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Regierung - Potsdam:Als "Brückenbauer" gewürdigt: Abschied von Stolpe

Brandenburg
Manfred Stolpe (SPD), ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, aufgenommen während eines Interviewtermins im Landtag. Stolpe ist in der Nacht zum 29.12.2019 im Alter von 83 Jahren gestorben. Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa (Foto: dpa)

Potsdam (dpa/bb) - Hunderte Weggefährten und Bürger haben bei einer bewegenden Gedenkfeier Abschied vom früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe genommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den SPD-Politiker am Dienstag als Mensch des Ausgleichs und der friedlichen Verständigung, als Kämpfer für das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen. "Wir trauern um einen Brückenbauer, einen Meister des Dialogs, um einen Freund", sagte der Bundespräsident in der Nikolaikirche in Potsdam. Dort war - umrahmt von einem Blumenmeer - ein Schwarz-weiß-Porträt von Stolpe zu sehen. Der frühere SPD-Ministerpräsident war in der Nacht zum 29. Dezember im Alter von 83 Jahren nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

Zu den Gästen der Gedenkfeier zählten aktuelle und frühere Mitglieder der Bundesregierung, die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wie auch Stolpes Witwe Ingrid, seine Tochter mit Mann und die zwei Enkel. Auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig und der ehemalige Brandenburger Regierungschef Matthias Platzeck (alle SPD) nahmen Abschied von Stolpe.

Zahlreiche Trauergäste kämpften während der Reden mit den Tränen. Die Gedenkfeier wurde auf einer Videoleinwand vor der Kirche und im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) live übertragen. Die Beisetzung ist in den kommenden Tagen im Familienkreis geplant.

Steinmeier rief dazu auf, die Schicksale nach der deutschen Einheit stärker zu würdigen. "Die ostdeutschen Geschichten sind noch immer kein so selbstverständlicher Teil unseres gesamtdeutschen Wir geworden", sagte der Bundespräsident. "Wir können es im 30. Jahr der Einheit als ein Vermächtnis von Manfred Stolpe begreifen, genau dies zu ändern." Man habe Stolpe ab Mitte der 1990er Jahre, als er mit absoluter Mehrheit regierte, halb ironisch, halb respektvoll einen "Präsidenten Ost" genannt. Er sei rasch eine politische Persönlichkeit von überragender Bedeutung für die innere Einheit Deutschlands geworden.

Der Bundespräsident ging auch auf die Zeit von Stolpe als Jurist in der Evangelischen Kirche in der DDR ein. "Dass Manfred Stolpe geholfen hat, dass er die Zulassung zu Abitur und Studium, die Abwendung von Haft und Repressalien, auch die Erlassung einer Einberufung zur Volksarmee bewirken konnte, das alles ist vielfach bezeugt. Zu welchem Preis er dieses getan hat, darüber wurde gestritten." Ein Untersuchungsausschuss, die Auswertung von Akten, Gerichtsurteile und die Kirche selbst seien zu dem Ergebnis gekommen, dass Stolpe ein Mann der Kirche gewesen sei.

Woidke nannte Stolpe einen Menschenfreund und Brückenbauer. "Anderen zur Seite stehen - das ist der rote Faden in seinem Leben", sagte der Regierungschef. Er sei diesem Faden unbeirrt gefolgt - als Christ, Politiker, Jurist und Menschenfreund. Stolpe sei in der DDR ein Mittler zwischen Kirche und Staat, "ein besonnener und mutiger Problemlöser" gewesen. Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) nannte Stolpe einen "Lichtträger im Dunkeln", der Hoffnung gemacht habe. "Manfred Stolpe hat uns zwar verlassen, aber er wird bleiben", sagte sie.

Die Feier begann mit einem Gottesdienst, der von geistlicher Musik und Texten von und über Stolpe umrahmt wurde. Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, würdigte Stolpe als Mensch mit Fürsorge, Menschenliebe und Geschick. "Der Kirchenmann Manfred Stolpe hat dafür gesorgt, dass Freiheitsräume in einem System der Unfreiheit geschaffen und ausgeweitet wurden", sagte Stäblein in seiner Predigt.

Schon vor der Gedenkveranstaltung stand eine lange Schlange von Trauergästen vor dem Eingang der Nikolaikirche, darunter der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD). "Er hatte einen völlig klaren Standpunkt. Aber seine Welt war nie schwarz-weiß", sagte er über Stolpe, mit dem er in der Bundesregierung zusammengearbeitet hatte. "Er hat oft unser Kabarett besucht und war sogar bei unserer letzten Premiere", erzählte Helmut Fensch vom Potsdamer Kabarett Obelisk.

Manfred Stolpe war von 1990 bis 2002 der erste Ministerpräsident Brandenburgs im wiedervereinten Deutschland, danach bis 2005 Bundesverkehrsminister. In den 1980er Jahren war Stolpe Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Als Jurist und Kirchenfunktionär hatte er Kontakte mit der Stasi. Die Leitung der evangelischen Kirche erklärte Mitte der 1990er Jahre nach einer Untersuchung, Stolpe sei ein Mann der Kirche und nicht der Stasi gewesen. Das Bundesverfassungsgericht entschied 2005, er sei nicht als Stasi-Mitarbeiter zu bezeichnen.

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