Rechtsextremismus in Sachsen Unter Naziverdacht

Heidenau und Freital: beide Städte liegen in Sachsen, nur 20 Kilometer voneinander entfernt.

(Foto: imago/dpa)

Immer wieder werden Städte in Ostdeutschland zu Chiffren für Fremdenhass und rechtsextremen Terror. Wie damit umgehen? Ein Besuch in Heidenau und Freital. Zwei Orte zwischen Verdrängung und Gottvertrauen.

Von Antonie Rietzschel, Heidenau und Freital

Still und verlassen steht das Haus da. Ein langer Kasten mit spitz zulaufendem Dach. Dichte Tannen versperren den Blick auf das Tal, in dem sich die Wohnhäuser der Stadt an einer langen Durchfahrtsstraße aneinanderreihen. "Leonardo", so nennen die Freitaler das Gebäude. Der elegante Name erinnert an bessere Zeiten. Als die 160 Zimmer des Hauses Teil eines Hotelkomplexes waren. Drei Sterne, Sauna, Tagungsräume, Terrasse im Grünen.

2015 machten die Betreiber das Hotel dicht. Die Stadt nutzte es als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Jetzt steht das Haus leer und wirkt wie ein vergessenes Mahnmal: An der braunen Glastür klebt noch immer eine Liste von Asylbewerbern, die Zutrittsverbot haben. Bilal, Hedi, Ahmed, Ali - insgesamt 40 Namen sind aufgeführt. Im Foyer hängt eine Girlande, die Flüchtlingshelfer aus Postkarten gebastelt haben: "Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht", steht da. Kein Willkommensgruß. Ein Kommentar zu den asylfeindlichen Demonstrationen, die Freital und seine 39 300 Einwohner im Sommer 2015 bundesweit bekannt machten. Die "Tagesschau" berichtete. Der Spiegel schrieb von "Hass-Predigern", das Magazin Stern vom "braunsten Tal Deutschlands". Als schließlich die Mitglieder einer rechtsextremen Terrorgruppe festgenommen wurden, war der Name der Stadt auch im Ausland ein Begriff.

Auf Freital folgte Heidenau, Clausnitz, Bautzen. Und 2018 Chemnitz, wo am 16. November Angela Merkel zum Bürgerdialog erwartet wird. All diese Städte und Gemeinden zeigen, dass es nur einen guten Anlass sowie einen Ort braucht und sogenannte besorgte Bürger, Rechtsextreme, Neonazis stehen zur Hassparade bereit. Und selbst wenn die "Flüchtlinge raus"-Rufe verstummt, die Journalisten verschwunden sind - das Stigma bleibt. Die Menschen müssen mit der Gewissheit leben, dass ihr Heimatort nicht mehr nur ein Punkt auf einer Landkarte ist, sondern eine Chiffre für Hass und Terror. Noch schlimmer ist für viele der Riss, der sich durch die Bevölkerung zieht, Familien und Freundeskreise trennt. Lässt er sich je wieder schließen?

Schlechte Erinnerungen

"Wir sind ein Team", ruft Candido Mahoche. In Trainingshose und Windjacke steht er auf dem Fußballfeld des Freitaler Vereins Hainsberger SV. Der Kunstrasen glänzt in der Sonne silbrig. Mahoche bildet mit zehn Kindern einen Kreis. Einige tragen orangefarbene Leibchen, die wie Säcke von den schmalen Schultern hängen. Auf einem blauen Trikot steht "Neuer", "Lisandro" auf einem anderen. Große Idole für die Kleinen. Die Jungen und Mädchen halten sich an den Händen. "Wir sind ein Team", rufen die Kinder.

Seit zehn Jahren ist Candido Mahoche Nachwuchstrainer. Darüber würde der 60-Jährige am liebsten sprechen, als er sich nach dem Training im Vereinsheim auf einen schwarzen Drehstuhl setzt. "Den habe ich früher trainiert", sagt Mahoche und zeigt durch das Fenster auf einen jungen Mann mit blondiertem Haarschopf. Der ausgestreckte Finger wandert zu einer jungen Frau mit Locken. "Die och." Doch an diesem Nachmittag soll es um den Sommer 2015 gehen. Mahoche verschränkt die Arme vor der Brust. Als könnte er so die Erinnerung fernhalten.

Freital kam damals wochenlang nicht zur Ruhe. In der Stadt formierten sich Bürgerinitiativen, sie hießen "Freital wehrt sich" oder "Frigida - unsere Stadt bleibt sauber". Rechtsextreme und sogenannte besorgte Bürger marschierten gemeinsam hinter Transparenten: "Kein Ort zum Flüchten", stand drauf oder: "Keine Duldung von Sozialschmarotzern". Vor dem Flüchtlingsheim, dem "Leonardo" spielten sich Szenen wie diese ab: Eine Frau mit dunklem Pferdeschwanz steht vor dem Demonstrationszug, der sich in Rufweite versammelt hat. Mit schriller Stimme brüllt sie: "Asylbewerber?". "Raus!", grölen Hunderte Stimmen im Hass-Stakkato. "Antifa?" "Raus!". Die ersten Flüchtlinge konnten nur unter Polizeischutz in die Unterkunft einziehen.

Monatelang demonstrierten Asylgegner vor dem "Leonardo".

(Foto: Oliver Killig/dpa)

Aus der Hetze wurde Terror. Auf den Demonstrationen fanden sich die Mitglieder der "Gruppe Freital". Unauffällige Leute, darunter ein Busfahrer, ein Pizzalieferant. Sie begingen mehrere Sprengstoffanschläge auf Wohnungen, in denen Flüchtlinge lebten. Die Angriffe richteten sich auch gegen politische Gegner. Das Fenster des Linken-Büros zersplitterte unter der Wucht einer Explosion. Mitglieder der Terrorgruppe zündeten einen Sprengsatz im Auto eines Linken-Stadtrats, der sich für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hatte. Die Scheiben des grünen Golfs zerbarsten, der Rückspiegel und einige Kabel wurden aus der Halterung gerissen. Der Stadtrat hat Freital verlassen, aus Angst (ein Porträt).

Die zerstörte Scheibe des Parteibüros der Linken in Freital.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Candido Mahoche findet das bedauerlich. "Aber man muss auch sehen, in welcher Partei der war; hat sich mit einigen Leuten angelegt", sagt er. Mit anderen Worten: Selbst schuld. Eine Einstellung, die in Freital nicht überrascht. Die Anschläge wurden von vielen Bewohnern verharmlost. Von "Lausbuben" war die Rede. Der Bürgermeister sprach von Taten Einzelner, die man nicht so ernst nehmen solle. Das Oberlandesgericht Dresden sah das anders, verurteilte die Mitglieder der Terrorgruppe im März 2018 zu hohen Haftstrafen.

Die Bürgerinitiative, aus der die Gruppe hervor ging, ist weiterhin aktiv - hat sich längst vernetzt mit anderen Gruppen wie Pegida. Trotzdem sagt Candido Mahoche, Rassismus und Rechtsextremismus seien in der Stadt kein Problem. Dahinter steckt eine einfache Logik: 2014 zog Mahoche bei der Kommunalwahl für die CDU in den Stadtrat ein. "Wenn die Freitaler jemanden wie mich unterstützen, dann können sie nicht rassistisch sein." Mahoche ist schwarz. Er stammt aus Mosambik. Seine Mutter war Analphabetin, die Familie lebte von dem, was die Kokospalmen und das Tabakfeld abwarfen. 1980 kam er als Vertragsarbeiter in die DDR.

Candido Mahoche auf dem Sportplatz.

(Foto: Antonie Rietzschel)

Er wohnte zunächst in einem Wohnheim im Süden Dresdens. Es gab klare Regeln: Morgens Deutschunterricht. Zusätzlich ein Jahr Marxismus und Leninismus. Am Nachmittag arbeitete Mahoche in einem Dresdner Getränkekombinat. 22 Uhr mussten alle im Wohnheim sein. Einmal im Monat war Putztag. Ein Betreuer kontrollierte die Zimmer und die gemeinsame Küche auf Sauberkeit. War er nicht zufrieden, gab es Ausgangssperren. Man könnte es als Schikane bezeichnen. Mahoche nennt es "gute Organisation".