Wenn andere Nationen Revolutionen machen, geht das meist nicht gut für die Monarchen aus: Sie werden gestürzt oder einen Kopf kürzer gemacht, um Platz zu machen für die Republik. Briten packen ihre Umstürze anders an: In der "Glorious Revolution" von 1688 ersetzten sie lediglich einen König durch einen anderen. Die Folgen waren zwar nicht weniger umwälzend als jene, die der Erstürmung der Bastille folgten. Es dauerte nur länger, bis sie sich offenbarten; und es wurde weniger Blut vergossen.

Was sich nun in London vollzieht, ist ebenfalls eine sehr britische Revolution. Der Abschied von Gordon Brown und der Amtsantritt von David Cameron ist mehr als ein Regierungswechsel, er löst ein politisches Erdbeben aus. Es mag sich in großer Tiefe ereignet haben und die Schockwellen werden einige Zeit brauchen, bevor sie an der Oberfläche messbar werden. An ihrer Kraft ändert das nichts. Da mag das Ausland den Kopf schütteln über die Aufregung, welche die Bildung einer bürgerlichen Koalitionsregierung auslöst. Was könnte alltäglicher sein im politischen Geschäft - zumal da mit den Liberalen noch nicht einmal radikale Bilderstürmer nach Art der frühen deutschen Grünen in die Regierung gelangt sind, sondern die älteste politische Kraft des Landes. Robert Walpole, der erste Mann mit dem Titel Prime Minister, war Whig, wie die Vorläufer der Liberaldemokraten hießen.
Seit Walpoles Zeiten freilich war die britische Politik geprägt von der Konfrontation, vom unerbittlichen, mitunter bitter-bösen Wechselspiel zweier Parteien. Es war Politik mit der Finesse eines Wikinger-Überfalls: Winner takes it all, und der Verlierer durfte seine Wunden lecken, derweil er Rachepläne schmiedete. Einfluss oder gar Macht hatte er nicht; ohnmächtig musste er mit ansehen, wie der Sieger Politik, Wirtschaft und öffentliches Leben umkrempelte. Das widerfuhr den Konservativen, als Labour nach dem Weltkrieg den modernen Sozialstaat schuf; das durchlebten die Sozialdemokraten, als Margaret Thatcher in den achtziger Jahren diesen Sozialstaat wieder teildemontierte. Kompromiss, Kooperation, Konsens oder gar Koalition - das waren Fremdworte.
Schon die Architektur des Palastes von Westminster spiegelt diesen Ansatz wider: Das Unterhaus dürfte das einzige Parlament der Welt sein, in dem die Abgeordneten nicht wohlig in ein Halbrund eingebettet auf ihren Stühlen sitzen, sondern einander über eine zwei Degenlängen breite Kluft hinweg angiften und anschreien. Neuen Abgeordneten zeigt man noch heute, an welchen Garderobenhaken sie ihr Schwert aufhängen können, bevor sie die Kammer betreten.
Die Zugehörigkeit zu einer Partei ging in dieser Gesellschaft über bloße politische Ansichten und Meinungen hinaus. Man ist Labour oder Tory, so wie man Chelsea- oder Manchester-United-Fan ist: bedingungslos, unbekehrbar und blind loyal. Die Bemerkung eines Labour-Ministers in den letzten Tagen der Regierung Gordon Brown klingt wie ein Epitaph auf diese politische Kultur: "Ich habe die Tories doch nicht mein Leben lang gehasst, um mir jetzt die Gelegenheit entgehen zu lassen, ihnen noch einen reinzuwürgen." Diesen Hintergrund muss man kennen, um zu ermessen, was sich in diesen Tagen in Westminster abgespielt hat.
Koalitionsregierungen kannten die Briten bisher nur in Zeiten akuten nationalen Notstandes - während der beiden Weltkriege. Damals ging es weniger um politische Programme, als ums Überleben. Nun aber verhandeln zwei bis dahin unversöhnlich einander gegenüber stehende Parteien nicht nur von Gleich zu Gleich miteinander.
Sie räumen Positionen, machen Abstriche von ihren Wahlprogrammen und Manifesten. Und reihenweise kippen Anachronismen: Das Recht des Premiers, den Wahltermin bestimmen zu können - es wird abgeschafft. Das ungerechte Mehrheitswahlrecht - es wird zur Disposition gestellt. Londons Medienmeute wollte ihren Augen nicht trauen, als Clegg und Cameron scherzend wie die unzertrennlichen Hogwarts-Freunde Harry Potter und Ron Weasley gemeinsam vor die Presse traten. Surreal war das am häufigsten verwendete Adjektiv, mit dem sie das Ereignis beschrieben. "Heißt das, dass Koalitionen ab jetzt etwas Gutes sind", wollte ein ratloser Journalist wissen. Sich wie Erwachsene zu benehmen, beschied ihn Premierminister Cameron, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern der Stärke.
Britanniens Journalisten mögen sich noch ungläubig die Augen reiben, doch ihre Leserschaft ist viel weiter. Die britischen Wähler haben genug von Konflikt und Konfrontation. In Umfrage über Umfrage haben sie sich gewünscht, dass ihre Politiker miteinander reden - in eben jenem nationalen Interesse, das nun Cameron und Clegg ständig beschwören. Ein "hung parliament", ein Unterhaus ohne Mehrheit für nur eine Partei, haben sie nicht gefürchtet, sondern herbeigewünscht und nun auch gewählt. Dieses Wohlwollen der Wähler ist das wertvollste politische Kapital des neuen Duos.
Die Glorreiche Revolution riss vor 300 Jahren Türen und Fenster auf. Sie machte England toleranter, weltoffener und wohlhabender. Clegg und Cameron haben einen ähnlichen Wandel versprochen. Er kommt keinen Tag zu früh.
