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Referendum in Ägypten:Gegenwind in der Provinz

Ein Ausbruch aus dem Teufelskreis immer neuer Wahlen - so verkaufen die Muslimbrüder in der Provinz die neue Verfassung. Wenn die Ägypter an diesem Samstag im Referendum über sie abstimmen, können die erfolgsverwöhnten Islamisten auf einen Sieg hoffen. Doch neuerdings müssen sie auch auf dem Land mit Widerstand rechnen.

Sie haben gestritten, und wie! Haben einander verspottet, provoziert, sich gegenseitig Verrat vorgeworfen. Wie auch nicht, wenn Islam Masaud, der Jüngere, den Muslimbrüdern angehört - wie der Rest der Familie -, aber Ahmed, der Ältere, Gründungsmitglied der liberalen Verfassungspartei von Mohammed el-Baradei in Damanhur ist.

Sie haben gestritten wie Brüder, wie das ganze Land streiten sollte: "Ohne Hass, ohne Blut", sagt Ahmed. Er ist 22, Soziologiestudent. Sein Bruder Islam wurde 16. Er starb Ende November bei den schlimmsten Zusammenstößen in der verschlafenen Nildelta-Stadt Damanhur, zwei Autostunden von Kairo entfernt.

Es ging um die Verfassung, natürlich, über die Präsident Mohammed Mursi an diesem und am folgenden Samstag abstimmen lassen will. Aber eigentlich ging es um die Muslimbrüder. Eine aufgebrachte Menge zog vor das Hauptquartier der Islamisten in einem Mietshaus am Stundenplatz, 1500 Muslimbrüder, 500 Oppositionelle und Tausende, wirklich Tausende bezahlte Schläger, wie Ahmed sagt. Brandsätze flogen, auch Steine. Einer traf Islam am Kopf. Er starb auf dem Weg zum Krankenhaus.

Seitdem lässt Ahmed seine Mitgliedschaft in der Baradei-Partei ruhen: "Einige sagen bis heute, dass die Muslimbrüder Islam umgebracht haben, aber er war doch einer von ihnen!" In der Provinz ist der Streit noch verwirrender als in Kairo.

"Ich werde für die Verfassung stimmen. Ich will endlich Frieden"

Freitagmittag in Damanhur. Die Männer beten auf grünen Matten vor den Moscheen, und Nageja Mohammed Hegasi, 50, kauft ein Huhn für umgerechnet 4,50 Euro. Auf dem Hackklotz neben ihr liegt ein Klumpen Fleisch, in den Käfigen draußen sind Hühner, Gänse, Enten übereinandergestapelt, und ein Schwarm Fliegen kreist gleichmütig über Mensch und Tier. "Ich werde für die Verfassung stimmen, so wie mein Sohn", sagt Nageja und fragt in aller Unschuld: "Oder ist mit der Verfassung was nicht in Ordnung?"

Der Ladenbesitzer Abdallah Ahmed Abdel Mutalib mit himmelblauen Augen weiß, dass es allerhand Leute gibt, die viel an der Verfassung auszusetzen haben. Er will sie lesen, gleich heute, um sich ein Bild zu machen. Aber eigentlich ist auch er sicher: "Ich werde für die Verfassung stimmen. Es gibt zu viele verschiedene Parteien in diesem Land, zu viele Stimmen, zu viele Kämpfe. Ich will endlich Frieden."

Die Muslimbrüder, ihre Partei Freiheit und Gerechtigkeit, ihr Präsident und ihre Anführer tun ihr Bestes, um die Verfassung als alternativlosen Schritt auf dem Weg zu Ruhe und wirtschaftlicher Erholung zu preisen. Nach dem Gebet verteilen ein paar Männer Flugblätter vor einer Moschee in einem Vorort von Damanhur. Darin ist von der "schwierigen psychologischen Verfassung" des Landes die Rede, von großzügigen Rechten für Christen, Arbeiter, Justiz und Medien, welche die Verfassung gewähre, von "Stabilität, Verbesserung und Entwicklung": Nur die Zustimmung erlaube den Ausbruch aus einem Teufelskreis immer neuer Verfassungskommissionen und Wahlen, aus dem juristischen und politischen Stillstand.