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Reichspogromnacht 1938:"Gegen den Willen Hitlers ging nichts, auch nicht in der Judenpolitik"

sueddeutsche.de: Warum erlangte die SS nach dem Novemberpogrom die Federführung in der Judenpolitik?

Reichspogromnacht - Brennende Synagoge in Hannover

Brennende Synagoge in Hannover am 9. November 1938.

(Foto: HAZ-Hauschild-Archiv / Historisches Museum Hannover)

Gerwarth: Das lag am späteren Reichsmarschall Hermann Göring. Der war damals der zweite Mann im NS-Staat und zeigte sich entsetzt über den Gewaltexzess. Allerdings nicht etwa wegen der jüdischen Opfer - Göring ärgerte sich, wie erwähnt, über den wirtschaftlichen Sachschaden.

sueddeutsche.de: Werte in Höhe von mehreren hundert Millionen Reichsmark waren in dieser Nacht vernichtet worden.

Gerwarth: Das sollte nach Görings Willen nicht mehr vorkommen, denn die vernichteten Werte hätten ja eigentlich "arisiert" - also von den jüdischen Eigentümern konfisziert und in "Volkseigentum" umgewandelt - werden können. Drei Tage nach dem Gewaltexzess veranstaltete er deshalb eine Konferenz bei sich im Reichsluftfahrtministerium. Spitzenfunktionäre der nationalsozialistischen Führung diskutierten über die "Judenfrage". Heydrich konnte Göring überzeugen, die Zwangsemigration der Juden künftig von der SS organisieren zu lassen und das nach dem bereits etablierten "Wiener Modell", das den Vorteil hatte, "kostenneutral" zu sein. Die "reichen" Juden sollten dabei für die Ausreise ihrer ärmeren Glaubensgenossen bezahlen. Von diesem Tag bis zu seinem Tod 1942 blieb Heydrich derjenige im NS-Staat, der die operative Judenpolitik maßgeblich leitete. Nun übernahm der Think-Tank der NS-Verfolgungspolitik, der SD, das Ruder, der später die Vernichtung der europäischen Juden plante und ausführen ließ. Der Pogrom verschaffte der SS - und insbesondere Heydrich - also einen beträchtlichen Machtzuwachs, ohne das er dies geplant hätte.

sueddeutsche.de: Göring war auch derjenige, der Heydrich später den schriftlichen Befehl zur "Endlösung" erteilt hat. Zeichnete sich schon am 9. November die Schoah ab?

Gerwarth: Der Pogrom war zweifellos furchtbar, aber eine Zwangsläufigkeit zur zwischen Ende 1941 und Frühjahr 1942 beschlossenen vollständigen Vernichtung der europäischen Juden sehe ich nicht. Unmittelbar nach der Reichspogromnacht verfolgte Heydrich noch das Ziel, die Juden zu vertreiben - das Schicksal der Vertriebenen interessiert ihn dabei nicht.

sueddeutsche.de: Wie ging Heydrich vor, nachdem er den Zuschlag von Göring bekommen hatte?

Gerwarth: Der SD orientierte sich an einem aus Sicht der Nazis erfolgreichem Modell: Man übernahm das Prinzip der Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", geleitet von Heydrichs "Judenexperten" Adolf Eichmann.

sueddeutsche.de: Eichmann koordinierte später die Deportationen in die Vernichtungslager. Nach dem Krieg tauchte er in Südamerika unter, bis ihn israelische Agenten entführten, vor ein israelisches Gericht brachten, das ihn zum Tode verurteilte. Wie arbeitete Eichmanns "Zentralstelle" 1938?

Gerwarth: Sie beschleunigte etwa die Vergabe von Ausreisevisa und verwendete den Erlös aus konfisziertem Eigentum und Sonderabgaben reicherer jüdischer Österreicher, um die Ausreise ärmerer Juden zu ermöglichen. Diese Prozedur war kühl kalkuliert, systematisch und kostenneutral. Und sie lieferte aus Sicht der Nazis erfreuliche Resultate: 100.000 österreichische Juden verließen bis zum Sommer 1938 ihre Heimat. Zwischen dem Novemberpogrom und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diente Eichmanns Modell als Vorbild für die gesamte NS-Judenpolitik.

sueddeutsche.de: Damals setzte die SS also noch auf Vertreibung statt auf Vernichtung. Wie kam es dazu, dass sich die Vorstellung der Nazis von "Endlösung der Judenfrage" so dramatisch veränderte?

Gerwarth: Die unterschiedlichen Deportationspläne, die im Laufe der Zeit entwickelt werden, stießen nach Kriegsbeginn immer wieder an die Grenzen der Realität. Anstatt dass es immer weniger Juden im deutschen Machtbereich gab, wurden es immer mehr: Nach dem Überfall auf Polen etwa verzehnfachte sich die Zahl. Mit jedem Land, das die Wehrmacht überfiel, sah sich die SS weiter von ihrem Ziel entfernt, den deutschen Machtbereich "judenfrei" zu machen. Hinzu kommen die Brutalisierungsschübe nach Ausbruch des Weltkriegs: Deutschland befand sich ab 1939 im Krieg, ab 1941 sogar im Weltkrieg und aus der verqueren Sicht fanatischer Ideologen wie Heydrich waren es die Juden, die hinter den Kulissen auf eben diese Situation hingearbeitet hatten.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielte Adolf Hitler bei der Judenvernichtung?

Gerwarth: Gegen den Willen Hitlers ging im Dritten Reich nichts, auch nicht in der Judenpolitik. Aber der "Führer" schreckte vor und während des Krieges aus Gründen der öffentlichen Meinung mehrfach davor zurück, besonders radikale Vorschläge Heydrichs abzusegnen: Der SD-Chef wollte deutsche Juden schon 1938 mit einem Stern brandmarken und drängte nach Kriegsausbruch immer wieder darauf, sie vollständig aus dem Reich zu deportieren. Auch Hitler wollte natürlich ein "judenfreies" Deutschland schaffen, gab aber erst im Herbst 1941 sein Einverständnis zur Kennzeichnung der deutschen Juden und ihrer Deportation aus dem Reich. Dieser Radikalisierungsschub, der in den folgenden Monaten schrittweise zur systematischen Vernichtungspolitik führte, lässt sich ohne den deutsch-sowjetischen Krieg nicht erklären, der von Hitler von vornherein als rassischer Vernichtungskrieg geplant war. Bis Herbst 1941 wurden Heydrich also aus primär taktischen Gründen immer wieder von Hitler Grenzen gesetzt, danach gab es hierfür keinen Grund mehr.

Der Autor debattiert unter twitter.com/oliverdasgupta

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