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Religiöse Erziehung:Warum ein Kopftuchverbot für Kinder unrealistisch ist

Einschulung von Flüchtlingen

Mädchen mit Kopftuch vor ihrem Klassenzimmer. Immer wieder wird gefordert, Kopftücher für Kinder zu verbieten.

(Foto: picture alliance / Wolfram Kastl)

NRW möchte Kopftücher bei muslimischen Mädchen unter 14 Jahren verbieten - um eine Sexualisierung von Kindern zu verhindern. Kritik kommt von den Schulen.

Der Vorstoß des NRW-Integrationsministers Joachim Stamp (FDP) - er will ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren - hat eine Debatte ausgelöst, die ein tiefer gehendes Dilemma der Gesellschaft spiegelt.

Einerseits garantiert das Grundgesetz Religionsfreiheit: Jeder Mensch in Deutschland darf sich für oder gegen jeden religiösen Glauben entscheiden und ihn leben. Andererseits gilt diese Freiheit nur für Kinder ab der Vollendung des 14. Lebensjahres. Bis dahin wird den sorgeberechtigten Eltern zugestanden, ihre Kinder dem elterlichen Glauben entsprechend zu erziehen und - wenn sie das wünschen - alles zu tun, damit sie ihr religiöses Weltbild übernehmen. Geregelt wird das durch ein eigenes "Gesetz über die religiöse Kindererziehung".

Gläubige Eltern dürfen ihre Kinder also zwingen, sich an die religiösen Riten zu halten und die religiösen Feiertage zu begehen - natürlich immer nur, solange dabei nicht gegen Gesetze verstoßen wird.

Wenn katholische Eltern wünschen, dass ihre Kinder zur Heiligen Kommunion gehen, entscheiden sie das, und nicht der Nachwuchs. (Anders ist es mit der Konfirmation bei Protestanten, die in der Regel mit 14 Jahren stattfindet - die Jugendlichen könnten sich also gegen diese Segnung entscheiden.)

Eltern dürfen ihre Kinder religiös erziehen

Der Staat kommt den religiösen Eltern sogar soweit entgegen, dass der Religionsunterricht an Schulen im Sinne der jeweiligen Religionen und Konfessionen gehalten wird - und nicht etwa nur über die Glaubensinhalte informiert, wie es der Ethikunterricht tut.

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Der Verbotsvorstoß aus NRW stößt bei der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz (CDU) auf Widerstand. Auch aus der Opposition kamen Widerworte.

Wenn nun muslimische Eltern es für eine religiöse Pflicht halten, die Haare ihrer Tochter in der Öffentlichkeit zu bedecken, dann steht ihnen das nach der derzeitigen Gesetzeslage zu. Genauso wie es christlichen Eltern zusteht, ihre Kinder mit einem Kreuz auszustatten, oder jüdischen Eltern, ihr Kind zum Beispiel mit einer Kippa in den Kindergarten zu schicken, wenn sie das möchten. Dass Kinder hier nicht selbst entscheiden dürfen, kann man fragwürdig finden, es ist aber gesetzlich so festgelegt.

Erst wenn der Nachwuchs durch das Verhalten der Eltern Schaden zu nehmen droht, kann eingegriffen werden. So wurden vor einigen Jahren 40 Kinder aus der Sekte der Zwölf Stämme in staatliche Obhut genommen, weil es in der Glaubensgemeinschaft üblich war, sie körperlich zu züchtigen.

In der gegenwärtigen Diskussion über ein Kopftuchverbot kann es deshalb nicht darum gehen, dass ein religiöses Symbol getragen wird, welches hier auf einen strengen Glauben hinweist. So warnte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, dass nicht einzelne Religionssymbole verboten werden dürften.

Die Forderung des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger in der Bild, eine "bewusste Demonstration religiöser Symbole bei religionsunmündigen Kindern" zu unterbinden, wird sich deshalb kaum durchsetzen lassen.

Tatsächlich müsste dazu das Gesetz zur religiösen Erziehung geändert werden. Eine solche Diskussion mögen manche richtig finden - in der aktuellen Diskussion aber geht es um die Frage, ob Mädchen durch den Zwang zum Kopftuch so benachteiligt, eingeschränkt oder geschädigt werden, dass ein Eingreifen des Gesetzgebers notwendig ist.