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Datenrecherche #hassmessen:"Jeder und jede ist anfällig für Radikalisierung"

Wueentender Anti Corona Demonstrant

Demonstranten gehen bei Corona-Protesten die Polizei an.

(Foto: Armando Babani / AFP)

Extremistische Gruppierungen rekrutieren online Anhänger. Während der Pandemie sind sie besonders erfolgreich. Die Forscherin und Politikberaterin Julia Ebner über ein gefährliches Potenzial der Krise.

Von Berit Kruse

Auf Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen kommt es immer häufiger zu Ausschreitungen und Gewalt. Auch im digitalen Raum der Kritiker wird der Ton rauer und aggressiver, zeigt eine SZ-Datenanalyse von fast zwölf Millionen Telegram-Nachrichten. Wie Menschen sich gegenseitig radikalisieren und extremistische Bewegungen online Mitglieder rekrutieren, erforscht Julia Ebner am Institut für strategischen Dialog in London.

Frau Ebner, was hat Radikalisierung mit der Pandemie zu tun?

Wir beobachten seit Ausbruch der Corona-Krise eine beschleunigte Radikalisierung, vor allem in sozialen Medien. Es lässt sich beobachten, dass Rechtsextremisten gerade die Machtlosigkeit der Bevölkerung gegenüber der Pandemie, das Misstrauen gegenüber der Politik und den Ärger über die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen von Corona ausnutzen. Diese Kombination macht vor allem im Netz Menschen, die häufiger online unterwegs sind und mehr Einsamkeit und Isolierung erfahren, anfällig für das Angebot, zu einer exklusiven Gruppe dazuzugehören - und damit für die Narrative von Rechtsextremisten. Es ist ein Angebot der Zugehörigkeit und Bruderschaft in dieser Phase, in der so viele Ängste auftauchen.

Datenrecherche #hassmessen

Dieser Artikel ist Teil des Projekts #hassmessen. Die digitale Reportage zur Recherche und weitere Beiträge aus dem Themenschwerpunkt finden Sie hier: sz.de/hassmessen.

Einsam und verunsichert sind viele von uns gerade. Warum lassen sich einige Personen radikalisieren und andere nicht?

Die Menschen, die sich radikalisieren lassen, kommen aus den unterschiedlichsten Ecken - sowohl, was den sozioökonomischen Hintergrund betrifft, als auch, was die Altersgruppe und den Bildungsgrad angeht. Was sie gemeinsam haben, ist ein Anti-Eliten-Ressentiment. Der Ausgangspunkt für die Radikalisierung ist ein kollektiver: eine Krise, Frustrationen, Ärger und Misstrauen gegenüber der Politik. Das wird von Rechtsextremisten verwendet, um Schritt für Schritt ihre Ideologien und ihre Sprache einfließen zu lassen und Menschen zu indoktrinieren.

Aber heißt das, dass es uns allen passieren könnte: Dass wir in diesen Zeiten Gefahr laufen, extremistische Sichtweisen anzunehmen?

Ich sehe, dass jeder und jede dafür anfällig ist, auch, wenn man sich viel mit dem Thema beschäftigt und glaubt, dem gewappnet zu sein. Es gibt immer Momente im Leben, in denen man auf so was anspringt. Da helfen Präventionsmethoden, also sich bewusst zu machen, was Zeichen der Radikalisierung sind und was manipulative Methoden sind, die Extremisten verwenden. Aber mir sind bei meinen Undercover-Recherchen in extremistischen Kreisen auch Menschen mit Doktortitel und in gut bezahlten Jobs begegnet. Auch ich selbst hatte einen Moment, in dem ich beinahe radikalisiert wurde, obwohl ich mich täglich mit den Manipulationstricks und Rekrutierungstaktiken von Extremisten beschäftige.

Julia Ebner

Julia Ebner forscht zu Online-Extremismus und veröffentlichte 2019 das Buch "Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren".

(Foto: Tori Ferenc)

Welche Methoden nutzen Extremisten?

Oft beginnt der Weg in die Radikalisierung mit der sozialen Zugehörigkeit zu einer Gruppe, in der eine ganz bestimmte Sprache gesprochen wird. Man entwickelt schnell ein eigenes Vokabular, eigene Witze, eigene Insider, eigene Referenzen. Man fühlt sich als Teil einer Community, und das ist gerade am Anfang des Radikalisierungswegs unglaublich mächtig. Was auch oft ins Spiel kommt, sind Verschwörungstheorien, die die Schuld an sozialen und gesellschaftlichen Krisen, Gesundheits- und Wirtschaftskrisen bei Eliten oder anderen dämonisierten Außengruppen suchen. Sie bieten simple Lösungen für komplexe Probleme an. Das ist attraktiv, wenn man sich gerade verloren oder machtlos fühlt.

Wie viele Menschen radikalisieren sich zurzeit online?

Wir gehen davon aus, dass in Deutschland Hunderttausende Menschen mit radikalen Online-Communitys sympathisieren. Gerade in Deutschland ziehen die Corona-Proteste besonders viele Menschen an. Das liegt auch daran, dass die rechtsextreme Szene in Deutschland schon vor Corona sehr gut vernetzt war. Außerdem gibt es hier schon lange ein großes Misstrauen gegenüber der Politik - und spätestens seit der sogenannten "Flüchtlingskrise" einen großen Hass auf Angela Merkel. Menschen, die sich gegen das Establishment und die Medien auflehnen und schon ein gewisses Frustrationslevel haben - denen rassistische oder antidemokratische Ideologien einzureden, ist für Rechtsextremisten nur noch ein kleiner Schritt.

In vielen dieser Gruppen werden Hunderte Nachrichten am Tag geschrieben, zudem sind User oft Mitglied in mehreren Gruppen dieser Art. Was macht das mit Menschen, die permanent mit solchen Inhalten konfrontiert werden?

Brainwashing funktioniert über Wiederholung, also permanente Indoktrinierung. Gerade jetzt, im Corona-Zeitalter, haben viele Menschen ihre Jobs verloren, sind komplett online. Das ist besonders gefährlich, weil sich Menschen jetzt stundenlang in diesen Kanälen aufhalten - und da auch ihre Abende und ihre Wochenenden verbringen. Gerade bei QAnon baut sich die Welt der Verschwörungstheorie auf, indem alle mithelfen. Es ist ein Bürgerprojekt, bei dem jeder einen Teil zum Puzzle hinzufügen kann. Das Ganze ist ein Gegenmittel zur Langeweile und Einsamkeit. Deswegen steigen viele Menschen auch gar nicht aus politischen Gründen ein, sondern eher aufgrund dessen, wie die ganze Szene aufgebaut ist.

Trotzdem finden einige Menschen es irgendwann folgerichtig, den Sturz der Regierung zu fordern.

Da wird permanent Hass geschürt und Panik verbreitet: Wenn man ständig vom Untergang Deutschlands liest und von dem Zusammenschluss der Eliten, um uns alle in einen unvermeidbaren Krieg zu führen, um uns Mikrochips zu implantieren oder um ein autoritäres Überwachungsregime zu starten, ist das auf psychischer Ebene gefährlich. Weil man irgendwann in diese Ausweglosigkeit hineindriftet, weil man das Gefühl bekommt, selbst agieren zu müssen, um das zu verhindern.

Rechtsextremisten versuchen, dieses Gefühl zu vermitteln: Wir müssen Tag X vermeiden, wir müssen uns auf den Kampf vorbereiten, wir müssen einen Sturz der Regierung veranlassen - und zwar jetzt, sonst ist es zu spät. Dadurch, dass es auch so viel Vertrauen gegenüber anderen Mitgliedern gibt und ein fast familiäres Gefühl vermittelt wird, würde man alles für die Gruppe geben. Das ist eine gefährliche Dynamik, weil wir festgestellt haben, dass Menschen sogar bereit sind, für eine Gruppe, die sie als gefährdet sehen, das eigene Leben zu opfern oder andere anzugreifen, die als Feindbild gesehen werden.

Dieses Gewaltpotenzial hört also nicht bei der Sprache auf, sondern wird auch aus den Chats in die Offline-Welt hinausgetragen.

Ja. Im letzten Jahr gab es vermehrt, vor allem bei Protesten, Angriffe auf Journalisten und Gegendemonstranten, aber auch Angriffe auf Sicherheitsbehörden. Es gab Attentate, die von QAnon und Rechtsextremisten ausgegangen sind, geplante Angriffe auf wissenschaftliche Institute, auf Politiker, aber auch relativ arbiträr ausgesuchte Angriffsziele, die Sicherheitsbehörden noch nicht auf ihrem Radar haben. Diese Verschwörungstheorien schaffen so viele neue Feindbilder, dass auch Hollywoodstars als involviert gesehen werden können.

Wenn die Pandemie vorbei ist, wenn alle wieder weniger online sind und weniger Ängste haben: Ist das dann vorbei?

Die Hoffnung ist, dass alle wieder zur Realität zurückkehren, wenn alles wieder aufsperrt. Ich denke, das wird nicht so sein. Radikalisierung erfolgt nachhaltig. Es wird länger dauern, die Dynamik rückgängig zu machen und das Vertrauen in Politik und Medien wiederherzustellen. Auch in der wirtschaftlichen Krise stehen wir noch am Beginn, die wird der Gesundheitskrise nachgelagert sein. Das heißt: Es gibt leider noch viel Mobilisierungspotenzial, um die Frustration über wirtschaftliche Konsequenzen auszunutzen und die Folgen der Pandemie den vermeintlichen globalen Eliten in die Schuhe zu schieben. Aber ich bin trotzdem optimistisch.

Weil Sie Ideen haben, was man dagegen tun kann?

Gerade bei Verschwörungstheorien sieht man in Deradikalisierungsversuchen, dass es schwierig ist, Menschen herauszuholen - weil man mit Fakten nirgends hinkommt. Man muss emotional argumentieren, bevor man überhaupt versuchen kann, Menschen aus diesen Communitys zurückzuholen. Deswegen ist es unglaublich wichtig, dass die Regierung erst mal eine Analyse zu den wirtschaftlich und psychisch besonders stark von der Krise betroffenen Bevölkerungssegmenten macht und dann für sie Hilfsprogramme schafft. Das sind diejenigen, die für Verschwörungstheorien und radikale Ideologien am anfälligsten sind.

Im Moment sieht man leider, dass viele Menschen radikale und verschwörungstheoretische Communitys als einzige Lösung für ihr Problem sehen. Es muss Programme geben, die proaktiv auf diese Menschen zugehen und ihnen eine Alternative bieten. Auch in der Bildung muss ein größeres Bewusstsein dafür geschaffen werden, mit welchen Methoden Verschwörungstheoretiker arbeiten. So können wir vielleicht die nächste Generation dagegen wappnen, sich solchen Gruppen leichtfertig anzuschließen.

© SZ/sebi/gba
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