bedeckt München 17°

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold:Schutztruppe der Weimarer Demokratie

Das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" verteidigte einst die deutsche Demokratie und ihre Farben gegen Extremisten. Und lieferte sich blutige Kämpfe mit den Nazis.

Von Joachim Käppner

Rudolf Marek ist 16 Jahre alt, als ihn die Mörder erschießen. Der junge Eisenbahner gehört zu einer "Schutzformation", die am 26. Juni 1932 bei Chemnitz eine Veranstaltung der sozialistischen Arbeiterjugend gegen die Nazis abschirmt.

Marek ist ein kräftiger Kerl, er sorgt mit dafür, dass die SA-Trupps nicht durchkommen. Die revanchieren sich aus dem Hinterhalt: Aus einer Nazigruppe heraus wird geschossen, Marek wird getroffen und stirbt noch am Tatort. Seine Eltern finden in der Post später einen anonymen Brief: "3mal Hurra, wenn so ein Auswuchs verschwindet."

Marek hatte zum "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" gehört, der Schutztruppe der Weimarer Demokratie. Zu seiner Beisetzung kommen 20 000 Menschen und demonstrieren für Freiheit und Republik.

Vier Wochen später stößt eine Motorradkolonne des Reichsbanners im Dorf Börnicke bei Berlin auf 90 SA-Leute. Die Republikaner sind so etwas wie eine mobile Eingreifreserve, sie schützen Wahlkämpfer der SPD vor Attacken der Faschisten. Sofort eskaliert die Lage, die Männer vom Reichsbanner ziehen Waffen und verletzen mehrere Nazis durch Schüsse.

Zwei eigene Leute werden dennoch abgedrängt und durch Schläge schwer verletzt. Kurz danach verhindert ein Großaufgebot der Polizei eine Racheaktion, als 40 Reichsbannerkämpfer mit Knüppeln und Klappspaten an den Ort des Geschehens eilen.

"Die wahren Helden der Weimarer Republik waren die Reichsbanner-Männer."

Die Weimarer Demokratie, heißt es oft, sei "eine Republik ohne Republikaner" gewesen. Die Geschichte des Reichsbanners zeigt eindrucksvoll, dass dieses Urteil höchstens die halbe Wahrheit ist. Es ist eine weitgehend unbekannte Geschichte, nicht untypisch für die geringe Anerkennung, die Deutschland seinen Freiheitsbewegungen schenkt. Hamburgs früherer Erster Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) hat dagegen einmal gesagt: "Die wahren Helden der Weimarer Republik waren die Reichsbanner-Männer." Dieses Reichsbanner wird nun gewürdigt mit einer sehenswerten Ausstellung im Berliner Bendlerblock in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" war eine der größten Massenorganisationen der Weimarer Republik, 1926 zählte es nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen Mitglieder. An dieser Zahl gibt es berechtigte Zweifel, dennoch war die Organisation von beeindruckender Größe und wichtiger noch - sie stand auf der Seite der bedrängten Demokratie. Am 22. Februar 1924 wurde das Reichsbanner als "Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer" in Magdeburg von Demokraten gegründet, die genug hatten von der Gewalt vor allem der militanten Rechten, aber auch der Kommunisten. Der Schmied und Weltkriegsveteran Otto Hörsing, sein erster Vorsitzender, war Sozialdemokrat. Der erste Aufruf war mit einer Leidenschaft verfasst, die ausglich, was an Dichtkunst fehlte:

Gegen Hitler und die Nazis: Kundgebung für die Republik auf dem Frankfurter Opernplatz, 1932.

(Foto: Karl Wesselinck/Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main)

"Einst naht der Tag, wo Siegesfeuer im Lande loht, und wir sind frei.

Dann winkt der Lohn, du als Getreuer warst auch dabei.

Im Kampf erhältst du deine Rechte, im Kampf erwirbst du neue zu.

Und aus dem willenlosen Knechte wirst Herrscher du!"

Das war eine klare Ansage an die Extremisten: Wir wehren uns! Und dazu war es höchste Zeit. Das Jahr 1923 hatte bürgerkriegsartige Kämpfe in Teilen Deutschlands gesehen, den Hitlerputsch in München, politische Fememorde, die französische Besetzung des Ruhrgebiets, eine Hyperinflation und instabile Verhältnisse im Reichstag. Gegen alle Wahrheit trommelten auf den Straßen die Rechten, die Demokraten seien Schuld an der Niederlage von 1918. Die Mehrheit der die junge Republik tragenden Parteien der "Weimarer Koalition" - SPD, Linksliberale und katholisches Zentrum - war schon 1920 verloren gegangen. Ihre schweren Fehler wie der Einsatz rechtsextremer Freikorps gegen linke Aufständische und Streikende hatten das ihre beigetragen, die politische Mitte zu schwächen. Die Kommunisten der KPD, welche die Sozialdemokratie als eigentlichen Hauptfeind betrachteten, erwiesen sich nicht als Hilfe, im Gegenteil. Und Justiz, Reichswehr und Teile der Polizei waren auf dem buchstäblichen rechten Auge blind.

Und doch hatte die Republik noch Verteidiger genug, um binnen weniger Monate eine Schutztruppe auf die Beine zu stellen, die größer war als die Parteimilizen der Antidemokraten, der "Rotfrontkämpferbund" und der rechtsextreme "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten". Das Reichsbanner war wie diese straff und militärisch organisiert. Seine Aktiven übten Disziplin, Meldewesen, Märsche und nicht zuletzt Boxen und Kampfsport. Waffen waren offiziell nicht zugelassen, doch stieg die Zahl der Kämpfer, die sich heimlich Messer, Stahlrohre und Schusswaffen zulegten.

Der Kampf gegen Straßenterror von rechts erforderte Mut. Der Reichsbannerkämpfer Kurt Wolff aus Wiesbaden berichtete nach dem Krieg: "Wir im Reichsbanner waren sehr aktiv. Wenn in ganz Deutschland alle so aktiv gewesen wären, wäre Hitler vielleicht nicht drangekommen. Wir hatten natürlich dauernd Schlägereien mit den Hitlern." Bald bildete das Reichsbanner auch eine ganz eigene, zivilgesellschaftliche Kultur aus, die nicht jedem gefiel, wie einem Kritiker: "Die Kameradschaften turnen, radeln, treiben Wassersport; sie exerzieren, marschieren, weihen Denkmäler und fahren Propaganda. Daneben veranstaltet man Tanzkränzchen, Unterhaltungsabende, Konzerte - kurz, das was jeder Verein in diesem Lande zu unternehmen pflegt." Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder waren Sozialdemokraten, darunter große Namen wie der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher und Otto Wels, der 1933 das letzte freie Wort im Reichstag sprach - gegen Hitler. Aber auch einige Liberale wie Theodor Heuß, der 1949 zum ersten Präsidenten der Bundesrepublik gewählt werden sollte, und Männer des katholischen Zentrums waren Frontleute des Reichsbanners.

Seit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Aufstieg der Nazis führte das Banner einen Kampf, der sich schnell radikalisierte. Seine "Schufos", die Schutzformationen, verteidigten Kundgebungen, Wahlveranstaltungen und Parteilokale oft erfolgreich gegen Attacken brauner Schlägerhorden. Insgesamt war seine Strategie eher defensiv, im Gegensatz zur SA und dem Stahlhelm. Doch gerade bei den Jüngeren stieg angesichts der Brutalität der Feinde die Bereitschaft, auch zuerst zuzuschlagen. So verprügelten vier von ihnen 1930 vor ihrem Vereinslokal, der "Ringeltaube" in Neukölln, ein Mitglied des "Jungstahlhelms", der beim Vorbeigehen eine verächtliche Geste gemacht hatte. Im westdeutschen Enkirch verwüsteten Reichsbannerleute das Parteilokal der NSDAP.

Vielen in der SPD-Führung missfiel das Militärische, das Militante der Truppe

Stolz verkündete der Reichsbanner-Vorstand: "Dem Gegner wollen wir sehr deutlich zeigen, dass er mit dem einheitlichen Willen unserer Formationen zum unbedingten Schutze der deutschen Republik zu rechnen hat." Doch nicht allein bei den Extremisten fand das Reichsbanner Ablehnung, und hier beginnt seine eigentliche Tragik. Vielen in der SPD-Führung stieß das Militärische, Militante der Truppe auf. Der große pazifistische Publizist Carl von Ossietzky spottete, sie habe aus der Verteidigung der Republik "eine unverfälschte Kriegervereinsangelegenheit" gemacht.

3 Millionen

Mitglieder soll die Organisation zu ihren besten Zeiten gehabt haben. Das Reichsbanner gibt es bis heute als politische Organisation. Zur Eröffnung der Berliner Ausstellung sagte sein Vorsitzender, der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs: "Rechtsextreme Kreise haben sich der Farben bemächtigt. Dies ist besorgniserregend. Denn Schwarz-Rot-Gold war nie das Symbol von Intoleranz, Aggression und plumpem Nationalismus. Es ist und bleibt das Symbol von Freiheit und Menschenrechten, von Demokratie und Republik."

Das Reichsbanner bekämpfte freilich den Feind psychologisch auf dessen Feld. Es suchte und fand seine Mitglieder in den Reihen der Weltkriegsveteranen und der SPD-nahen Revolutionäre von 1918. Noch immer stand das Land im Bann des verlorenen Weltkrieges, und das Reichsbanner gedachte nicht, die Deutungshoheit über das Geschehene der Rechten zu überlassen. Daher der militante Name, der kämpferische Ton, die Aufmärsche unter dem Banner Schwarz-Rot-Gold. 1931 schloss es sich mit SPD, Gewerkschaften und anderen Organisationen zusammen zur "Eisernen Front" gegen rechts, ihr Symbol waren drei Pfeile.

Für Schwarz-Rot-Gold, die Farben der Republik, starben bis 1933 mindestens 60 Männer des Reichsbanners, durch politische Gewalt. Doch wie schon während der Revolution 1918 fürchteten Teile der deutschen Sozialdemokratie die eigenen Anhänger. Eine eigene Miliz? Das war ihnen unheimlich, fast peinlich. Die SPD-Führung setzte weiterhin auf den Rechtsstaat und das Prinzip demokratischer Legitimität, doch den Balken im eigenen Auge sah sie nicht: eine Justiz, eine Reichsregierung, ein Militär, staatliche Institutionen, die allesamt von Rechtsradikalen und Nationalisten durchsetzt waren, konnten und wollten diese Demokratie nicht beschützen.

Von Papen setzt illegal Preußens SPD-Regierung ab. Was tun da die Demokraten? Diskutieren

1932 sollte sich dieser Mangel an Zugehörigkeitsgefühl böse rächen. In Preußen, dem größten Reichsland und letzten Bollwerk der bedrängten Demokratie, war auch das Reichsbanner am stärksten. Als aber Reichskanzler Franz von Papen, Hitlers späterer Vizekanzler, im "Preußen-Schlag" die noch amtierende legitime, von der SPD geführte Regierung absetzte und Soldaten der Reichswehr schickte, ein illegaler Gewaltakt, diskutierten die Demokraten die Möglichkeit: Sollen wir uns zur Wehr setzen mit allem, was wir haben, Ungehorsam, Generalstreik, gewaltsamem Widerstand?

Aber das Land hatte sich auf einen solchen Fall überhaupt nicht vorbereitet. Theoretisch hätte es gegen Papens Staatsstreich Hunderttausende Reichsbannermänner, die preußische Polizei und die Gewerkschaften aufbieten können. Doch die Regierung ging lieber den Weg einer nutzlosen Klage vor dem Reichsgericht, faktisch eine Kapitulation. Vergeblich hatten Reichsbannerführer Karl Höltermann und andere für gewaltsame Gegenwehr plädiert. Preußens Regierung und die SPD-Führung scheuten diesen äußersten Schritt.

Ob das Aufgebot der Demokraten den rechten Kampfverbänden und der Reichswehr standgehalten hätte, muss Spekulation bleiben, es ist eine Möglichkeit der Geschichte und nicht einmal eine sehr wahrscheinliche. Aber die Republik wäre zumindest kämpfend untergegangen, und vielleicht wären die Folgen zumindest weniger schrecklich gewesen als das, was nun bevorstand: Hitler, NS-Terror, Vernichtungskrieg und Holocaust. Das alles entzog sich freilich 1932 dem Vorstellungsvermögen.

Auch mit solchen Plakaten wollte das Banner für die Republik mobil machen. Quelle: Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V. Hamburg

Das Reservoir des Reichsbanners blieb ungenutzt, zur Verbitterung vieler ihrer Männer. So schreibt der Historiker Camiel Oomen: "Aber die Schufo war nur dann technisch-militärisch brauchbar, wenn sie von der preußischen Polizei Waffen, Munition und militärisches Führungspersonal erhielt. Jedoch bekam das Reichsbanner nie ein offizielles Mandat seitens des Staates, das die Schutzfunktion des Reichsbanners anerkannte. Dies machte es indes schwierig für das Selbstverständnis des Reichsbanners: es kämpfte für den Schutz des republikanischen Staates, der Staat aber erkannte diese Leistung nicht explizit an."

Nach dem "Preußenschlag" begann das Banner, seine Schlagkraft zu erhöhen, die Zahl der beschafften Waffen stieg. Das Frankfurter Gewerkschaftshaus zum Beispiel wurde heimlich zur Festung ausgebaut, hier lagerten sogar Handgranaten und ein Maschinengewehr. Noch im Herbst 1932 schrieben Demonstranten der Eisernen Front unter der schwarz-rot-goldenen Fahne herausfordernd auf ihre Plakate: "Eile, Nazi, eile! Drei Pfeile, drei Pfeile!" Aber es war zu spät. Wenige Monate später ergriff die NSDAP die Macht, mit Steigbügelhilfe der deutschen Konservativen.

Am Ende war Gewalt. Die SA folterte nach der Machtergreifung 1933 mehrere ihr besonders verhasste Reichsbannerleute zu Tode, andere wurden ins Gefängnis oder wie Kurt Schumacher ins Konzentrationslager verschleppt. Es kam zu Rachemorden wie in Offenbach, wo SA-Leute den Republikaner Christian Pleß niederschossen und dem Schwerverletzten den Schädel eintraten. In Frankfurt versteckte der Aktive Paul Müller mit seinem Kameraden Hermann belastendes Material, wie man in Axel Ulrichs "Freiheit" (Frankfurt a. Main, 1988) nachlesen kann: "Hermann stoppt an einer stillen Waldschneise. Er nimmt den schwarz-rot-goldenen Wimpel mit dem Reichsadler vom Kühler des Autos und vergräbt ihn unter einer Fichte im alten Reichsforst Dreieich. Stumm trennten wir uns in Frankfurt. Einige Wochen später setzt er seinem Leben ein Ende."

Die Ausstellung "Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933" ist in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu sehen (Stauffenbergstr. 13-14, Berlin; bis 27. Juni). Zur Einführung: Benjamin Ziemann, "Die Zukunft der Republik? Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 - 1933". Bonn 2011.

© SZ vom 26.05.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite