Süddeutsche Zeitung

Regierungskritiker in Russland:Wer Klartext spricht, lebt gefährlich

Lesezeit: 3 min

Kämpfen russische Soldaten in der Ostukraine? Moskau sagt Nein. Wer in Russland daran zweifelt, muss mit Repressionen rechnen - selbst wenn es sich um Soldatenmütter handelt.

Von Julian Hans, Moskau

Wenige Stunden vor dem Überfall hat Lew Schlossberg noch ein Interview gegeben. Er sprach - wie immer - Klartext: Dass Soldaten der russischen Streitkräfte scheinbar zu Manövern entsandt und dann an der ukrainischen Grenze gezwungen werden, als "Freiwillige" in einen unerklärten Krieg zu ziehen, sei ein "Verbrechen des Staates", sagte er dem lokalen Ableger des Senders Echo Moskaus in der Stadt Pskow.

"Es gibt keinen Befehl des Oberkommandierenden, es gibt keinen Befehl des Verteidigungsministers und keinen Befehl des Kommandierenden der Luftlandetruppen. Aber die Leute kämpfen und sterben dort." Am selben Abend, es war Freitag, wurde Schlossberg auf dem Nachhauseweg von Unbekannten brutal zusammengeschlagen. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, hatte er ein Schädel-Hirn-Trauma und eine gebrochene Nase.

Wer zweifelt, gilt schnell als Volksverräter

Wer in Russland die offizielle Version anzweifelt, dass im Donbass eine örtliche Volksmiliz ohne russisches Zutun die friedliche Bevölkerung gegen einen Genozid durch die ukrainische Armee verteidigt, gilt als Volksverräter und muss sich auf alles gefasst machen. Besonders, wenn er prominent ist. Aber nicht nur.

Lew Schlossberg eine bekannte Persönlichkeit zu nennen, wäre wohl übertrieben. In den russischen Staatskanälen, über die sich mehr als 90 Prozent der Menschen im Land informieren, taucht sein Name nicht auf. Als Abgeordneter sitzt er nicht in der Staatsduma in Moskau, sondern im Regionalparlament des Gebiets Pskow, das im Nordwesten des Landes an Estland, Lettland und Weißrussland grenzt. Er leitet den örtlichen Ableger von Jabloko, jener liberalen Partei, die in der Landespolitik lange schon keine Rolle mehr spielt. Und er gibt die Provinzzeitung Pskowsker Gouvernement heraus.

Unter kritischen Bürgern, die sich über das Internet andere Informationsquellen erschließen als die offiziellen, machte eine achtminütige Rede Schlossberg schlagartig bekannt, die er am Weihnachtstag 2012 im Parlament in Pskow hielt. Mit unterdrücktem Zorn nannte er das Gesetz, das es US-Bürgern verbietet, russische Kinder zu adoptieren "menschenverachtend, verantwortungslos und niederträchtig" und er nannte Zahlen aus der Statistik: Im vorangegangenen Jahr waren in russischen Pflegefamilien 1220 Kinder umgekommen, in amerikanischen 19.

Wenn der Staat es nicht schaffe, die Gesundheit seiner Kinder zu gewährleisten, sollte das wenigstens anderen erlaubt sein. Nach der Annexion der Krim im März machte erneut eine geschliffen scharfe Rede Schlossbergs auf Youtube die Runde. Dafür, dass er fast im Alleingang beweist, dass Abgeordnete mit ihrer Stimme etwas bewegen können - nicht nur bei Abstimmungen, sondern durch die öffentliche Rede- hat der 51-Jährige schon in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Drohungen bekommen. Nun haben die Schläger die Drohungen wahr gemacht.

Der Anlass war, davon ist das Opfer überzeugt, dass es seit Dienstag vergangener Woche erstmals Gewissheit über das gibt, was schon lange vermutet wird: In der Ukraine sind russische Soldaten im Einsatz, Dutzende, wahrscheinlich sogar Hunderte sind dabei gefallen. Den ersten sicheren Beleg dafür hatte Schlossberg geliefert: Er war auf der Beerdigung von Leonid Kitschakin, einem Angehörigen der 76. Division der Luftlandetruppen, die in Pskow stationiert ist.

Auch andere melden sich zu Wort

Am Dienstag erschien seine Zeitung mit Einzelheiten über die Gefallenen, die die Behörden mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen. Die Angehörigen schweigen, weil sie fürchten, dass ihre Söhne als Deserteure behandelt werden und den Familien die Wohnungen wieder weggenommen werden, die der Staat Zeitsoldaten zur Verfügung stellt. In Pskow, wo die Luftlandetruppen stationiert sind, spreche niemand von etwas anderem, sagte Schlossberg; "aber nur ich kann das laut in ein Mikrofon sagen".

Seit den Enthüllungen melden sich auch andere zu Wort. Ella Poljakowa, die Vorsitzende der Soldatenmütter in Sankt Petersburg, befürchtet ebenfalls, dass bereits Hunderte russische Soldaten in der Ukraine umgekommen sind. Zahlreiche Frauen haben sich bei ihr gemeldet, deren Söhne zu Manövern abkommandiert wurden und sich seitdem nicht mehr melden. Nachdem Poljakowa damit an die Öffentlichkeit ging, erklärte das Justizministerium ihre Organisation umgehend zu einer ausländischen Agentenorganisation - obwohl die Soldatenmütter kein Geld mehr von Förderern aus dem Ausland nehmen.

Am Sonntag brachte der Sender NTW den zweiten Teil einer Sendung über die "Freunde der Junta", in der Prominente an den Pranger gestellt werden, die angeblich Sympathien für Kiew bekundet haben. Das Spektrum reichte von einer Moskauer Geschichtslehrerin über den Ex-Zentralbanker Sergej Aleksaschenko, der immer wieder die wirtschaftlichen Folgen der Krim-Annexion aufzeigt, bis zur Porno-Darstellerin Sasha Grey. Sie hatte getwittert: "Bleib stark, Kiew!"

Europa stehe vor einem großen Krieg, warnt Schlossberg, "stoppen kann ihn nur die Gesellschaft". Eine Handvoll Menschen traute sich gestern immerhin, im Zentrum Moskaus Ein-Personen-Demonstrationen abzuhalten. Versammlungen sind nach dem Gesetz kaum noch möglich.

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Quelle:
SZ vom 02.09.2014
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