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Rechtsextremismus:"Cobra 11", dazu 30 Nägel

  • In München hat der Prozess gegen den Führungszirkel der rechtsextremen "Oldschool Society" begonnen.
  • Bei einem der Angeklagten hatten Ermittler 2015 Dutzende Feuerwerksknaller bis großer Sprengkraft sichergestellt, dazu 30 Nägel.
  • Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Gruppe einen Anschlag auf eine bewohnte Asylunterkunft im Raum Borna plante.

Von Jan Bielicki

Es klang so simpel und so brutal. "So ein Cobra 11, hier, weißt du, hier Dachpappenstifte draufmachen mit Sekundenkleber ringsrum, draufkleben und dann", sagte Markus W. am Telefon zu seinem Gruppenkumpel Andreas H., "so ein Ding im Asylcenter, im Asylheim so, weißt du, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt". H.s Antwort: "Tät mir schon gefallen, wär schon so nach meinem Geschmack." Es kam nicht so weit.

Das Bundeskriminalamt hatte mitgehört, und ein paar Tage später, am 6. Mai des vergangenen Jahres, durchsuchten 250 Beamte, darunter Kräfte der Anti-Terror-Einheit GSG 9, bundesweit Wohnungen. Bei Markus W. im sächsischen Borna stellten sie gleich 72 solcher Dinger sicher: sogenannte Polenböller, hierzulande nicht zugelassene Feuerwerksknaller mit großer Sprengkraft und sprechenden Namen wie "Dum Bum", "La Bomba" oder eben "Cobra 11", dazu 30 Nägel.

Markus W. ist 40 Jahre alt, ein großer Mann mit breiten Schultern, blank polierter Glatze und reichlich durch Nase, Lippen, Augenbrauen und Ohren gepierctem Metall. Er arbeitete als Sicherheitsmann, auch schon, wenn auch ungern, in einem Flüchtlingsheim in Leipzig. Seit diesem Mittwoch sitzt er als Angeklagter vor dem Oberlandesgericht München.

Seine Freundin Denise Vanessa G., 23, sitzt ein paar Stühle weiter, sein Telefongesprächspartner Andreas H., 57, ist auch da und Olaf O., der an seinem 48. Geburtstag wie die anderen drei ebenfalls angeklagt ist, eine terroristische Vereinigung gegründet und ein Sprengstoffverbrechen vorbereitet zu haben. Die vier sollen, so Bundesanwalt Jörn Hauschild in seiner Anklage, mit Sprengkörpern "insbesondere in Form von Nagel- oder Brandbomben" Anschläge auf bewohnte Asylunterkünfte geplant und dabei "die Tötung von Menschen zumindest billigend in Kauf genommen" haben.

Das Quartett bildete den Führungszirkel einer Gruppe von Rechtsextremisten, die sich auf Facebook gefunden hatte und sich "Oldschool Society" nannte. Anders als der rechtsterroristische "Nationalsozialistische Untergrund", über dessen Mordserie im gleichen Gebäude ein anderer Strafsenat verhandelt, suchte die Truppe mit dem Kürzel OSS die Öffentlichkeit: Sie hatte einen Facebook-Auftritt, eine Handy-Kontaktnummer, ein Postfach, einen Totenkopf mit blutigen Hackmessern als Logo und ein Werbevideo auf Youtube. Sogar eine Satzung gab es und ordentliche Ämter mit H. als "Präsidenten", W. als "Vizepräsidenten", O. als "Pressesprecher" und G. als "Schriftführerin".

Nicht öffentlich nannten sie sich "Geheimrat" und radikalisierten sich in internen Chatgruppen des Kommunikationsdienstes Telegram sehr schnell. Als sich etwa ein Dutzend OSS-Mitglieder im November 2014 auf W.s Parzelle in der Kleingartenanlage Sommerfreude am Harthsee nahe Borna trafen und dort laut Anklage den "bewaffneten Kampf gegen Salafisten" und ein "gewaltsames Vorgehen gegen Asylanten" erörterten, war der Landesverfassungsschutz längst auf den radikalen Haufen aufmerksam geworden.

Konkrete Anschlagspläne oder "Kopfkino"?

Die Behörden bekamen also mit, dass sich W. und seine Freundin G. am 1. Mai in Tschechien illegal Böller besorgt hatten. Und sie wussten, dass die OSS-Mitglieder für den 8. Mai zu einem Treffen nach Borna geladen waren und dazu in neutraler schwarzer Kleidung und bitte schön nüchtern kommen sollten. Schließlich, so hieß es in einem Chat, sei eine "Nachtwanderung" geplant, mögliche Ziele: "Asylantenheim, Antifaquartier oder Ölaugen umschuppen."

Die Bundesanwälte gehen davon aus, dass die Gruppe einen Anschlag auf eine bewohnte Asylunterkunft im Raum Borna plante. In dem Prozess, der bis zum November angesetzt ist, wird es vor allem darum gehen, ob die Anschlagspläne wirklich so konkret waren, wie es die Anklage aus den abgeschöpften Gesprächen heraushört. Oder ob dabei nur ein "sicher ernst zu nehmendes Kopfkino" lief, wie H.s Verteidiger Michael Rosenthal sagt.

Zwei der vier Angeklagten wurden psychiatrisch begutachtet, ein anderer geriet wohl nach einem Hirntumor aus der Bahn. Gegen weitere OSS-Mitglieder wird nach Angaben von Bundesanwalt Hauschild noch ermittelt.

© SZ vom 28.04.2016/gal
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