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Abtreibung in Irland:"Es sieht so aus, als würden wir Geschichte schreiben"

Abtreibungsreferendum in Irland

Keisha Taylor, Aktivistin der feministischen Bewegung "Rosa", jubelt im Auszählungszentrum in Dublin.

(Foto: dpa)
  • Die Iren haben am Freitag in einem Referendum über ein Ende des strengen Abtreibungsverbotes abgestimmt.
  • Einer Nachwahlbefragung zufolge haben knapp 70 Prozent für die Liberalisierung gestimmt.
  • Irland hat eines der schärfsten Abtreibungsgesetze der EU: Frauen, die ihre Schwangerschaft vorzeitig beenden, drohen bislang bis zu 14 Jahre Haft.

Es könnte eine Zeitwende im erzkatholischen Irland bedeuten: Einer Nachwahlbefragung zufolge hat eine breite Mehrheit für die Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes gestimmt. Das Institut Ipsos/MRBI hat dafür im Auftrag der Zeitung Irish Times 4000 Wähler nach der Abgabe ihrer Stimme befragt. Demnach haben bis zu 68 Prozent der Wähler für eine Aufhebung des Abtreibungsverbotes gestimmt. Eine weitere Befragung im Auftrag des TV-Senders RTE kommt auf 70 Prozent Ja-Stimmen.

Insgesamt waren in Irland mehr als drei Millionen Wahlberechtigte dazu aufgerufen, ihre Stimme bei einem Referendum abzugeben. Die Wahlbeteiligung war Berichten zufolge mit bis zu 70 Prozent außergewöhnlich hoch. Offenbar stimmten vor allem junge Wähler und Frauen für die Lockerung des Abtreibungsverbots. Unter den 18 bis 24-Jährigen lag die Zustimmung zu der Verfassungsänderung demnach bei knapp 90 Prozent.

Die Auszählung der Stimmen begann am Samstagmorgen, ein Ergebnis soll im Laufe des Tages vorliegen. In Umfragen hatten die Befürworter einer Lockerung ebenfalls zuletzt vorne gelegen, viele Stimmberechtigte galten allerdings noch als unentschieden. Gewählt werden konnte nur vor Ort, eine Briefwahl war nicht möglich. Befürworter einer Liberalisierung begrüßten am Flughafen Wählerinnen und Wähler, die extra für die Abstimmung aus dem Ausland angereist kamen. "Willkommen zuhause", stand auf Plakaten und "Danke für diese Reise, damit andere Frauen sie nicht unternehmen müssen."

Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in Irland bereits Gesetz, dafür hat das Land eines der schärfsten Abtreibungsgesetze der EU. Konkret betrifft das Referendum den achten Verfassungszusatz, der seit 1983 das Leben eines ungeborenen Kindes mit dem der Mutter gleichstellt. Frauen, die eine illegale Abtreibung vornehmen lassen, drohen bislang bis zu 14 Jahre Haft. Selbst nach einer Vergewaltigung ist in Irland ein Schwangerschaftsabbruch untersagt. Tausende irische Frauen reisen deshalb jedes Jahr nach Großbritannien und in andere Länder, um Abtreibungen vornehmen zu lassen. Seit 2013 sind Abtreibungen nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist.

Die Kampagne wurde sehr emotional geführt. Anders als vor dem Referendum 1983 hielt sich die katholische Kirche diesmal aber zurück - mehrere Skandale um Kindesmissbrauch hatten den Einfluss der einst in Irland übermächtigen Institution schwinden lassen.

Die Regierung hat angekündigt, im Falle eines Siegs des Ja-Lagers Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei zu stellen. Mit bestimmten Indikationen soll sie bis zum sechsten Monat erlaubt sein. Im irischen Parlament gibt es eine Mehrheit für das Ende des Abtreibungsverbots. Auch Ministerpräsident Leo Varadkar ist dafür. Er bedankte sich auf Twitter bei allen Iren, die sich an der Abstimmung beteiligten. Das Referendum sei "Demokratie in Aktion". "Es sieht so aus, als würden wir morgen Geschichte schreiben", fügte der Regierungschef hinzu.

© SZ.de/afp/dpa/ap/ankl/kler/luch/eca
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