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Religion:Die Christen werden zur Minderheit

In 40 Jahren werden die beiden großen deutschen Kirchen nur noch halb so viele Mitglieder haben wie heute, sagt eine Studie. Viele Menschen treten aus - und lassen ihre Kinder nicht mehr taufen.

Mit einer musikalischen Andacht bei Sonnenaufgang am Sonntag 28 05 2017 hat der letzte Tag des 36

„Die Entwicklung ist nicht einfach gottgegeben“: Katholische und evangelische Kirche wollen versuchen, attraktiver zu werden.

(Foto: imago/epd)

Die Kirchen in Deutschland stehen vor einem dramatischen Umbruch: Sie werden bis zum Jahr 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer derzeitigen Finanzkraft verlieren. Deutschland wird dann ein mehrheitlich säkulares Land sein, nur noch ungefähr jeder dritte Bundesbürger ist dann noch Mitglied einer der heutigen Volkskirchen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge. Das Zentrum hat, gefördert von der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), erstmals die Entwicklung für die 20 evangelischen Landeskirchen und die 27 katholischen Bistümer in Deutschland berechnet. Demnach wird die Zahl der Protestanten in der kommenden Generation von derzeit 21,5 Millionen auf 10, 5 Millionen sinken, die der Katholiken von mehr als 23 Millionen auf 12,3 Millionen; die katholische Kirche profitiert dabei von einer etwas günstigeren Altersstruktur und der Zuwanderung aus katholischen Ländern.

Die Kirchen schrumpfen, weil viele Menschen austreten und ihre Kinder nicht mehr taufen lassen

Die Kirchensteuereinnahmen werden nach den Prognosen der Forscher in 40 Jahren ähnlich wie heute bei etwa 12 Milliarden Euro für die beiden Kirchen liegen - allerdings gehen sie von einem Kaufkraftverlust von 51 Prozent aus. Die religiöse Landschaft in Deutschland wird sich bis dahin deutlich ändern: Im Süden und Westen Deutschlands werden immer noch neun beziehungsweise 8,5 Millionen Kirchenmitglieder leben; im Norden und Osten des Landes werden die Christen mit 3,8 beziehungsweise 1,5 Millionen nur noch eine kleine Minderheit sein.

Mehrere Jahre haben der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen und seine von den Kirchen zur Verfügung gestellten Mitarbeiter David Gutmann und Fabian Peters an der Prognose gearbeitet, zunächst als katholisches Projekt, vor zwei Jahren stieg auch die evangelische Kirche ein. Dass die demografische Entwicklung die Christen in Deutschland zu einer Minderheit machen würde, war für die Forscher keine Überraschung; neu aber war die Erkenntnis, so Raffelhüschen, dass sich weniger als die Hälfte des Rückgangs mit diesem demografischen Wandel erklären lässt: "Einen größeren Einfluss auf die Mitgliederentwicklung hat das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern", sagt er. Die Kirchen schrumpfen also nicht vor allem deshalb, weil ihre Mitglieder älter sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, sondern weil vor allem Kirchenmitglieder zwischen 25 und 40 Jahren austreten und weil einst getaufte Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen. Der Studie zufolge kehren bis zum 31. Lebensjahr 31 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen ihrer Kirche den Rücken. Das ist die Lebensphase, in der viele Paare Kinder bekommen; entsprechend wirkt sich der Trend auch auf die Taufzahlen aus. Insgesamt sind seit vielen Jahren die Austrittszahlen der evangelischen Kirche höher als die der katholischen, nur 2010, als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche offenbar wurde, kehrte sich das Verhältnis um. Allerdings treten deutlich mehr Menschen in die evangelische Kirche ein oder lassen sich als Jugendliche vor der Konfirmation beziehungsweise als Erwachsene in ihr taufen. Hier haben die Kirchen durchaus eine Chance, sagt Andreas Barner, der ehemalige Chef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, der für den Rat der EKD die Studie begleitet: "Die Entwicklung ist nicht einfach gottgegeben." Die Kirchen müssten genauer fragen, was junge Erwachsene bewege, und inhaltlich attraktiver werden.

"Wir geraten nicht in Panik", versichert Kardinal Reinhard Marx

Die Freiburger Studie zeigt aber auch, dass vor allem im finanziellen Bereich einige Probleme auf die Kirchen zukommen werden. Rein rechnerisch sieht die Entwicklung erst einmal gar nicht so schlecht aus: Für die Hälfte der heutigen Mitglieder stünde die Hälfte der heutigen Finanzkraft zur Verfügung. "Doch wir können ja nicht einfach die Kosten halbieren", sagt Barner. Die Kirchen haben langfristige Pensionsverpflichtungen, sie können auch weder einfach die Hälfte ihrer Mitarbeiter entlassen noch die Hälfte ihrer Kirchen verkaufen. So werden sie in den kommenden Jahren vor einigen Verteilungskonflikten stehen: Nutzen sie die verbleibende Energie, um wenige, attraktive Gemeinden zu profilieren, vorzugsweise in den Städten, wo die reichen, kulturinteressierten Kirchensteuerzahler wohnen? Oder versuchen sie, die Kirche im Dorf zu erhalten, überall im Land präsent zu sein, wenn auch mit weniger Geld und Personal? Gibt es mehr Stellen für die Arbeit mit jungen Erwachsenen oder für die Alten?

Die obersten Kirchenchefs jedenfalls versuchen, trotz der Zahlen Zuversicht auszustrahlen. "Wir geraten nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten", erklärte Reinhard Marx, der Münchner Kardinal und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz. Die Kirche müsse "auch unter veränderten Bedingungen das Evangelium weitersagen"; für ihn sei "die Studie auch ein Aufruf zur Mission". Der bayerische evangelische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte, die Ausstrahlungskraft der Kirchen sei "keine Frage der Mitgliedszahlen". Deutschland wäre aber "ärmer ohne die vielen Christinnen und Christen, die sich aus der Kraft ihres Glaubens heraus für das Gemeinwesen einsetzen".