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Ex-SEK-Polizist vor Gericht:55 000 Patronen für den Tag X

Prepper-Prozess gegen einen Polizisten wird fortgesetzt

Marko G. zwischen seinen Verteidigern im Gerichtssaal in Schwerin (Archivbild vom 20.11.19)

(Foto: dpa)
  • Marko G., ehemaliger SEK-Polizist in Mecklenburg-Vorpormmern, steht in Schwerin wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Waffengesetze vor Gericht.
  • Doch in dem Prozess geht es um mehr. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 49-Jährigen vor, zur rechtsextremen Prepper-Gruppe Nordkreuz zu gehören.
  • Am ersten Verhandlungstag hat G. hat den illegalen Besitz von Waffen eingeräumt - rechtsextreme Motive bestreitet er.

Sie fanden die Munition bei ihm in Kisten und Tresoren, sogar in der blauen Mülltonne vor seiner Tür. Alles in allem 55 000 Patronen. 2017 und 2019 durchsuchten Polizeibeamte das Haus und den übrigen Besitz von Marko G., damals Elitepolizist in Mecklenburg-Vorpommerns Spezialeinsatzkommando SEK. Sie entdeckten Gewehre, Pistolen, Blendgranaten, Schlagstöcke, Messer, Doppelkerngeschosse, Vollmantelgeschosse, eine Maschinenpistole vom Typ Uzi. Marko G. durfte seine registrierten Waffen bis zur ersten Razzia besitzen, aber nicht dieses gesamte Arsenal mit Kriegswaffen und teils kriegstauglicher Munition.

Jetzt steht er wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die Waffengesetze vor dem Landgericht Schwerin. Doch es geht in diesem Prozesses um noch mehr. Die Staatsanwaltschaft wirft Marko G. vor, zur rechtsextremen Prepper-Gruppe Nordkreuz zu gehören. Gegen zwei von deren mutmaßlichen Mitgliedern ermittelt der Generalbundesanwalt wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdeten Straftat - wegen Terror also. Es geht in diesem Ambiente um Untergangsfantasien, um Leichensäcke, Löschkalk, Todeslisten. Um rechte Netzwerke in Polizei und Bundeswehr.

Um deren Ideen von einem Tag X. Seit 2004 gehörte Marko G., 49, zum SEK des mecklenburg-vorpommerischen Landeskriminalamtes, seit Juni 2019 sitzt er in Untersuchungshaft. Ein stämmiger Mann, Kurzhaar und Bart grau. Er war Präzisionsschütze und Schießtrainer der Polizei. Justizbeamte führen ihn am zweiten Verhandlungstag am Donnerstag in Handschellen in den Saal. Lächelnd grüßt er Besucher auf der Tribüne, die wie die Journalisten unten streng kontrolliert wurden.

Beim ersten Prozesstag vor einer Woche hatte der Angeklagte den illegalen Waffenbesitz eingeräumt, aber sonst? Rechtsextreme Motive bestreitet er. Er habe sich immer als "einen der Guten" betrachtet. Er stellte sich dar als konservativ und Waffennarr, dessen Begeisterung nur ein wenig aus dem Ruder gelaufen war. Die Uzi mit Schalldämpfer zum Beispiel, die er nie hätte besitzen dürfen, habe er 2009 oder 2010 bei einer Waffenbörse für 500 Euro gekauft und bei den Schwiegereltern gelagert, dann zu Hause. "Aus Sammelleidenschaft." Die Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass die Maschinenpistole 1993 bei der Bundeswehr entwendet worden sei.

"Todeslisten"

Deckname Nordkreuz

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Marco G. bezeichnet sich als Administrator der Chatgruppe Nordkreuz, einer Prepper-Vereinigung, offenbar vernetzt mit diesem SEK. Der Begriff Prepper stammt vom englischen Verb prepare, vorbereiten, Prepper präparieren sich für einen von ihnen erwarteten Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Das ist für sie der Tag X. Die einen horten nur Lebensmittel, andere haben tödliche Pläne. Zu Letzteren zählt nach Erkenntnissen der Ermittler Nordkreuz, wo vor allem Geflüchtete als Gefahr betrachtet werden und Listen von linken Feinden angelegt worden sein sollen.

Von "Schattenstrukturen" sprach ein SPD-Abgeordneter im Landtag

Marko G. tut so, als sei alles harmlos gewesen. Bei den angeblich von Nordkreuz georderten Leichensäcken, so ließ er zum Auftakt verlauten, sei es um den Schutz für Schlafsäcke gegangen und beim Löschkalk um Latrinen. Sie hätten Vorräte angelegt, "Workshops für das Überleben in der Wildnis" veranstaltet, auch mal Schießtraining auf einem Schießstand. "Gedankenspiele im Rahmen des Krisenszenarios", sagt jetzt sein Anwalt. Munition habe Marko G. in kleinen Mengen bei Schießübungen der Polizei abgezweigt, das SEK trainierte vor allem auf einer privaten Anlage in Güstrow. 500 bis 700 Schuss pro Mann und Tag seien dort normal gewesen, so Marko G., für Präzisionsschützen wie ihn weniger. Auf dem Schießplatz sollen auch bei internationalen Treffen Unmengen an Projektilen verschossen worden sein. Acht Beamte wurden im Zuge der Affäre suspendiert, gegen vier wurden Verfahren eingeleitet. Eine Kommission beschäftigte sich im Auftrag der rot-schwarzen Landesregierung mit dem Fall, Innenminister Lorenz Caffier (CDU) wechselte Teile der LKA-Führung aus. Von "Schattenstrukturen" sprach ein SPD-Abgeordneter. Geld für Munition von Nordkreuz? 7500 Euro soll Nordkreuz für 30 000 Schuss Munition gesammelt haben. Es hieß, "für einen Krisenfall" brauche man "ca. 40 000 Schuss Munition". Von einem "Safe-House" ist die Rede, einem Versteck. Auf die Frage eines Kollegen, wie viel Munition er brauche, sagte Marko G. laut Protokoll der Ankläger einmal: "Alles, was geht."

Bei der Geburtstagsfeier eines Nordkreuz-Mannes soll Marko G. 2016 einen Schießwettbewerb gewonnen haben. Der Preis war ein Pokal, der aussah wie ein Schütze mit Gewehr im Anschlag, sie nannten ihn "Mehmet-Turgut-Gedenkpokal 2016". Mehmet Turgut wurde 2004 von der Terrororganisation NSU in Rostock ermordet.

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