Regierungskritiker in Russland:Soldaten melden sich nicht mehr bei ihren Müttern

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Der Anlass war, davon ist das Opfer überzeugt, dass es seit Dienstag vergangener Woche erstmals Gewissheit über das gibt, was schon lange vermutet wird: In der Ukraine sind russische Soldaten im Einsatz, Dutzende, wahrscheinlich sogar Hunderte sind dabei gefallen. Den ersten sicheren Beleg dafür hatte Schlossberg geliefert: Er war auf der Beerdigung von Leonid Kitschakin, einem Angehörigen der 76. Division der Luftlandetruppen, die in Pskow stationiert ist.

Auch andere melden sich zu Wort

Am Dienstag erschien seine Zeitung mit Einzelheiten über die Gefallenen, die die Behörden mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen. Die Angehörigen schweigen, weil sie fürchten, dass ihre Söhne als Deserteure behandelt werden und den Familien die Wohnungen wieder weggenommen werden, die der Staat Zeitsoldaten zur Verfügung stellt. In Pskow, wo die Luftlandetruppen stationiert sind, spreche niemand von etwas anderem, sagte Schlossberg; "aber nur ich kann das laut in ein Mikrofon sagen".

Seit den Enthüllungen melden sich auch andere zu Wort. Ella Poljakowa, die Vorsitzende der Soldatenmütter in Sankt Petersburg, befürchtet ebenfalls, dass bereits Hunderte russische Soldaten in der Ukraine umgekommen sind. Zahlreiche Frauen haben sich bei ihr gemeldet, deren Söhne zu Manövern abkommandiert wurden und sich seitdem nicht mehr melden. Nachdem Poljakowa damit an die Öffentlichkeit ging, erklärte das Justizministerium ihre Organisation umgehend zu einer ausländischen Agentenorganisation - obwohl die Soldatenmütter kein Geld mehr von Förderern aus dem Ausland nehmen.

Am Sonntag brachte der Sender NTW den zweiten Teil einer Sendung über die "Freunde der Junta", in der Prominente an den Pranger gestellt werden, die angeblich Sympathien für Kiew bekundet haben. Das Spektrum reichte von einer Moskauer Geschichtslehrerin über den Ex-Zentralbanker Sergej Aleksaschenko, der immer wieder die wirtschaftlichen Folgen der Krim-Annexion aufzeigt, bis zur Porno-Darstellerin Sasha Grey. Sie hatte getwittert: "Bleib stark, Kiew!"

Europa stehe vor einem großen Krieg, warnt Schlossberg, "stoppen kann ihn nur die Gesellschaft". Eine Handvoll Menschen traute sich gestern immerhin, im Zentrum Moskaus Ein-Personen-Demonstrationen abzuhalten. Versammlungen sind nach dem Gesetz kaum noch möglich.

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