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Religion:Stoßgebete

Der Papst bleibt allein auf dem Petersplatz - aber auch kontaktfrei ohne Publikum kann ein Segen helfen.

Auch das ist ein Sinnbild der Welterkrankung: Papst Franziskus spricht an diesem Freitag den höchsten kirchlichen Segen "Urbi et Orbi", und niemand ist auf dem Petersplatz in Rom. Es ist weder Ostern noch Weihnachten, wie sonst. Der Segen ist eine Art von höchster Stelle vorgetragenes Stoßgebet: Herr hilf, wenn unsere Sicherheiten zerbrechen!

Hilft das was? Der Segen ersetzt nicht das Händewaschen und die nötige Distanz zwischen den Menschen, wie mancher religiöse Fundi denken mag, im Glauben, das Virus ließe sich niederbeten. Er ist weder Medizin noch Impfstoff und erspart auch nicht die Auseinandersetzung darüber, wie viel Freiheit und Wohlstand man opfern muss, damit es möglichst wenige Corona-Tote gibt. So gesehen ist der Segen zwecklos: Er verhindert nichts, löst nichts, klärt nichts. Er hat keine eingebaute Wundergarantie.

Und trotzdem ist die Welt gerade voller Segenswünsche; jedes dahingesagte "bleib gesund" und "pass auf dich auf" ist ja einer. Segnen heißt auf lateinisch "benedicere", jemandem etwas Gutes sagen. Und so steht des Papstes einsamer Freitagsegen für alle, die dem anderen jetzt etwas Gutes sagen, einfach so, ohne einen Zweck zu verfolgen, ob Seelsorgerin oder Therapeut, Vater oder Mutter, Nachbar oder Kollegin: Ich rufe das Gute auf dich herab, in der Zuversicht, dass das Unheil nicht das letzte Wort haben wird. Egal, ob das etwas hilft oder nicht. Aber das ist ja gerade die Kraft jeder Benediktion: dass sie nicht nach Zweck und Erfolg fragt.

© SZ vom 28.03.2020

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