Süddeutsche Zeitung

Rechtsradikalismus:Neonazis reanimieren Terrorgruppe "Combat 18"

Der bewaffnete Arm der verbotenen rechtsradikalen Organisation "Blood and Honour" ist offenbar wieder aktiv. Anlass für ein Ermittlungsverfahren sieht die Bundesanwaltschaft aber nicht.

Unter dem Namen "Combat 18" hatten sich europaweit jahrelang gewaltbereite Neonazis zusammengeschlossen - auch in Deutschland, bis die Gruppe hierzulande zerschlagen wurde. Seit mittlerweile vier Jahren scheint "Combat 18" in Deutschland jedoch wieder aktiv zu sein. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.

Nach Recherchen des NDR und der Süddeutschen Zeitung liegen den Ermittlungsbehörden zahlreiche Hinweise zu Aktivitäten der Gruppe vor. "Combat 18" gilt als der bewaffnete Arm der europaweit tätigen Neonazi-Gruppe "Blood & Honour". Letztere Gruppierung ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 verboten.

Hunderte Hinweise auf verbotenes Netzwerk

Laut Sicherheitsbehörden ist "Combat 18" mit regionalen Strukturen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg vertreten. Die exakte Mitgliederzahl sei unbekannt.

Nach Informationen von NDR und SZ hat das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in den vergangenen Jahren Hunderte Hinweise auf "Blood & Honour" erhalten - ungewöhnlich viel für ein Netzwerk, das es nicht mehr geben darf. Das BfV beobachtet die Gruppe offenbar sehr genau, zudem liegen den Verfassungsschützern Anhaltspunkte für Geldflüsse vor: Im Juni 2016 soll der deutsche "Combat 18"-Ableger einen Teil seiner Mitgliedsbeiträge ins EU-Ausland transferiert haben. Ein mutmaßliches Führungsmitglied der Gruppe soll überdies Überweisungen für die ungarische "Blood & Honour"-Sektion abgewickelt haben.

Der Generalbundesanwalt, in Deutschland zuständig für Terrorismus-Ermittlungen, beobachtet die Aktivitäten der Mitglieder nach eigenen Angaben ebenfalls. Anlass für ein Ermittlungsverfahren sieht die Karlsruher Behörde bislang allerdings nicht.

"Im Gegensatz zur Bundesregierung haben antifaschistische Recherchen seit Jahren auf die zentrale Bedeutung dieser Struktur hingewiesen", sagte Martina Renner, Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Bundestag. "Gleichzeitig werfen die bekannten V-Leute, die deutsche Geheimdienste bei 'Blood & Honour' geführt haben, die Frage auf, warum es seit dem Verbot keinen nennenswerten Ermittlungsdruck gab."

NSU-Unterstützer waren "Blood and Honour"-Mitglieder

"Combat 18" steht für "Kampftruppe Adolf Hitler" - die 18 weist auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet hin. Von militanten Rechten 1992 in Großbritannien gegründet, verübten ihre Mitglieder zahlreiche Anschläge auf politische Gegner, Migranten und Journalisten in ganz Europa.

Die Mutterorganisation "Blood & Honour" war vor allem für rechtsextremistische Konzerte und Tonträger bekannt. Sie propagierte Anschläge gegen politische Gegner und Migranten in führerlosen Zellen. Die Methode, die auch die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) angewandt haben soll, habe es den Sicherheitsbehörden schwer machen sollen. Einige Unterstützer des NSU waren früher Mitglieder in deutschen "Blood & Honour"-Sektionen.

Nach dem Verbot der Gruppe in Deutschland im Jahr 2000 war die Szene nach Angaben des Thüringer Innenministeriums stark geschwächt, die Rekrutierung von jungen Menschen sei erschwert gewesen. Im November 2016 berichteten Medien von einer Razzia bei Rechtsextremisten im thüringischen Suhl. Sie habe vier Mitgliedern von "Blood & Honour Südthüringen" gegolten. Dabei handelt es sich um eine Folgeorganisation der verbotenen Gruppe.

(Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es fälschlicherweise, dass sowohl die Gruppe "Blood & Honour" als auch die Gruppe "Combat 18" in Deutschland verboten sei. Das Verbot gilt aber nur für die erstgenannte Gruppe "Blood & Honour". Dieser Fehler wurde im Text nachträglich korrigiert.)

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SZ vom 27.01.2017/kjan
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