Regierungserklärung: Merkel vs. Steinbrück:Nicht in Stimmung für Selbstironie

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Peer Steinbrück spricht, als hätte er die Coolness erfunden. Für Merkels früheren Finanzminister ist es die erste Rede aus der Opposition heraus. Fast eineinhalb Jahre hat er sich Zeit gelassen. Das Warten hat sich für die SPD gelohnt. Die Rede sitzt, von Anfang an. "Sie müssen nicht ganz so angefressen reagieren", sagt Steinbrück hanseatisch-kühl zum Einstieg in Richtung der Kanzlerin. Die hat den Kopf über ihre Unterlagen gesenkt, blickt nicht auf.

Steinbrück legt los. Das europäische Rettungspaket sei richtig, aber unzureichend, bescheidet er seiner Ex-Chefin. In originellen Bildern kritisiert der Sozialdemokrat mangelnde Entschlossenheit der Regierung: Als sie die Finanzhilfen für Griechenland zunächst versagt hatte, sagt Steinbrück an die Adresse Merkels, sei sie auf einer "Welle gesurft, die sie als eiserne Kanzlerin stilisierte", habe dann aber doch umgeschwenkt. Er spricht nicht von Schlingern, sondern von "Volten" der Regierung - in Sachen Guttenberg, Atom, Libyen. "Wenn Sie dann sagen, es sei ganz klar", sagt der SPD-Mann, "geht bei mir die Warnblinkanlage an."

Steinbrück scheint die Rückkehr ans Mikrofon zu genießen. Er benutzt Begriffe wie "Orwell'sche Sprachverdrehung" in Sachen automatische Sanktionen für europäische Schuldensünder, streut ironische Spitzen zwischen die Sätze - "Nicht, dass es da zu Copyright-Streitigkeiten kommt" - und bescheinigt der schwarz-gelben Koalition "Neo-Sozialismus". Betont trocken und ruhig trägt Steinbrück gerade diese Teile seiner Rede vor.

Während der gesamten 20 Minuten - die Fraktion hat ihm ihre gesamte Redezeit geschenkt - hören die meisten Abgeordneten aufmerksam zu; als der Vorwurf des Neo-Sozialismus fällt, fängt Deutschlands oberster Liberaler Guido Westerwelle an zu lachen - nur Merkel zeigt keine Regung, gibt sich betont unbeteiligt. Sie scheint nicht in der Stimmung für Selbstironie zu sein.

Es ist unbenommen: Für die Opposition ist es oftmals leichter, aus der Vorlage der Regierung Kapital zu schlagen, als für die Regierung, komplexe Kompromisse als politischen Erfolg darzustellen. Und die Umfragewerte vor den Wahlen am Sonntag sehen für die Union dramatischer aus als für die Sozialdemokraten.

Die Coolness ihres früheren Finanzministers könnte die Kanzlerin in diesen Zeiten gut gebrauchen.

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