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Mordprozess:Der letzte Blick von Walter Lübcke

Prozess im Mordfall Lübcke

Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (rechts) und sein Anwalt Mustafa Kaplan warten im Gerichtssaal des Oberlandesgerichtes Frankfurt auf den Beginn der Verhandlung.

(Foto: Kai Pfaffenbach/dpa)

"Wir möchten die volle Wahrheit wissen", hatte die Witwe des ermordeten Walter Lübcke gefleht. Der Angeklagte Stephan Ernst antwortet ihr nun - und belastet seinen Kumpel schwer.

Von Annette Ramelsberger, Frankfurt

Sie hatte ihn angefleht, unter Tränen, den Mann, der angeklagt ist, ihren Ehemann getötet zu haben. "Wir möchten die volle Wahrheit wissen", rief die Witwe des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Alles wolle sie wissen: ob ihr Mann den beiden Angeklagten kurz vor seinem Tod noch ins Gesicht gesehen habe, ob die beiden Neonazis noch gesprochen haben mit ihm, warum er sich nicht verteidigen konnte, so groß und stark wie er war. "Wir brauchen das", rief die Witwe dem Angeklagten zu. Nur so könne die Familie weiterleben, in jenem Haus, auf dessen Terrasse am 1. Juni 2019 der Mord geschah.

Vor zwei Wochen war das. Nun will ihr der Angeklagte wirklich antworten. Stephan Ernst, 48, verheiratet, Vater von zwei Kindern, Industriemechaniker. Wie jeden Verhandlungstag sitzt er auch an diesem Donnerstag im schwarzen Anzug auf der Anklagebank. Er greift zum Mikrofon.

Am 1. Dezember hatten sich der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel und der Anwalt der Familie Lübcke gekabbelt. Die Familie kommt nicht damit zurecht, dass der zweite Angeklagte, Markus H., 44, auf freiem Fuß ist, dass das Gericht die Indizien gegen ihn offenbar für nicht stark genug hält, um ihn wegen psychischer Beihilfe an dem Mord zu verurteilen.

Der Anwalt der Familie Lübcke sagte: "Wir sind überzeugt, dass das Letzte, was Herr Lübcke gesehen hat, das Gesicht von Markus H. war." Der Kumpel von Ernst, von dem es keine Spuren am Tatort gibt. Ein Neonazi, tief verstrickt in der rechten Szene. Er schlendert immer sehr gelassen in den Saal und sehr oft grinst er.

Alles will die Familie tun, um die Wahrheit herauszufinden - das ist schwer angesichts von mittlerweile drei Tatvarianten, die Stephan Ernst erzählt hat. Nummer 1: Er war allein am Tatort und hat allein geschossen. Markus H. hat ihn darin bestärkt. Nummer 2: Ernst und Markus H. waren gemeinsam auf der Terrasse, Markus H. hielt die Waffe, der Schuss war ein Unfall. Nummer 3: Der Schuss war kein Unfall, sondern von Anfang an so geplant, Ernst hat selbst geschossen, nicht Markus H. Das ist für das Gericht alles so unplausibel, dass es nichts mehr auf die Glaubwürdigkeit von Ernst gibt.

"Ich bitte Sie ganz inständig", sagt die Witwe

Nun aber fragt die Witwe, sie hat ihr Vertrauen noch nicht verloren. Und Ernst will ihr antworten, das hat er versprochen. Irmgard Braun-Lübcke wendet sich direkt an Ernst. "Ich bitte Sie ganz inständig, wenn Sie uns helfen wollen, das zu verarbeiten, dann antworten Sie präzise und vollständig." Sie spricht mit tränenerstickter Stimme.

Ernst antwortet. Direkt, ohne Verzögerung, ohne seinen Anwalt vorher zu konsultieren. Er sagt, dass er und sein Kumpel Markus H. zum ersten Mal 2016 am Wohnort von Walter Lübcke waren, um herauszufinden, wo er wohnt. Dann sei er allein hingefahren, um zu sehen, welches Auto Lübcke fährt. 2018 seien sie wieder gemeinsam gekommen, um einen Weg zu finden, unbeobachtet ans Haus zu gelangen. Und dass sie sich schon im April 2019 verabredet hatten, ihm etwas anzutun.

Das Gericht will Ernst nun selbst noch einmal befragen

Wieder und wieder fragt der Anwalt der Familie, auch nach vermeintlich Unwichtigem: ob Ernst das Bier, das Markus H. und er bei ihrer Tatplanung getrunken haben, bar bezahlt habe. Ja, sagt er. In früheren Vernehmungen hatte er von einer EC-Karte gesprochen. Aber nirgendwo im Umkreis war seine EC-Karte genutzt worden.

Es sind solche Kleinigkeiten, die am Ende entscheiden werden, ob ihm das Gericht glaubt. Das seien "an die Entwicklung des Prozesses angepasste Äußerungen", konstatiert Richter Sagebiel. Und er kündigt an: "Dieser Prozess wird nicht im Dezember zu Ende gehen."

Das Gericht will Ernst nun auch selbst noch einmal intensiv befragen. Die Familie Lübcke hatte dem Gericht vorgeworfen, kein sehr großes Aufklärungsinteresse zu haben, damit es die eigene Entscheidung, Markus H. auf freien Fuß zu setzen, nicht revidieren müsse. Das Gericht hat nun sogar - entgegen seinem ersten Beschluss - die Handakte von Ernsts früherem Verteidiger beschlagnahmt. Sehr viel Erhellendes ist ihr nicht zu entnehmen.

Dann dreht sich Markus H. zum ersten Mal um

Ganz zum Schluss fragt die Witwe noch einmal. "Ist es wirklich wahr, dass mein Mann in der letzten Sekunde seines Lebens in das Gesicht von H. geschaut hat?" In das Gesicht des Mannes, dessen Grinsen die Familie Lübcke so unerträglich findet, mit der hohen Stirn und dem Bart rund um den Mund. Der Mann, dem sie seit Monaten gegenübersitzt, und der schweigt. "Ja", sagt Ernst. "Wirklich?", fragt die Witwe. Ihr Ton ist drängend. "Ja", sagt er.

In diesem Moment dreht sich Markus H. zum ersten Mal in diesem Prozess um und fixiert seinen früheren Freund Stephan Ernst. Bisher hatte er sich in all den 33 Verhandlungstagen nie umgedreht.

© SZ/zoc
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