bedeckt München 20°
vgwortpixel

Regime in der Krise:Kleriker wenden sich ab - Iran im Fieber

Ein angeblicher Attentatsversuch auf den Präsidenten fasziniert den Westen. Dabei hat das Regime um Ahmadinedschad und Ali Chamenei weit größere Probleme.

Wenn Mahmud Ahmadinedschad in der Nähe ist, genügt ein Knallfrosch, um einen Attentatsverdacht zu nähren. Und obwohl Iran von der Atombombe, die alles andere als ein Knallfrosch wäre, technisch noch Jahre entfernt ist, lassen sich Meinungsführer im Westen auf ähnliche Weise von diesem einen Thema faszinieren.

Medien: Ahmadinedschad überlebt Attentatsversuch

Alles spricht von dem angeblichen Attentat auf Irans Präsidenten. Dabei hat das Regime gerade ganz andere Probleme.  

(Foto: dpa)

Das große Problemthema im Inneren der Islamischen Republik ist indessen deren Legitimitätskrise. Nicht erst seit letztem Sommer, als die Proteste gegen die Wiederwahl des Präsidenten niedergeknüppelt werden mussten. Das Regime kann alle Fieberthermometer zerbrechen, aber die Temperatur des Patienten sinkt dadurch nicht.

Abseits aller politischen Polemik zeigen unbestreitbare Daten, dass es der Mehrheit der 75 Millionen Iraner nicht gutgeht. Arbeitslosigkeit und Inflation werden in zweistelligen Zahlen gemessen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den drei Jahrzehnten seit der Revolution um sechs Jahre gefallen. Rund ein Drittel aller Ehen enden heute in einer Scheidung, auch auf dem Land, wo Trennungen früher kaum vorkamen. Die Zahl der Rauschgiftsüchtigen wird auf viereinhalb Millionen geschätzt, obwohl im Zuge drakonischer Repression häufig Dealer hingerichtet werden.

Auf den Straßen hat die Oppositionsbewegung die Schlacht verloren. Die Übermacht von Polizei, Milizen und Schlägertrupps, vielleicht noch mehr die furchtbaren Erfahrungen, die Verhaftete in Verhören und Kerkern machen mussten, verhindern jede Entfaltung organisierter Proteste. Nie war die Zensur auf allen Gebieten, von der Druckerpresse bis ins Internet, so drückend. Im Gefängnis befinden sich derzeit angesehene Journalisten und Irans bekanntester Studentenführer im Hungerstreik. Von der Außenwelt wenig beachtet, brechen überall im Land kleine oder große Arbeitskonflikte aus. Anführer illegaler Gewerkschaften wie der Organisator der Teheraner Busfahrer, Mansur Osanlu, sitzen zum Teil seit Jahren ein.