syrien", das den Libanon, Palästina, Israel, Zypern, ein Stück der Türkei, den Irak und Kuwait einschließt. Der Gruppierung werden 100.000 Mitglieder nachgesagt - und sie wird toleriert. Bei der Wahl zum syrischen Scheinparlament errang sie zwei von 250 Sitzen.

Die Volksgruppe der Drusen wiederum konnte von der französischen Kolonialmacht im vergangenen Jahrhundert erst nach langen Kämpfen unterworfen werden. Wie sie haben die Christen, etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Syrer, kein Interesse daran, dass das Regime der Alawiten wieder von einer sunnitisch-arabischen Obrigkeit abgelöst wird. Ähnlich dürften die kurdische und die tscherkessische Minderheit empfinden.

© SZ vom 27.04.2011/jab

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