Süddeutsche Zeitung

Reichspogromnacht 1938:"Der Pogrom verschaffte der SS beträchtlich mehr Macht"

Am 9. November 1938 tobte der Mob gegen deutsche Juden, zerstörte deren Geschäfte und zündete Synagogen an. Historiker Robert Gerwarth erklärt, warum die Reichspogromnacht den SS-Führer Reinhard Heydrich unangenehm überraschte - und wie der spätere Holocaust-Organisator letzlich von dem Gewaltexzess entscheidend profitierte.

Robert Gerwarth, Jahrgang 1976, ist Professor für moderne Geschichte am University College Dublin und Direktor des dortigen Zentrums für Kriegsstudien. Der Historiker verfasste eine bei Siedler erschienene Biographie über den SS-Obergruppenführer und Polizei-General Reinhard Heydrich (1904-1942), der den Völkermord an den europäischen Juden organisierte.

sueddeutsche.de: Herr Gerwarth, Sie haben eine Biographie über Reinhard Heydrich geschrieben. In einem Satz: Wofür steht dieser Mann?

Robert Gerwarth: Heydrich war als Chef des Reichssicherheitshauptamtes unmittelbar für die Verfolgungspolitik des Dritten Reiches verantwortlich und war eine der treibenden Kräfte hinter dem Genozid der Nazis an den europäischen Juden; er setzte seinen Antisemitismus fanatischer um, als jeder andere NS-Führer.

sueddeutsche.de: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Pogrom am 9. November 1938 die SS-Führung unangenehm überraschte. Was störte die späteren Organisatoren des Holocaust an toten Juden und brennenden Synagogen?

Gerwarth: Der öffentliche Gewaltausbruch lief der damaligen SS- Judenpolitik zuwider. Im NS-Staat wetteiferten zu dieser Zeit mehrere Fraktionen darum, wie man das Dritte Reich möglichst schnell "judenfrei" bekommt. Die SA etwa setzte seit 1933 auf sichtbaren Terror und drangsalierte die Juden auf offener Straße, Leute wie der Nürnberger Gauleiter Julius Streicher und Propagandaminister Joseph Goebbels unterstützten diesen "Radau-Antisemitismus". Die SS verfolgte das selbe Ziel, setzte aber auf andere Mittel zur erzwungenen Emigration der deutschen Juden.

sueddeutsche.de: Goebbels fachte den Pogrom maßgeblich an. Warum tat er das?

Gerwarth: Der Minister hatte in den Vorjahren mehr und mehr Einfluss in der Judenpolitik verloren und wollte durch die Ausschreitungen seine Macht in diesem Bereich zurückgewinnen. Goebbels direkter Gegenspieler bei der SS war Heydrich. Er führte den Sicherheitsdienst der SS, kurz SD, der sich in den vergangenen Jahren als Think-Tank der SS-Judenpolitik etabliert hatte. Reichsführer-SS Heinrich Himmler ließ Heydrich freie Hand, auch weil sich beide in ideologischen Fragen absolut einig waren.

sueddeutsche.de: Immer wieder heißt es, Heydrich habe mit seinem Chef konkurriert. Trifft das zu?

Gerwarth: Nein, dafür gibt es keine Belege. Das Gegenteil schien der Fall zu sein: Zwischen Heydrich und Himmler passte in puncto Weltanschauung kein Blatt Papier. Sie sahen sich als Team bei der Verfolgungspolitik und besaßen komplementäre Talente zur Machtsicherung und -ausübung.

sueddeutsche.de: Welche Judenpolitik verfolgte die SS im Pogromjahr 1938?

Gerwarth: Der SD versuchte seit Mitte der dreißiger Jahre, die Juden mehr und mehr vom Wirtschafts- und Gesellschaftsleben auszuschließen. Die Nürnberger Gesetze kamen dieser Forderung entgegen, gingen aber nach Heydrichs Ansicht nicht weit genug. Heydrichs Kalkül: Mit dem Entzug der Lebensgrundlagen sollten die jüdischen Deutschen dazu genötigt werden, ihre Heimat zu verlassen. Drohungen gehörten auch dazu, um möglichst viele Juden zum Auswandern zu bringen, allerdings sprach sich Heydrich gegen allzu öffentliche Gewalt aus, um außenpolitischen Schaden von Deutschland abzuwenden. Auch die Vernichtung von Sachwerten - der im Rahmen des Pogroms angerichtete wirtschaftliche Schaden war riesig - erzürnte Heydrich und vor allem Hermann Göring, der nominell für die Judenpolitik verantwortlich war. Insofern torpedierte die Reichspogromnacht die Judenpolitik Heydrichs, schuf aber gleichzeitig die Voraussetzung zu seinem Aufstieg zur zentralen Figur der deutschen Judenpolitik.

sueddeutsche.de: Funktionierte die Vertreibungsstrategie der SS, wie sie sich Heydrich vorstellte, vor dem Pogrom?

Gerwarth: Zunächst schon, aber nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 gab es eine besondere Situation. Auf der einen Seite waren zu diesem Zeitpunkt bereits viele deutsche Juden emigriert. Doch nach der Einverleibung Österreichs wuchs die Zahl der Juden plötzlich um 200.000 - das waren deutlich mehr, als das Alt-Reich verlassen hatten.

sueddeutsche.de: Aus Sicht Heydrichs und der SS vergrößerte sich das Judenproblem also über Nacht. Wie reagierte er?

Gerwarth: Heydrich forcierte einerseits das Auswanderungsprozedere mit Hilfe einer neuen Institution in Wien: der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Und er veranlasste noch andere Maßnahmen - eine davon trug unbeabsichtigt zur Vorgeschichte des November-Pogroms bei.

sueddeutsche.de: Wie meinen Sie das?

Gerwarth: Die polnische Regierung plante, den in Deutschland lebenden jüdischen Polen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, um dadurch ihre Rückkehr nach Polen zu verhindern. Darauf ließ Heydrich kurzerhand 17.000 jüdische Polen abschieben. Unter diesen ersten Opfern nationalsozialistischer Massendeportationen war auch der Schneidermeister Sendel Grynszpan mitsamt seiner Familie aus Hannover, deren bürgerliche Existenz durch die Deportation zerstört wurde. Grynszpans Sohn Herschel befand sich zu diesem Zeitpunkt in Paris und war über die Ausweisung seiner Familie so aufgebracht, dass er den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath erschoss. Diese Bluttat benutzte Goebbels wiederum als Vorwand, um den Pogrom als angeblichen Racheakt der Deutschen zu initiieren.

"Gegen den Willen Hitlers ging nichts, auch nicht in der Judenpolitik"

sueddeutsche.de: Warum erlangte die SS nach dem Novemberpogrom die Federführung in der Judenpolitik?

Gerwarth: Das lag am späteren Reichsmarschall Hermann Göring. Der war damals der zweite Mann im NS-Staat und zeigte sich entsetzt über den Gewaltexzess. Allerdings nicht etwa wegen der jüdischen Opfer - Göring ärgerte sich, wie erwähnt, über den wirtschaftlichen Sachschaden.

sueddeutsche.de: Werte in Höhe von mehreren hundert Millionen Reichsmark waren in dieser Nacht vernichtet worden.

Gerwarth: Das sollte nach Görings Willen nicht mehr vorkommen, denn die vernichteten Werte hätten ja eigentlich "arisiert" - also von den jüdischen Eigentümern konfisziert und in "Volkseigentum" umgewandelt - werden können. Drei Tage nach dem Gewaltexzess veranstaltete er deshalb eine Konferenz bei sich im Reichsluftfahrtministerium. Spitzenfunktionäre der nationalsozialistischen Führung diskutierten über die "Judenfrage". Heydrich konnte Göring überzeugen, die Zwangsemigration der Juden künftig von der SS organisieren zu lassen und das nach dem bereits etablierten "Wiener Modell", das den Vorteil hatte, "kostenneutral" zu sein. Die "reichen" Juden sollten dabei für die Ausreise ihrer ärmeren Glaubensgenossen bezahlen. Von diesem Tag bis zu seinem Tod 1942 blieb Heydrich derjenige im NS-Staat, der die operative Judenpolitik maßgeblich leitete. Nun übernahm der Think-Tank der NS-Verfolgungspolitik, der SD, das Ruder, der später die Vernichtung der europäischen Juden plante und ausführen ließ. Der Pogrom verschaffte der SS - und insbesondere Heydrich - also einen beträchtlichen Machtzuwachs, ohne das er dies geplant hätte.

sueddeutsche.de: Göring war auch derjenige, der Heydrich später den schriftlichen Befehl zur "Endlösung" erteilt hat. Zeichnete sich schon am 9. November die Schoah ab?

Gerwarth: Der Pogrom war zweifellos furchtbar, aber eine Zwangsläufigkeit zur zwischen Ende 1941 und Frühjahr 1942 beschlossenen vollständigen Vernichtung der europäischen Juden sehe ich nicht. Unmittelbar nach der Reichspogromnacht verfolgte Heydrich noch das Ziel, die Juden zu vertreiben - das Schicksal der Vertriebenen interessiert ihn dabei nicht.

sueddeutsche.de: Wie ging Heydrich vor, nachdem er den Zuschlag von Göring bekommen hatte?

Gerwarth: Der SD orientierte sich an einem aus Sicht der Nazis erfolgreichem Modell: Man übernahm das Prinzip der Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", geleitet von Heydrichs "Judenexperten" Adolf Eichmann.

sueddeutsche.de: Eichmann koordinierte später die Deportationen in die Vernichtungslager. Nach dem Krieg tauchte er in Südamerika unter, bis ihn israelische Agenten entführten, vor ein israelisches Gericht brachten, das ihn zum Tode verurteilte. Wie arbeitete Eichmanns "Zentralstelle" 1938?

Gerwarth: Sie beschleunigte etwa die Vergabe von Ausreisevisa und verwendete den Erlös aus konfisziertem Eigentum und Sonderabgaben reicherer jüdischer Österreicher, um die Ausreise ärmerer Juden zu ermöglichen. Diese Prozedur war kühl kalkuliert, systematisch und kostenneutral. Und sie lieferte aus Sicht der Nazis erfreuliche Resultate: 100.000 österreichische Juden verließen bis zum Sommer 1938 ihre Heimat. Zwischen dem Novemberpogrom und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diente Eichmanns Modell als Vorbild für die gesamte NS-Judenpolitik.

sueddeutsche.de: Damals setzte die SS also noch auf Vertreibung statt auf Vernichtung. Wie kam es dazu, dass sich die Vorstellung der Nazis von "Endlösung der Judenfrage" so dramatisch veränderte?

Gerwarth: Die unterschiedlichen Deportationspläne, die im Laufe der Zeit entwickelt werden, stießen nach Kriegsbeginn immer wieder an die Grenzen der Realität. Anstatt dass es immer weniger Juden im deutschen Machtbereich gab, wurden es immer mehr: Nach dem Überfall auf Polen etwa verzehnfachte sich die Zahl. Mit jedem Land, das die Wehrmacht überfiel, sah sich die SS weiter von ihrem Ziel entfernt, den deutschen Machtbereich "judenfrei" zu machen. Hinzu kommen die Brutalisierungsschübe nach Ausbruch des Weltkriegs: Deutschland befand sich ab 1939 im Krieg, ab 1941 sogar im Weltkrieg und aus der verqueren Sicht fanatischer Ideologen wie Heydrich waren es die Juden, die hinter den Kulissen auf eben diese Situation hingearbeitet hatten.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielte Adolf Hitler bei der Judenvernichtung?

Gerwarth: Gegen den Willen Hitlers ging im Dritten Reich nichts, auch nicht in der Judenpolitik. Aber der "Führer" schreckte vor und während des Krieges aus Gründen der öffentlichen Meinung mehrfach davor zurück, besonders radikale Vorschläge Heydrichs abzusegnen: Der SD-Chef wollte deutsche Juden schon 1938 mit einem Stern brandmarken und drängte nach Kriegsausbruch immer wieder darauf, sie vollständig aus dem Reich zu deportieren. Auch Hitler wollte natürlich ein "judenfreies" Deutschland schaffen, gab aber erst im Herbst 1941 sein Einverständnis zur Kennzeichnung der deutschen Juden und ihrer Deportation aus dem Reich. Dieser Radikalisierungsschub, der in den folgenden Monaten schrittweise zur systematischen Vernichtungspolitik führte, lässt sich ohne den deutsch-sowjetischen Krieg nicht erklären, der von Hitler von vornherein als rassischer Vernichtungskrieg geplant war. Bis Herbst 1941 wurden Heydrich also aus primär taktischen Gründen immer wieder von Hitler Grenzen gesetzt, danach gab es hierfür keinen Grund mehr.

Der Autor debattiert unter twitter.com/oliverdasgupta

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