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Regenwald:Grenzen der Freiwilligkeit

Die Selbstkontrolle der Industrie reicht nicht, um Abholzungen und Waldvernichtung zu stoppen.

Von Silvia Liebrich

Der lange Kampf um die Regenwälder im Amazonas-Becken zeigt, wie schwierig es ist, einen wirtschaftlichen Teufelskreis zu durchbrechen. Brasilianische Farmer wollen expandieren und mehr verdienen, Verbraucher in Europa und anderswo billiges Fleisch einkaufen. Die Fakten sind lange bekannt: "Der Urwald stirbt immer schneller, für einen Hamburger müssen fünf Quadratmeter Regenwald fallen." So lautete schon 1989 die Überschrift eines SZ-Artikels. Stellvertretend für viele andere Unternehmen aus der Fleisch- und Lebensmittelindustrie stellten Umweltschützer damals die Fastfood-Kette McDonald's an den Pranger. Verbrauchern sollte vor Augen geführt werden, wie sie mit ihrem Fleischhunger zur Vernichtung des Amazonas und dessen indigener Bevölkerung beitrügen. Schon damals war bekannt, wie wichtig die Gebiete für das globale Klima und die Biodiversität sind.

Große Konzerne wie der Burger-Brater gelobten Besserung. Viele legten sogenannte Nachhaltigkeitsprogramme auf, die sicherstellen sollten, dass nur noch Rohstoffe verwendet würden, die nicht in Zusammenhang mit Regenwald-Abholzung stehen. Doch deren Umsetzung ist kompliziert, es mangelt an echter Transparenz, Lieferketten sind komplex und schwer kontrollierbar. So werden in frischgerodeten Waldgebieten zunächst meist Rinder gehalten, danach wird Soja angebaut, häufig illegal. Ehemaliger Regenwald wird so zu einem wichtigen globalen Fleisch - und Tierfutterlieferanten.

Auch in der Salamipizza könnte ein Stückchen Regenwald stecken

Sojaschrot gilt als wichtigstes eiweißhaltige Futtermittel in der Tiermast überhaupt, Brasilien ist neben den USA der wichtigste Lieferant der Europäischen Union. Auch deutsche Halter von Rindern, Schweinen und Hühnern benötigen jährlich viele Millionen Tonnen davon. Ein bisschen Regenwald könnte also auch heute noch unerkannt in vielen Produkten stecken, angefangen bei der Salamipizza über Hähnchenkeulen bis zur Gulaschsuppe in Dosen, warnen Umweltschützer.

Nach drei Jahrzehnten zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die freiwillige Selbstkontrolle der Industrie nicht dazu taugt, die Regenwaldvernichtung zu bremsen oder gar zu stoppen. "Der Amazonas steuert auf eine existenzielle Katastrophe zu", warnt Roberto Maldonado, Brasilienexperte vom WWF. "2019 hatten wir die höchste Zerstörung seit zehn Jahren, und nun deutet alles darauf hin, dass 2020 ein noch schlimmeres Jahr für den Regenwald wird." Umweltschützer wie er befürchten, dass sich die Situation durch das Freihandelsabkommen Mercosur zwischen der EU und Südamerika weiter verschlechtert.

Der Vertrag soll Brasilien den Marktzugang für Agrarprodukte in Europa erleichtern, also auch für jene, die in Zusammenhang mit dem Kahlschlag im Amazonas stehen könnten. Im Gegenzug dürfen beispielsweise deutsche Firmen wie Bayer und BASF hochgiftige Pestizide nach Übersee verkaufen, die in der EU zum Teil verboten sind. Deutschland müsse das Abkommen stoppen, fordern Kritiker. Allerdings gilt die deutsche Kanzlerin als eine der größten Fürsprecherinnen des Deals. Im Rahmen des deutschen Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft könnte das Handelsabkommen darum sogar noch weiter vorangetrieben werden.

© SZ vom 28.07.2020
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