Rechtsextremer Front National Der Teufel will nicht weichen

Parteichefin Marine Le Pen und ihr Vater Jean-Marie im Europawahlkampf.

(Foto: REUTERS)

Zoff im Familienunternehmen Front National: Parteichefin Marine Le Pen kritisiert erstmals öffentlich eine antisemitische Äußerung ihres Vaters Jean-Marie. Denn: Der Parteigründer und seine alte Garde gefährden ihren Erfolg.

Von Lilith Volkert

Es ist meist unangenehm, wenn Familienmitglieder ihren Zwist mit Hilfe der Medien austragen. Doch diesmal geht es nicht um den Rosenkrieg von C-Prominenten, sondern ein umstrittener Politgreis und seine gerade äußerst erfolgreiche Tochter tragen öffentlich einen Richtungskampf aus.

Der Parteigründer des französischen Front National, Jean-Marie Le Pen, und seine Tochter Marine Le Pen, die die rechtsextreme Partei seit drei Jahren führt, haben sich in den letzten Tagen einen bemerkenswerten Schlagabtausch geliefert. Anlass war eine antisemitische Bemerkung des Vaters über den Schnulzensänger Patrick Bruel. In einem auf der FN-Seite veröffentlichten Videointerview sagte er über den jüdischen Musiker, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert: "Wissen Sie, da machen wir das nächste Mal eine Ofenladung (une fournée)."

Nicht nur die französische Öffentlichkeit verurteilte diese Anspielung auf die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Erstaunlicherweise schlossen sich auch hochrangige FN-Politiker der Kritik an. Tochter Marine Le Pen sprach von einem "politischen Fehler", Parteivize Louis Aliot bezeichnete die Entgleisungen als "politisch dumm und bestürzend".

Der Gründer ist zu einem Problem für seine Partei geworden

Le Pen konterte, den politischen Fehler begingen jene, die sich dem "Einheitsdenken" angepasst hätten. Jene, die aus dem Front National eine Partei wie alle anderen auch machen wollten. Zuvor hatte er sich mit den Worten gerechtfertigt, das Wort "Ofenladung" habe "natürlich keine antisemitische Bedeutung, außer für politische Feinde oder Dummköpfe". FN-Anhänger, die seine Aussage als antisemitisch verstünden, waren da mit eingeschlossen.

Dass Marine Le Pen ihren Vater zum ersten Mal öffentlich in die Schranken weist, offenbart, dass der 85-jährige Provokateur inzwischen zu einem echten Problem für die Partei geworden ist. Seit die Politikerin sich Anfang 2011 den Parteivorsitz erkämpft hat, betreibt sie die "Entteufelung" (dédiabolisation) des FN. Antisemitismus und dumpfer Ausländerhass sollten darin keinen Platz haben, Ewiggestrige hat sie durch smarte Nachwuchspolitiker wie ihren erst 32-jährigen Stellvertreter Florian Philippot ersetzt.

Bisher war diese Strategie äußert erfolgreich. Bei der Präsidentschaftwahl 2012 bekam Marine Le Pen 18 Prozent der Stimmen, bei der Kommunalwahl im Frühjahr räumte der FN so viele Bürgermeisterposten ab wie nie zuvor. Und bei der Europawahl im Mai wurde er frankreichweit sogar stärkste Partei. Marine Le Pen feierte den Front National als neue große Kraft neben Sozialisten und Konservativen.

Mit seinen Provokationen gefährdet Le Pen Senior nicht nur die Charme-Offensive seiner Tochter, er bereitet ihr auch ganz konkrete Schwierigkeiten. Die FN-Chefin versucht gerade im neuen Europaparlament eine Fraktion zu gründen. Auch ihr Vater ist dort seit zehn Jahren Abgeordneter.

"Danke, Jean-Marie!"

Einige potentielle Partner zögern noch angesichts des antisemitischen Hintergrunds der Partei: In den Neunziger Jahren hat Le Pen die Gaskammern in den Konzentrationslagern der Nazis als "Detail der Geschichte" bezeichnet; wegen einer antisemitischen Beleidigung wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Skeptiker im Europaparlament dürften sich jetzt in ihrer Vorsicht bestärkt fühlen. Auch innenpolitisch arbeitet die FN-Chefin an einem Bündnis mit den Konservativen.

Außerdem macht die Diskussion einmal mehr deutlich, dass der Front National eigentlich ein Familienunternehmen ist. Neben Marine, der Parteichefin, und Jean-Marie, dem Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit, hat vor allem Louis Aliot etwas zu sagen - er ist der Lebensgefährte von Marine Le Pen. Auch Marion Maréchal-Le Pen, die Enkelin des Parteigründers, mischt kräftig mit. Kaum jemand in der Partei kann sich einen FN-Chef vorstellen, der nicht auf den Namen Le Pen hört.

Viele Franzosen, darunter auch der geschmähte Patrick Bruel, sind allerdings gar nicht so unglücklich über den Eklat. Er mache deutlich, dass sich der Front National weniger verändert hat, als er glauben machen möchte. "Danke, Jean-Marie!" spottet die Tageszeitung Libération. Die Demokratie in Frankreich könne nur vor der Herrschaft des Front National gerettet werden, wenn der alte Parteigründer ewig lebe und weiterhin antisemitischen Quatsch von sich gebe. "Wenn du schweigst", heißt es, "sind wir verloren."