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Rechtsextremismus:Wer steckt hinter "NSU 2.0"?

NSU 2.0

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Seit Jahren verschicken ein oder mehrere Täter rassistische Drohschreiben und zuletzt auch Bombendrohungen - und greifen dabei offenbar auch auf Insiderwissen der Polizei zurück. Ein Einblick in heikle Ermittlungen.

Von Florian Flade und Ronen Steinke

Das Alibi in diesem Kriminalfall hat mit türkischem Essen zu tun. Ausgerechnet. Ein Döner-Imbiss in Frankfurt am Main. In der Schlange stand an diesem Tag Johannes S. Er wartete auf sein Essen, und dabei schauten ihm unbemerkt mehrere Beamte des hessischen Landeskriminalamts (LKA) zu. Sie machten sich heimlich Notizen. Ein präzises Protokoll über jeden Schritt, den der 32-Jährige an diesem Tag tat.

Inzwischen ist klar: Just in diesem Moment schlug im Internet der unbekannte Täter, der sich "NSU 2.0" nennt, wieder einmal zu. Er verschickte wie schon Dutzende Male zuvor eine E-Mail mit einer obszönen, rassistischen Gewaltfantasie an eines seiner Opfer. Dazu nutzte er wie so oft einen bestimmten Account bei dem russischen E-Mail-Anbieter Yandex.com, und er verwendete Nazi-Parolen und Drohungen.

Wer steckt hinter "NSU 2.0"? Johannes S. ist es wahrscheinlich nicht, glauben die Ermittler seit diesem Tag im Döner-Imbiss. Sie sind sich nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR sicher: Beim Warten auf sein Essen hatte S. kein Smartphone in der Hand. Zwar könne man nie etwas ganz ausschließen. Aber inzwischen haben sie nicht nur S.' Kommunikation überwacht und ihn mehrere Wochen lang observiert. Sie haben auch seine Wohnung in Frankfurt und sein Haus in Kirtorf in Nordhessen durchsucht. Beweise fanden sie nicht.

Johannes S. ist Polizist. Wegen rechtsradikaler Äußerungen ist er vom Dienst freigestellt. So wie fünf seiner Kollegen aus der Frankfurter Wache. Das trägt zur besonderen Brisanz dieses Falles bei: Schon an die hundert Drohschreiben des ominösen "NSU 2.0" zählen die Ermittler. Sie richten sich vor allem gegen Politikerinnen, Anwältinnen, Künstlerinnen. Hinzu kommt eine Reihe von Drohungen von anderen Absendern, offenbar Trittbrettfahrern. Und immer wieder klingt es so, als ob der Täter - oder die Tätergruppe - über Insiderwissen der Polizei verfügt.

Das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden erodiert

Nicht nur, aber auch deshalb habe diese Ermittlung "höchste Priorität", heißt es bei den Ermittlern. Im LKA sind mehr als zwanzig Beamte damit befasst, die Gruppe "AG 211". Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft taten zeitweise zwei Juristen nichts anderes, als diesen Fall zu koordinieren. Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, desto mehr wachsen indes die Zweifel. Desto mehr erodiert das Vertrauen, ob die Sicherheitsbehörden es wirklich ernst meinen.

Die Kabarettistin İdil Baydar, die von "NSU 2.0" bedroht wurde, hat schon länger kein Verständnis mehr: "Man kann Osama bin Laden in irgendeiner Höhle am Ende der Welt finden, aber den Verfasser unserer Drohnachrichten in Hessen nicht?" Der Bonner Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler war der Erste, der vor zwei Jahren eine E-Mail von dem "NSU 2.0"-Account mit der Endung @yandex.com erhielt. "Oft zeige ich so etwas gar nicht mehr an", sagt er heute. Es bringe nichts.

Davor kam das allererste "NSU 2.0"-Schreiben noch in Form eines Fax, gesendet an die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız, am 2. August 2018 um 15.41 Uhr. Darin stand auch der Name ihrer kleinen Tochter - eine Information, die nicht einfach so in der Öffentlichkeit verfügbar war. Kurz zuvor waren Daten der Anwältin an einem Computer der Polizei im Innenstadtrevier abgefragt worden.

Idil Baydar auf der Demo des Bündnis Köln zeigt Haltung in der Innenstadt. Köln, 16.09.2018 *** Idil Baydar on the demo

Kein Verständnis mehr: Kabarettistin İdil Baydar.

(Foto: Christoph Hardt via www.imago-images.de/imago images/Future Image)

Der Polizist Johannes S., der in exakt diesem Revier arbeitete, scheidet inzwischen womöglich als Tatverdächtiger aus. Aber wer steckt dann hinter "NSU 2.0"? Wer hat die Mittel dazu, so ungestört weiter die Drohungen zu verschicken? Zunächst geriet eine Kollegin von S. ins Visier. Von ihrem Rechner aus sollen die Daten der Frankfurter Anwältin abgerufen worden sein. Die Polizistin gab an, ihr Computer sei für alle Kollegen zugänglich, ein Zettel mit dem Passwort liege bereit. Inzwischen zählt auch sie nicht mehr zu den Hauptverdächtigen.

Neue Drohschreiben nach einer kurzen "Flaute"

Zahlreiche Polizisten des Innenstadtreviers sind in den vergangenen Monaten beobachtet worden. Schwer vorstellbar, wie aus ihrem Kreis trotzdem weiter Drohungen verschickt werden könnten, ohne dass es sich nachweisen lässt. Nur einmal war kurz Ruhe eingekehrt bei "NSU 2.0", von "Flaute" sprachen die LKA-Spezialisten im vergangenen Herbst. Die Drohmails hörten auf. Schon überlegte man, ob der Täter das Interesse verloren habe. Oder an Corona erkrankt sei.

Inzwischen redet davon niemand mehr. Ein Gedenkstein vor der Gesamtschule im hessischen Wolfhagen erinnert an Walter Lübcke, den Kasseler Regierungspräsidenten, der vor zwei Jahren von dem Neonazi Stephan E. ermordet wurde. "Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten", steht darauf. Es ist ein Zitat Lübckes.

Am 29. Januar, einem Freitag, wurde in der Schule, die neuerdings Walter-Lübcke-Schule heißt, im elektronischen Postfach eine E-Mail entdeckt, die von dem bekannten Yandex-Account des "NSU 2.0" kam, nur einen Tag nachdem Lübckes Mörder vom Oberlandesgericht Frankfurt verurteilt wurde. Es war eine Bombendrohung.

Am 11. Februar dann verschickte "NSU 2.0" gleich zwei Bombendrohungen. Einmal an das Landgericht Itzehoe, wo eine 95-jährige ehemalige Sekretärin eines Konzentrationslagers angeklagt ist. Einmal an das Landgericht Neuruppin, wo ein 100-jähriger ehemaliger KZ-Wachmann angeklagt werden soll. Tags darauf tauchte eine Mail auch im Postfach der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine auf.

Bis heute haben die Ermittler "keine Hinweise, dass es zwingend mehr als ein Täter sein müsste", heißt es in Sicherheitskreisen, das LKA hat die Drohmails verschiedenen Sprachexperten gezeigt. Der Täter - oder jedenfalls derjenige unter den Tätern, der die Texte schreibt - beherrsche die Behördensprache, so das Ergebnis. Er sei intelligent, aber nicht unbedingt hochgebildet.

Immer wieder neue Spuren und ein komplexes Organigramm

Die Staatsanwälte sind bereits ungewöhnliche Wege gegangen. Im März 2019 hatten sie einen Hinweis darauf, dass der "NSU 2.0"-Täter kurz zuvor einen älteren Artikel aus dem Online-Angebot der Bild-Zeitung abgerufen hatte. So versuchten sie per Eilanordnung, die Zeitung zur Herausgabe interner Abrufdaten zu zwingen, bevor diese automatisch wieder gelöscht werden. Die Zeitung lehnte ab, der Versuch scheiterte.

Im vergangenen Juli rückten sie dann bei einem pensionierten Polizeibeamten in Bayern an. Die Wohnung in Landshut wurde durchsucht, der Mann war immer mal wieder aufgefallen, weil er reißerische Leserbriefe an Lokalzeitungen geschickt hatte. Im Netz nutzte er ein Pseudonym, das auch im Zusammenhang mit "NSU 2.0" auftauchte.

Schon früh schien aber klar zu sein, dass es sich, wenn überhaupt, nur um einen Trittbrettfahrer handelte - nicht um den Inhaber des "NSU 2.0"-Yandex-Accounts. Angeklagt wird der Landshuter nun wohl dennoch, wegen Bedrohung, Beleidigung und Nötigung und auch weil in seiner Wohnung Waffen gefunden wurden. Darunter eine Pumpgun.

Immer wieder, so heißt es bei den Frankfurter Ermittlern, verfolge man neue Spuren. Um den Überblick zu bewahren, haben sie eine Art Organigramm gezeichnet. Viele Namen stehen darauf. Bilder. Bunte Pfeile. Und ganz in der Mitte, wie die Spinne im Netz: Der E-Mail-Account beim russischen Anbieter Yandex.com. An dieser Stelle ist das Bild auch illustriert, mit einem schwarzen Totenkopf auf gelbem Grund.

Und es geht weiter. Am Samstag, dem 20. Februar, ist nachts wieder eine E-Mail an die Frankfurter Anwältin Seda Başay-Yıldız gegangen, die Frau, mit der einst alles begonnen hat. Der Text endete mit "Heil Hitler", gezeichnet "Obersturmbannführer". Wie schon so oft. Zweieinhalb Jahre Ermittlungszeit - und für die Betroffenen dieser Drohungen hat sich letztlich nichts verändert.

© SZ/gal
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