Eigentlich scheint hier alles ganz in Ordnung zu sein. Die Hauptschule Kuppelnau liegt in einer kleinen Straße mit ein paar schönen Jugendstilhäusern gleich neben der Altstadt von Ravensburg. Vor der Schule gibt es einen großen Spielplatz, drinnen einen Raum mit Billardtisch und Café. An den Wänden hängen Bilder der Schüler, keines ist zerstört.
Es ist der letzte Schultag vor den Pfingstferien, die Schüler trotten langsam nach Hause, lachen und albern herum. Es sieht nach heiler, oberschwäbischer Welt aus. Und nach Zukunft: Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 3,7 Prozent. Wenn die Hauptschule noch irgendwo funktioniert, dann doch wohl hier.
Rudolf Bosch, der Rektor der Kuppelnauschule, sitzt in seinem Büro und sagt, so könne es nicht weitergehen. Aus seinem Arbeitszimmer heraus hat er eine Diskussion begonnen, die mittlerweile ganz Baden-Württemberg beschäftigt. Rudolf Bosch will die Hauptschule in ihrer jetzigen Form abschaffen. Vor einigen Wochen hatte er in der Zeitung gelesen, dass Kultusminister Helmut Rau (CDU) ein Fitnessprogramm zur Stärkung der Hauptschule starten will. Bosch will keine Fitnessprogramme mehr.
"Man hat in den vergangenen Jahren viele Aktionen gestartet und es nie geschafft, die gesellschaftliche Akzeptanz der Hauptschule zu steigern." Das System müsse sich ändern. Er will die Schüler länger zusammen lernen lassen, mindestens bis zur sechsten Klasse. Gemeinsam mit drei anderen Kollegen hat er einen Brief an Rau verfasst, den 107 von 137 Schulleitern im Kreis Oberschwaben-Bodensee unterschrieben haben.
Oberschwaben als Zentrum der Rebellion
Das sehr konservative Oberschwaben galt bisher nicht als Zentrum der Rebellion. Aber sie breitet sich aus: Ende vergangener Woche schlossen sich 50 Hauptschulen im Bereich Esslingen dem Protest an, täglich folgen weitere. Der baden-württembergische Handwerkstag hält die Hauptschule für überholt, der Pisa-Koordinator Andreas Schleicher nannte das dreigliedrige Schulsystem nicht mehr zeitgemäß, die Oppositionsparteien brachten das Thema in den Landtag. Der Kultusminister reagierte beleidigt, die Rebellen wurden ins Regierungspräsidium einbestellt. Disziplinarmaßnahmen sind bisher nicht geplant.
Rudolf Bosch, 55, sieht nicht wie ein Rebell aus, aber auch nicht wie ein ausgebrannter Hauptschullehrer, der nicht mehr weiter weiß. An seiner Schule hat man in den vergangenen Jahren ziemlich viel ausprobiert, was der Politik zur Rettung der Hauptschule eingefallen ist: Sie ist schon seit langem eine Ganztagsschule, hat einen Kinderhort und zusätzliche Lerngruppen am Nachmittag. Schüler wurden zu Streitschlichtern ausgebildet. Die Kuppelnauschule war oft Modell.
"Doppelt benachteiligt"
"Ich möchte die Hauptschule nicht schlechtreden", sagt Bosch. Die Qualität des Unterrichts sei gut. Das Problem sei eher ein soziologisches. Viele Studien hätten ergeben, dass Schüler vor allem von anderen Schülern lernen. An der Hauptschule fehlten aber die Vorbilder, an denen sich die anderen orientieren können. "Hier sind Kinder unter sich, die ohnehin schon schlechtere Voraussetzungen haben und dann noch einmal benachteiligt werden." In einer neunten Klasse hat er neulich gefragt, wie viele schon eine Lehrstelle haben, von 22 waren es gerade drei. Und das im reichen Oberschwaben.
Früher hätten die Hauptschulen auch schon das untere Drittel repräsentiert, aber die Schüler hätten nicht den Eindruck gehabt, allein ganz unten zu sein, sagt Bosch. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, vor Jahrzehnten sind die Kinder nach der Hauptschule in den elterlichen Betrieb gegangen, besonders auf dem Land. Die einfachen Berufe wurden weniger, heute bekommt man mit Hauptschulabschluss kaum noch eine Lehrstelle zur Bürokauffrau. "Die Hauptschule zerteilt die Gesellschaft, sie integriert nicht", sagt Bosch.
Bosch und die anderen Schulleiter wollen ein System, in dem die Schüler bis zur sechsten oder gar zur neunten Klasse zusammen sind. In anderen Bundesländern gibt es das schon. Nur Baden-Württemberg und Bayern halten ohne Einschränkungen am dreigliedrigen Schulsystem fest. Die langjährige Kultusministerin Annette Schavan (CDU) hatte sich auf die Eliteförderung konzentriert, Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) möchte wieder den Blick auf die Hauptschulen lenken, ohne sie in Frage zu stellen.
Minister Rau will nun zumindest durch eine Studie die Leistungen seiner Hauptschüler mit denen ihrer sächsischen Altersgenossen vergleichen, wo es keine reine Hauptschule gibt. "Die Bildungspolitiker müssten nur mal zu uns kommen", sagt Bosch. Und sehen, wie sich Schüler in der fünften Klasse schon als Verlierer der Gesellschaft fühlten.