Wirtschaftsbuch über UngleichheitWider die ungezügelte Freiheit der Superreichen

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Passender Ort: Phil White von den Patriotic Millionaires (re.) hält beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein Plakat mit der Aufschrift „Tax the Rich“ (Besteuert die Reichen).
Passender Ort: Phil White von den Patriotic Millionaires (re.) hält beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein Plakat mit der Aufschrift „Tax the Rich“ (Besteuert die Reichen). Michael Buholzer/dpa

Sebastian Klein war Multimillionär und gab einen Großteil seines Geldes weg. Nun hat er ein Buch über „toxischen Reichtum“ geschrieben. Die Analyse ist treffend, aber seine Vorschläge für eine gerechtere Gesellschaft sind enttäuschend.

Rezension von Rudolf Walther

Der reißerische Titel („Toxisch reich“) und Untertitel („Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet“) täuschen. Im Gegensatz dazu beruht das Buch des Psychologen und Unternehmers Sebastian Klein auf einer über weite Strecken stringenten Argumentation, deren Voraussetzungen und Implikationen durchgängig gut begründet und mit Fakten belegt werden. Bekannt geworden ist Klein durch die Buchzusammenfassungs-App Blinkist, 2023 hat er sie verkauft und den Großteil seines Vermögens in gemeinnützige Projekte investiert.

Der Autor wuchs in Bayern in bescheidenen Verhältnissen auf und fühlte sich als Kind nicht privilegiert im Unterschied zu Mitschülern, die ihr Taschengeld aus einer Geldschatulle selbst besorgen konnten. In seiner Familie fehlte es zwar nicht am Nötigsten und ein jährlicher Familienurlaub war üblich wie Geschenke zu Geburtstagen und an Weihnachten.

Nach dem Abschluss des Psychologiestudiums bekam Klein ein Angebot in einer Firma für Unternehmensberatung, in der es im Unterschied zum Studium nicht mehr nur um Menschen, sondern vor allem um Geld ging. Obwohl er in dieser Firma nicht glücklich wurde, kündigte er den Job erst nach 15 Monaten, behielt aber sein Ziel, reich zu werden, fest im Blick. Er beteiligte sich an einem Start-up-Unternehmen. Das Unternehmen florierte, und nach ein paar Jahren verkaufte er seine Anteile an der Gründerfirma für rund 400 000 Euro und genoss die damit gewonnene Sicherheit als wirtschaftlich Unabhängiger mit dem Kauf von allerhand Luxusgegenständen.

Vorgehen gegen populäre Vorurteile

Das Buch von Thomas Piketty über das „Kapital im 21. Jahrhundert“ schockierte ihn wegen der darin dargestellten Ungleichheit in der Gesellschaft. Durch weitere Verkäufe von Anteilen an seiner Gründungsfirma genoss er – inzwischen Multimillionär geworden – ein gesteigertes Sicherheitsgefühl und leistete es sich, 90 Prozent seines Vermögens in gemeinnützigen Projekten und Organisationen anzulegen und nur 10 Prozent davon für sich zu behalten. Er gewann die Einsicht, für die Gesellschaft sei es an der Zeit, endlich über Geld und Ungleichheit nachzudenken, und entschloss sich, darüber ein Buch zu schreiben, um mit einigen populären Vorurteilen aufzuräumen. Dazu zählte er etwa die Ideologie, mehr Gleichheit bedeute automatisch Diktatur, oder das Gerücht, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft, obwohl fünf Prozent mehr besitzen als die restlichen 95 Prozent zusammen. Das hängt damit zusammen, dass die riesigen Vermögensdifferenzen aus ungleichen Startchancen und restlos ungerechtfertigten Erbschaftsverhältnissen entstehen.

Einen wesentlichen Beitrag zur Verstetigung von Ungleichheit leistet das herrschende Steuersystem, das bestehende Vermögen vor Besteuerung ganz verschont oder im Vergleich zu gewissen anderen Einkommensformen privilegiert. So machen die Steuern auf Vermögen und Erbschaften in Deutschland nach den zahlreichen Steuerreformen und Steuersenkungen der 90er-Jahre nur ein Prozent des gesamten Steueraufkommens aus. Allein die Erbschaftssteuer wurde 1992, 2008 und 2016 gesenkt – ebenso die Gewerbekapitalsteuer 1998, 2001 und 2008, während für Anteile an Kapitalgesellschaften bis zu 26 Millionen Euro eine Erbschaftssteuerbefreiung gilt; Großerben wie Mathias Döpfner profitierten außerdem von einem Verschonungsbedarfsverfahren, wobei schon dessen Bezeichnung wie ein Hohn wirkt und die Diagnose einer „Ungleichheitskrise“ plausibel macht.

Steuerhinterziehung kostet Milliarden

Klein und seine Co-Autorin Svenja Behrens halten ungleiche Gesellschaften zu Recht für „schlechte Gesellschaften“, weil sie Armut produzieren, statt „Reichtum in Wohlstand für alle“ zu verwandeln. Steuerhinterziehung und Steuervermeidung durch „kreative Buchführung“ kosten den Staat und seine Bürger jährlich Milliarden Euro, insofern schadet das „Profitstreben der Reichsten den Normalsterblichen“. Der heutige Kapitalismus funktioniere als Finanzmarktkapitalismus, also als „Shareholder-value-Maximierungsmaschine“ im Dienst und im Interesse einer dünnen Oberschicht, während die Mehrheit der Bürger, die Umwelt und die demokratischen Institutionen Schaden nehmen, wobei Letztere am Ende zerstört werden.

Sebastian Klein unter Mitarbeit von Svenja Behrens: Toxisch reich. Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet. Oekom Verlag, München 2025. 208 Seiten, 19 Euro.
Sebastian Klein unter Mitarbeit von Svenja Behrens: Toxisch reich. Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet. Oekom Verlag, München 2025. 208 Seiten, 19 Euro. Oekom-Verlag

Dennoch wagen die Autoren einen „optimistischen Ausblick“. Sie plädieren allerdings nicht für eine Enteignung der „Reichen“. Sie glauben, mit „Volksentscheiden, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie Verfassungsklagen für eine gerechtere Gesellschaft politische Mehrheiten organisieren“ zu können. Klein schreibt: „Ich möchte in 50 Jahren sagen können, dass ich mein Bestes gegeben habe. Denn nicht mehr – aber auch nicht weniger kann jeder von uns tun.“ Doch das Plädoyer für „Reformen, die allen nützen“, wirkt allein durch die ganz subjektive Erfahrung Kleins wenig glaubhaft, bleibt in vortheoretischen Appellen stecken und kommt politisch eher ahnungslos und ohnmächtig daher.

Und: Die theoretische und politische Diskussion hauptsächlich unter angelsächsischen Marxisten darüber, ob Kapitalismus ohne Wachstum auf Dauer möglich sei, streift das Buch nicht einmal, was man durchaus als dessen Hauptmangel sehen kann.

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