Rechtsterrorismus:Der Angeklagte soll im Gefängnis mit der Tat geprahlt haben

Er betrachtete die Fremden offenbar als Eindringlinge. Dann tauchten zwei Neonazis in Ledermänteln und Hunden mit Springerstiefeln vor der Schule auf. Die Schüler stellten sich gemeinsam ans Fenster der Schule und sahen den Neonazis ins Gesicht. Die verschwanden im Laden von Ralf S. Hat er die Reaktion der Fremden als Provokation gesehen? Aber ein Beweis war das nicht, die Tat konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Und keiner seiner Kumpel half damals den Ermittlern.

Ralf S. schien einer jener Typen aus dem braunen Sumpf zu sein, die für ihre Lebenspleiten gern Ausländer verantwortlich machen. Ein durchgeknallter Schwätzer, der von seinem "Revier" sprachund auf der Straße Patrouille ging, als wäre er der Sheriff. Aber war er der Attentäter?

Im Jahr 2014 kam die Wende. Ralf S. saß wegen einer nicht gezahlten Geldstrafe in der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel ein und soll einem Mithäftling gesagt haben, er habe an einem Bahnhof "die Kanaken weggesprengt". Die Bombe habe er er aus der Ferne gezündet. Der Häftling hatte noch nie von dem Anschlag in Düsseldorf gehört. Er bat die Anstaltsleitung, doch mal zu recherchieren, ob da was gewesen sei. "Warum soll mein Mandant sowas erzählt haben?" fragt Heuvens. Er findet den "Zeugen unglaubwürdig".

Die Aussage dieses Zeugen löste jedenfalls neue umfangreiche Ermittlungen aus und das Programm lief wie bei allen großen Fällen wieder an: Das Telefon von Ralf S. wurde abgehört, es gab verdeckte Ermittlungen und eine neue Zeugenliste.

Und diesmal war alles anders. Zwei Zeugen behaupteten, Ralf S. habe ihnen gegenüber den Anschlag angekündigt. Früher hätten sie nicht darüber reden können, weil sie angeblich unter Druck gesetzt worden seien. Eine Zeugin erklärte, sie habe ihn unmittelbar vor dem Anschlag in der Nähe des Tatorts bemerkt. Eine frühere Bekannte von ihm behauptet sogar, sie habe die selbstgebaute Rohrbombe in seiner Küche gesehen.

Wurde der Angeklagte von einer Behörde gedeckt? Bisher gibt es dafür keine Hinweise

Die Ermittler überprüften noch einmal sein scheinbar perfektes Alibi und kamen zu dem Ergebnis, es sei kunstvoll konstruiert gewesen - einschließlich einer konspirativen Wohnung, in der er angeblich die Bombe gebastelt haben soll . Dass so jemand erst knapp 18 Jahre nach der Tat angeklagt werden kann, wird vermutlich auch für politische Spekulationen sorgen. Aber es gibt bislang keinen seriösen Hinweis, dass der Verfassungsschutz oder eine Behörde ihn gedeckt haben könnte.

Interessant wird auch sein, wie sich einige der Zeugen vor Gericht verhalten werden. Mysteriös ist beispielsweise die Geschichte mit den zwei Neonazis, die sich ausweislich vieler Aussagen von Zeugen vor der Schule postiert hatten. Ein Zeuge räumt ein, er sei dort gewesen, aber allein. Der zweite Mann wurde nicht gefunden.

Nicht wenige der Zeugen stammen aus der damaligen Düsseldorfer Neonazi-Szene. Typen mit einschlägigen Tatoos sind darunter, die früher "Deutschland den Deutschen" riefen. Einige von ihnen sind inzwischen Familienväter geworden. Sie sprechen in ihren Zeugenvernehmungen von "Jugendsünden" und Kumpels, mit denen man damals halt viel getrunken habe.

Alles lang her - aber nicht für die Opfer.

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