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Interview: "Ich sehe das ambivalent"

Hans Tremmel

Der Theologe Hans Tremmel, 57, ist Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken in der Erzdiözese München und Freising. Er wurde am Freitagmorgen von Kardinal Marx über dessen Pläne informiert.

(Foto: Erzbistum München)

Warum der Sprecher der Laien im Erzbistum München und Freising hofft, dass der Kardinal bleibt.

Von Jakob Wetzel

Hans Tremmel ist der oberste Laienvertreter im Erzbistum München und Freising. Er hofft, dass das letzte Wort beim Rücktrittsgesuch des Kardinals noch nicht gesprochen ist.

SZ: Herr Tremmel, Kardinal Marx hat seinen Rücktritt angeboten; wie empfinden Sie diesen Schritt?

Hans Tremmel: Es ist ein sehr respektabler, geradliniger Entschluss. Aber ich sehe das ambivalent. Der Kardinal wird weiterhin gebraucht, in der Erzdiözese, in der deutschen Kirche, auch in der Weltkirche. Ich hoffe, dass der Papst das Signal ernst nimmt, aber beschließt, auf das Angebot zu verzichten. Es wäre schade, wenn gerade der Kardinal ginge, der seit 2010 ernsthaft an der Aufklärung der Fälle von Missbrauch interessiert ist und die Perspektive der Opfer sieht.

Unterscheidet das Kardinal Marx von anderen Würdenträgern?

Diese Antwort kann sich jeder selbst geben. Er unterscheidet sich ja schon deswegen, weil er diesen Schritt geht, ohne konkreten Anlass. Dazu sind offensichtlich nicht alle bereit.

An wen denken Sie da?

Wir stehen in engem Kontakt mit dem Diözesanrat in Köln. Ich bin froh, dass in München und Freising eine große Bereitschaft zu Offenheit, Transparenz und Aufklärung vorhanden ist.

Ist ein Rücktritt dann richtig?

Es ist jetzt ein deutliches, starkes, ehrliches Zeichen nötig, um die Kirche zu öffnen, und wir brauchen diese Kirche! Deshalb spielt der Kardinal keine Spielchen, er bietet den Rücktritt an und meint es so. Aber ich hoffe, dass er uns für die verschiedenen Reformprozesse der Kirche, insbesondere für den Synodalen Weg, erhalten bleibt. Seine Stimme, seine intellektuelle Redlichkeit sind dringend notwendig. Diese Kirche hat nicht nur Schattenseiten, es gibt auch sehr gute, glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen der Botschaft Jesu Christi. Wir können nicht vorschnell die Flinte ins Korn werfen.

Hat Sie Marx überrascht?

Kardinal Marx hat mich am Vormittag angerufen. Vorher hat er darüber nicht mit mir gesprochen, das wäre aber auch nicht angemessen gewesen. Aber der Schritt passt zu dem Bild, das ich von ihm habe: dem eines konsequenten Bischofs.

Im Erzbistum München und Freising gibt es seit Jahren auch Reformpläne. Da ging lange wenig konsequent voran.

Es ist in den letzten Jahren viel passiert und gelernt worden. Im Herbst soll es Ergebnisse beim Gesamtstrategieprozess geben. Ich bin da durchaus optimistisch.

Wirft der Rücktritt des Kardinals diese Reformpläne zurück?

Er geht ja noch nicht. Der Papst hat signalisiert, dass der Kardinal seine Amtsgeschäfte erst einmal weiterführen soll. Ich bin zuversichtlich, dass der Erzbischof von München und Freising auch im nächstes Jahr Reinhard Marx heißt.

© SZ
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