Zunehmender Extremismus Der Mensch bleibt dem Menschen ein Wolf

Teilnehmer der Demo von AfD, Pegida und "Zukunft Heimat" im September 2018 in Köthen in Sachsen-Anhalt.

(Foto: Getty Images)

Die gespaltene deutsche Gesellschaft steht sich zunehmend hasserfüllt gegenüber. Wer sich fragt, warum, kommt an der Natur des Menschen nicht vorbei. Aber sie lässt sich kultivieren.

Essay von Markus C. Schulte von Drach

Immer mehr Menschen aus dem bürgerlichen und gebildeten Lager zeigen offen eine rechte Gesinnung oder sogar Fremdenfeindlichkeit. Das spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen der AfD wider. Besonders deutlich war es bei den Demonstrationen im Osten Deutschland zu sehen, wo extreme Rechte und Neonazis von etlichen bürgerlichen Mitläufern begleitet wurden - die sich selbst dann nicht distanzierten, als etwa der Hitlergruß zu sehen war.

Eine Kluft tut sich auf in Deutschland. Den liberalen Bürgerinnen und Bürgern erscheint die Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite monströs. Aber dort stehen keine Monster, die endlich ihr wahres Gesicht hinter der bürgerlichen Maske zeigen. Diese Menschen meinen, gute Gründe für ihre Überzeugung zu haben. Sie halten ihre Sorgen für berechtigt und ihre Motive für redlich. Diese "besorgten Bürger" ändern nicht beschämt ihre Meinung, wenn man gegen sie demonstriert, sie als Rechte und Nazis bezeichnet und für gefährlich und dumm erklärt.

Leserdiskussion Neigt der Mensch von Natur aus zur Fremdenangst?
Leserdiskussion

Neigt der Mensch von Natur aus zur Fremdenangst?

Misstrauen gegen Fremde und das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit sind archaische menschliche Neigungen. In Diskussionen um Rechtsextremismus wird dies oft vergessen.

Die Mehrheit der Deutschen lehnt Fremdenfeindlichkeit ab - und zeigt das inzwischen deutlich. Das ist die Reaktion auf jene "Wutbürger" und sogar Neonazis, die inzwischen offenbar überzeugt davon sind, für einen sehr großen, aber schweigenden Bevölkerungsteil zu sprechen. Hierin liegt die eigentliche Bedeutung der Demonstrationen "#wirsindmehr" und wir sind #unteilbar:

Kundgebung gegen Rassismus in Berlin, Oktober 2018

(Foto: dpa)

Die deutsche Gesellschaft steht weiterhin mehrheitlich für Toleranz und Vielfalt. Tatsächlich ist der Anteil derjenigen, die aufgrund von Umfragen als fremdenfeindlich, antisemitisch, ausländer- oder muslimfeindlich eingeschätzt werden, in den vergangenen Jahren nicht gewachsen. Er war und ist relativ groß.

Was sich aber verändert hat: Immer mehr Menschen werten Asylbewerber ab und sagen, sie würden sich wegen der Muslime als Fremde im eigenen Land fühlen. Und dieser Teil der Bevölkerung wird lauter und aggressiver.

Wie soll die Gesellschaft damit umgehen? Haltung gegen rechts zu zeigen, ist wichtig, "vermutlich aber ist 'Auseinandersetzung' das produktivere Rezept", schreibt Zeit-Redakteur Ijoma Mangold. Auseinandersetzen bedeutet aber nicht nur, mit Rechten zu reden. Es bedeutet vor allem, sich auseinanderzusetzen mit den Ursachen der rechten, fremdenfeindlichen Einstellungen. Das bedeutet nicht, sie zu relativieren oder gar zu rechtfertigen. Es geht darum zu verstehen, womit man es zu tun hat.

Viele Intellektuelle haben sich jedoch aus diesem Diskurs verabschiedet, weil sie nicht bereit sind, den eigentlichen Gegenstand, um den es geht, zu betrachten: den Menschen und seine Natur.

Ihren Ursprung findet die gegenwärtige Entwicklung in zwei archaischen menschlichen Neigungen: Fremden zu misstrauen und dem Bedürfnis, sich in Gruppen zusammenzuschließen.

Woher Misstrauen und Angst kommen

  • "Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen." (Thomas Hobbes, englischer Philosoph. Ursprünglich: "Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht Mensch, solange er nicht weiß, wie der andere ist." Plautus, antiker römischer Dichter)
  • "Ich gegen meinen Bruder. Mein Bruder und ich gegen die Familie. Meine Familie und ich gegen den Clan. Mein Clan und ich gegen mein Land. Mein Land und ich gegen die Welt." (somalisches Sprichwort)
  • "Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier." (Methusalix in "Asterix"-Band 21)

Mit diesen Zitaten lässt sich zusammenfassen, was Sozialwissenschaftler, vor allem aber auch Verhaltens- und Soziobiologen seit Jahrzehnten belegen: Der Umgang der Menschen miteinander ist geprägt von Neugier, Aufgeschlossenheit, Kooperation und sogar Zuneigung. Aber er wird auch bestimmt von Vorsicht, Ablehnung, Angst und Abwehrbereitschaft.

Das sitzt uns tief in den Knochen. Denn unter unseren Vorfahren haben diejenigen häufiger überlebt, die eher einmal zu oft als einmal zu wenig vorsichtig waren. Misstrauen gegenüber Fremden ist eine evolutionäre Anpassung. Und es ist allgegenwärtig. Weltweit haben Menschen deshalb zum Beispiel Rituale entwickelt, die es Fremden leichter machen, Kontakt aufzunehmen.

Dazu dienen etwa simple Begrüßungen, sich die Hand zu geben, sich zu verbeugen oder in manchen Kulturen sogar, sich mit den Nasen zu berühren. Wir signalisieren so, dass wir die Anwesenheit der anderen akzeptieren und selbst friedliche Absichten haben. Höfliche Umgangsformen haben ihren Sinn. (Natürlich gibt es Begrüßungsrituale auch zwischen Vertrauten, um das Zusammengehörigkeitsgefühl aufrechtzuerhalten oder zu intensivieren.)

Weil "fremd" eine mögliche Bedrohung anzeigen kann, greift unsere Wahrnehmung für eine erste schnelle Einschätzung auf einen Trick zurück: Je mehr ein Mensch uns ähnelt, desto eher haben wir das Gefühl, zu wissen, womit wir es zu tun haben. Eine vertraut wirkende Erscheinung wirkt berechenbar. Je weniger uns dagegen jemand ähnelt - je fremder er uns ist -, desto unsicherer sind wir. Heikel ist, dass die Einordnung nicht nur bewusst, sondern schneller unbewusst abläuft. Sie kann dementsprechend irrational sein. Das gilt etwa für die Reaktion auf die Hautfarbe oder das Geschlecht. So zeigen auch viele Menschen, die keine Rassisten sind, unbewusst eine Tendenz zu negativeren Assoziationen gegenüber Personen mit anderer Hautfarbe. Psychologen sprechen hier vom "implicite bias".