Religion und Gewalt Manchmal reicht ein Kreuzzeichen

In Colombo trauern die Menschen um die 321 Opfer des Anschlags vom Ostersonntag

(Foto: Getty Images)
  • Immer wieder sind Kirchen Angriffsziele von Fanatikern - in Ägypten, im Irak aber auch auf den Philippinen.
  • In mindestens 21 Ländern, so hat vergangenes Jahr die päpstliche Stiftung "Hilfe für die leidende Kirche" in ihrem Bericht gezählt, sind bekennende Christen massiver Verfolgung ausgesetzt.
  • Jeder neunte Christ weltweit und jeder dritte in Asien erlebt wegen seines Glaubens erhebliche Verfolgung.
Von Andrea Bachstein

Ob die Terroristen in Sri Lanka wirklich Rache nehmen wollten für die Anschläge auf Muslime im neuseeländischen Christchurch, wird sich möglicherweise erst noch zeigen. Dass Hass auf Christen sie trieb, ist allerdings offensichtlich. Die Attentäter haben am Ostersonntag auf der Weltkarte einen weiteren Schauplatz mörderischer Gewalt gegen Christen hinzugefügt, die schlimmste Form von Christenverfolgung. Die wird oft mit der Antike assoziiert, als Anhänger des neuen Glaubens wilden Tieren vorgeworfen wurden. Aber sie ist höchst präsent.

In mindestens 21 Ländern, so hat vergangenes Jahr die päpstliche Stiftung "Hilfe für die leidende Kirche" in ihrem Bericht gezählt, sind bekennende Christen massiver Verfolgung ausgesetzt, die mit Lebensgefahr einhergeht. In 17 weiteren Ländern werden Christen demnach diskriminiert, etwa in Algerien, Ägypten, Iran - alles Länder, in denen Christen eine Minderheit bilden. Und manchmal reicht ein Kreuzzeichen für eine Aggression.

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Jeder neunte Christ weltweit und jeder dritte in Asien erlebe wegen seines Glaubens erhebliche Verfolgung, hat die Gesellschaft Open Doors (oder Porte Aperte) festgestellt, die seit 60 Jahren zum Thema forscht, und 50 Länder auf ihrer Beobachtungsliste hat. Vom 1. November 2017 bis 31. Oktober 2018, so die neuesten Zahlen von Open Doors, starben ihres Glaubens wegen weltweit 4305 Menschen, verhaftet, verurteilt oder ohne Prozess inhaftiert wurden deshalb 3150 Menschen.

Ganz oben auf der Liste der Staaten mit Christenverfolgung hat Open Doors Nordkorea gesetzt, gefolgt von Afghanistan, Indien, Nigeria, Syrien, China, Irak und Jemen. Das Spektrum der Verfolgung reicht von Gefängnisstrafen für "Blasphemie" wie sie die weltweit bekannt gewordene Asia Bibi und Dutzende weniger bekannte Christen in Pakistan erdulden mussten, über Massaker in Missionsstationen in Afrika bis zu Angriffen auf Kirchen. So starben Ende Januar 20 Menschen im philippinischen Jolo, als beim Gottesdienst eine Bombe explodierte. 2018 endete mit einem Massaker an Gläubigen und Priestern im Flüchtlingscamp Alinda in der Zentralafrikanischen Republik. Und da waren die Anschlagsserien auf Pilgerbusse und Gottesdienste von Kopten in Ägypten zwischen 2013 und 2018 mit Dutzenden Toten.

Es sei schwer zu glauben, aber "es gibt heute mehr Märtyrer als in den ersten Jahrhunderten" des Christentums, teilte Papst Franziskus gerade in seiner Gebetsbotschaft für März mit. Bis zu 300 Millionen Menschen in 38 Ländern würden wegen ihres Glaubens verfolgt. Und zwar auch in Ländern, die auf dem Papier Menschenrechte und Grundfreiheiten schützen. Der Papst wies zudem darauf hin, dass die Verfolgung sowohl vom Staat ausgehen kann wie von religiösen, nationalistischen Extremisten, von Terroristen wie dem Islamischen Staat (IS) oder Boko Haram in Afrika. In Iran droht die Todesstrafe jedem, der vom Islam zu Christentum konvertiert.

Einzigartig dramatisch ist wohl, was den Christen im Irak widerfahren ist, dem Land, in dem das biblische Paradies gelegen haben soll. Alltägliche Verfolgung, staatliche Diskriminierung und gezielte Gewalt während des Bürgerkrieges vertrieben von 2003 bis 2009 mindestens die Hälfte der 1,3 Millionen Christen. Dann folgte die Heimsuchung durch den IS. In Mossul etwa, das die Terrormiliz 2014 unter Kontrolle brachte. Den verbliebenen etwa 25 000 Christen blieb die Wahl zu konvertieren, zu fliehen oder hingerichtet zu werden. Alle gingen. Der IS zerstörte die Kirchen und jedes christliche Zeugnis. Ob je wieder eine nennenswerte Gemeinde in Mossul entsteht, ist fraglich.

Die Weltkarte der Christenverfolgung ändert sich. Tansania und Kenia sind nicht mehr klassifiziert bei "Hilfe für die leidende Kirche", dort mordeten bis 2018 die Islamisten von al-Shabaab. Der IS wütet nicht mehr in Syrien oder im Irak. Dennoch nimmt religiöse Verfolgung zu, sie betrifft nicht nur Christen. So wächst etwa der Antisemitismus in Westeuropa, und in Indien attackieren fanatische Hindus immer öfter Muslime.

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