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Rechtsradikale Beate Zschäpe:Heiratsanträge ins Gefängnis

Sie bekommt Fan-Post, raucht wie ein Schlot - und schweigt weiter: Die in U-Haft sitzende mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe verweigert weiter jede Zusammenarbeit mit den Behörden. Die Ermittler fahnden ohne ihre Aussagen weiter. Aber Spuren gibt es viele: Immer mehr Details über das rechte Terrortrio werden bekannt.

Hans Leyendecker, Köln

Als Beate Zschäpe am Vormittag des 9. November in Zwickau vor einem Ermittlungsrichter stand, machte sie zur Sache keine Angaben. Von "meiner Inhaftierung soll niemand informiert werden", gab die 36-Jährige zu Protokoll. Seit rund einem Monat ist die Frau, die im Verdacht steht, die Terrorvereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mitgegründet zu haben, in Köln in Untersuchungshaft, und inzwischen weiß die ganze Republik, dass sie in Haft sitzt. Die Frau aus der Neonazi- Szene, die vermutlich knapp 13 Jahre lang mit den Killern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund gelebt hat und die beiden toten Terroristen als ihre "Familie" bezeichnet, erhält, wie aus Justizkreisen zu erfahren ist, jeden Tag Briefe aus dem braunen Milieu; darunter sollen mehrere Heiratsanträge gewesen sein.

Mordserie Neonazis - JVA Köln-Ossendorf

Die Eingangstür zum Kölner Gefängnis, wo Beate Zschäpe in Untersuchungshaft sitzt.

(Foto: dpa)

Die Frau, die einst sechs Alias-Namen hatte, in Köln nun in einer Einzelzelle lebt und nur einmal am Tag eine Stunde Hofgang hat, soll auf die Fan-Post und all die anderen Umstände sehr gelassen und ruhig reagieren. Sie hat jetzt einen Fernseher mit nicht sehr gutem Empfang, raucht weiter wie ein Schlot und verlangt neuerdings nach Menthol-Zigaretten. Ansonsten ist sie ruhig. Die 36-Jährige ist weiterhin nicht bereit, Aussagen zu machen - was die Ermittler bedauern. Andererseits ist es das Recht eines Beschuldigten, zu schweigen, und ihre Anwälte Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl bestärken sie dabei. Die Verteidiger beklagen, dass sie unzureichend Akteneinsicht bekommen hätten.

Spitzname "Lissy"

Die Bundesanwälte und die Ermittlungseinheit "Trio" versuchen derweil, ohne Zschäpes Aussagen auszukommen. Sie verfolgen viele Spuren. Angeblich soll sie in der Nacht vor dem letzten Banküberfall bei einem NPD-Funktionär in Eisenach übernachtet haben. Der NPD-Mann bestreitet das. Ein Polizeihund hat auf einer Kreuzung, die zu der Wohnung des NPD-Mannes führt, angeschlagen. Das bedeutet jedoch nicht viel.

Ermittlungen der Beamten haben ergeben, dass Zschäpe am 4. November in der Wohnung des Trios zu Zwickau zwischen 12 und 15 Uhr im Internet auf Seiten von Rundfunksendern und auf Polizeiseiten gesurft hat. Vermutlich wollte sie erfahren, was in Eisenach nach dem Banküberfall, der gegen 9:15 Uhr stattgefunden hatte, passiert war. Danach gab sie die beiden Katzen bei Nachbarn ab und setzte die Wohnung in Brand. Was hatte sie mit den Morden und Überfällen zu tun? Ein Laptop im Wohnmobil und ein Laptop in der Wohnung hatten ein identisches Kennwort: "Lise" - und Zschäpe war in der Szene unter dem Spitznamen "Lissy" bekannt.

Mindestens zweimal hat sie mit Böhnhardt und Mundlos auf der Insel Fehmarn Urlaub gemacht. Für einen Urlaub im Jahr 2009 gibt es zwei Zeugen, und im Sommer dieses Jahres soll das Trio wieder auf Fehmarn gewesen sein. Zeugen sagten, die drei seien zwischen dem 30. Juli und dem 13. August auf Fehmarn gewesen. Am 7. September überfielen Böhnhardt und Mundlos eine Sparkasse in Arnstadt und verletzten eine Angestellte schwer.

© SZ vom 16.12.2011/fran
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