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Referendum in Großbritannien:Deutsche Industrie fürchtet bei Brexit "gravierende Folgen"

  • Die deutsche Industrie fürchtet "gravierende Folgen", sollten sich die Briten am Donnerstag für einen Austritt aus der EU aussprechen.
  • Auch der britische Finanzminister Osborne rechnet mit ernsten Konsequenzen für die Wirtschaft. So könne das Bruttoinlandsprodukt in den kommenden beiden Jahren um sechs Prozent niedriger ausfallen.
  • An den Börsen wird zudem mit heftigen Turbulenzen gerechnet, etwa mit einer starken Abwertung des Pfund.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet "gravierende Folgen" für die Handelsbeziehungen im Falle eines Brexit. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, sechs von zehn deutschen Unternehmen, die in Großbritannien tätig seien, würden ihre Geschäfte herunterfahren. Das habe eine Umfrage der deutsch-britischen Auslandshandelskammer ergeben.

Das Vereinigte Königreich ist laut DIHK drittgrößter Abnehmer deutscher Exporte weltweit. Die deutsche Wirtschaft liefert jährlich Waren für rund 90 Milliarden Euro auf die Insel. Etwa 750 000 Arbeitsplätze hingen hierzulande davon ab, betonte Wansleben.

Er wies ferner darauf hin, dass Großbritannien weltweit gesehen der größte Direktinvestor in Deutschland sei. Über 200 000 Beschäftigte arbeiteten bei britischen Unternehmen in Deutschland. Bei einem "Brexit" könnten solche Investitionen erheblich erschwert werden.

Für den Präsidenten des Außen- und Großhandelsverbandes BGA, Anton Börner, wäre der Brexit eine "Katastrophe", wie er der Passauer Neuen Presse sagte. Der Präsident des Industrieverbandes BDI, Ulrich Grillo, ergänzte in der Rheinischen Post: "Ein britischer Austritt würde eine hohe Rechtsunsicherheit für die Wirtschaft bedeuten. Gerade deutsche Unternehmen wären dramatisch betroffen."

EU-Kritiker Redwood: "Wir werden eine bessere Freundschaft haben"

Die britischen EU-Kritiker wiesen das als Panikmache zurück. John Redwood, Sprecher der Brexit-Befürworter, sagte dem Deutschlandfunk, Großbritannien werde keinen Schaden nehmen. "Deutschland verkauft uns drei Mal so viel wie wir nach Deutschland exportieren, ich will das Deutschland nicht schwerer machen, und ich bin daher sicher, dass Deutschland es uns auch nicht schwerer machen will, Produkte zu verkaufen." Beide Seiten hätten ein Interesse daran, den Handel fortzusetzen. "Ich denke, wir werden eine bessere Freundschaft haben, wenn diese ewigen Querelen mit der EU aufhören."

Der Internationale Währungsfonds (IWF) betonte jedoch, Großbritannien müsse bei einem Brexit die Grundlagen für seine Handelsbeziehungen mit 60 Nicht-EU-Ländern neu aushandeln. Die Gespräche dürften Jahre dauern, was zudem Unsicherheit schaffe.

Osborne sorgt sich um die britische Wirtschaft

Diese Gefahr sieht auch der britische Finanzminister Geroge Osborne. Sein Ministerium hatte zuletzt vorgerechnet, das Bruttoinlandsprodukt würde in den nächsten beiden Jahren im Falle eines Brexit sechs Prozent niedriger ausfallen.

"Persönlich denke ich, es ist möglich, dass es noch um einiges schlimmer sein könnte", sagte Osborne dem Sender ITV. Es sei schon jetzt eine starke Zurückhaltung spürbar. Es würden bereits weniger Häuser und Autos gekauft. "Das ist nur ein Vorgeschmack."

Starke Abwertung des Pfund befürchtet

An den Börsen wird im Fall der Fälle mit heftigen Turbulenzen gerechnet, etwa mit einer starken Abwertung des Pfund. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht aber bereit, um dem entgegenzuwirken. "Wir schauen uns das Risiko jeden Tag an und alle Zentralbanken, nicht nur die EZB, sind bereit zu intervenieren mit den konventionellen Mitteln, die sie haben", sagte EZB-Ratsmitglied Ignazio Visco der italienischen Zeitung La Repubblica. Dazu zählten die Zinssätze sowie Repo- und Swap-Transaktionen, also Rückkauf- und Tausch-Geschäfte.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuletzt bereits unter Berufung auf einen Insider berichtet, Devisen-Swap-Linien zwischen der EZB und der Bank von England könnten schnell aktiviert werden, um im Bedarfsfall Geldhäuser mit ausreichend Pfund oder Euro zu versorgen.

© SZ.de/Reuters/tba

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