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"Reichsbürger"-Bewegung:Rechtsextreme Terrorzelle mit Vorliebe für Keltenkult

Razzia bei Reichsbürger in Berlin

Durchsuchungen bei "Reichsbürgern" und sonstigen Rechtsextremen: Ein Polizist trägt einen Computer aus einem Haus in Berlin.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Die Polizei geht in einer bundesweiten Razzia gegen eine Gruppe mutmaßlich Rechtsextremer vor. Anführer soll ein "selbstständiger Druide" aus Schwetzingen sein.

Wallehaar und Rauschebart, weißes Gewand und roter Umhang. Burghard B. sieht auf Fotos aus wie Miraculix, der Druide aus den Asterix-Bänden. Und tatsächlich lebt er als "selbständiger Druide" in Schwetzingen, einer 20 000-Einwohnerstadt in der Nähe von Mannheim. Unter einem mittelalterlich anmutenden Namen erlangte er regionale Berühmtheit, zunächst völlig unverdächtig. Die Sichel im Gurt, den Druidenstab in der Rechten, so führte er Menschen in die zauberhafte Welt der Kelten ein. Er organisierte gegen Gebühr Bogenschießen, Räuchersitzungen, Heilbehandlungen, Sagenwanderungen. Der Eindruck liebenswerter Schrulligkeit verflüchtigte sich allerdings schon bald.

Burghard B. hetzte offenbar gegen Juden und Muslime. Den Islam soll er als verderbt, gewalttätig und mordlüstern bezeichnet haben. Ende 2012 wurde er deshalb laut Medienberichten vom Brühler "Förderverein Steinkreis" ausgeschlossen. Er verfasste dem Vernehmen nach weiterhin antisemitische und antiislamische Schriften, verbreitete seinen Hass auf Facebook, suchte die Nähe der "Reichsbürger". Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren im Internet spekuliert, der Druide rufe zum bewaffneten Kampf auf und beschaffe dafür Waffen. Nun hat sich die Polizei der Sache angenommen.

B. wurde am Mittwoch im Rahmen einer deutschlandweiten Aktion vorläufig festgenommen - wegen des Verdachts der Bildung einer rechtsextremistischen Vereinigung. Die Bundesanwaltschaft ermittelt in dem Fall gegen insgesamt sieben Beschuldigte im Alter zwischen 35 und 66 Jahren. Gegen sechs Männer besteht der Verdacht, sich zu der rechtsextremistischen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben, der siebte Mann soll sie unterstützt haben. An diesem Donnerstag soll entschieden werden, ob gegen B. und einen weiteren Mann, der vorläufig festgenommen wurde, ein Haftbefehl beantragt wird. Bei B. wurden nach Informationen der SZ Munition und umgebaute Waffen gefunden. Insgesamt fand die Polizei bei der Razzia größere Mengen Munition, umgebaute Deko-Waffen und Sprengstoff. Um welche Art Sprengstoff es sich handelt, muss erst untersucht werden.

Die Razzien stehen im Zusammenhang mit den "Reichsbürgern"

Die Männer haben nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft seit dem Frühjahr 2016 Anschläge auf Juden, Asylbewerber und Polizisten in Deutschland geplant. Erkenntnisse zu konkreten Anschlagsplanungen gebe es jedoch nicht, hieß es. Mit den kriminalpolizeilichen Ermittlungen hat die Bundesanwaltschaft das Landeskriminalamt Baden-Württemberg beauftragt. Etwa 200 Polizeibeamte durchsuchten am Mittwoch zwölf Wohnungen und andere Objekte in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.

Die Verdächtigen sollen vorwiegend über soziale Medien miteinander vernetzt gewesen sein. Sicherheitskreise bestätigten Berichte, wonach die Männer sich untereinander teilweise als "keltische Druiden" bezeichnet hätten. Druiden waren der Überlieferung zufolge in der keltischen Gesellschaft Priester, Lehrer und Heiler und verfügten angeblich über Zauberkräfte. Die Razzien gegen die Neo-Druiden stünden auch "im Zusammenhang mit der Reichsbürger-Bewegung", teilte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl mit. Von einer "ideologischen Nähe" zu den Reichsbürgern sprach Frauke Köhler, Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

Die "Reichsbürger" erkennen die Bundesrepublik nicht an und damit auch nicht staatliche Autoritäten. Sie gehen davon aus, dass das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 weiter existiert. Man rechne etwa 10 000 Personen der Szene zu, sagte Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), der Deutschen Presseagentur. Bei 500 bis 600 Personen handle es sich um Rechtsextremisten. "Die Reichsbürgerbewegung übt hohe Anziehungskraft aus und gewinnt weiterhin neue Anhänger", sagte Maaßen. Die zunehmende Gewaltbereitschaft mache ihm Sorgen.

In den Blick der Öffentlichkeit rückten die "Reichsbürger" im vergangenen Oktober, als einer ihrer Anhänger im fränkischen Georgensgmünd einen Polizisten erschoss und drei weitere Beamte verletzte. Immer häufiger macht die Szene durch Straftaten auf sich aufmerksam, meist handelt es sich um Beleidigung, Nötigung, Volksverhetzung oder Urkundenfälschung. Aber auch Erpressungen, Körperverletzungen und Verstöße gegen das Waffengesetz werden gemeldet.

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